Demokraten

15 11 2016

„Aber dasselbe können wir jetzt nicht machen, oder?“ „Das Gleiche?“ „Meinetwegen, aber wir können doch jetzt nicht genau so vorgehen wie in den USA.“ „Warum denn nicht?“ „Aus Gründen des Anstands.“ „Wer braucht denn Anstand, wir sind im postfaktischen Zeitalter angekommen.“

„Man kann doch so einen Wahlkampf nicht Deutschland machen.“ „Sie meinen, der Deutsche will lieber nur an der Nase herumgeführt werden?“ „Das ist ja nicht neu, aber Bevölkerungsgruppen pauschal zu beleidigen, das kann ich mir nicht gut vorstellen.“ „Sie waren lange nicht in Bayern, habe ich recht?“ „Es stellt sich hier keiner hin und sagt, die Nordafrikaner sind alle Vergewaltiger.“ „In Deutschland waren Sie auch seit knapp einem Jahr nicht mehr unterwegs.“ „Aber man kann das doch nicht so explizit…“ „Muss man auch gar nicht. Es reicht doch, wenn wir mehr Schutz für die deutsche Frau fordern, damit südländisch aussehende Typen sie nicht ständig missbrauchen. Statistik dazu erfinden, fertig.“ „Und wenn die keiner glaubt?“ „Sie hatten offenbar seit mehreren Jahren schon nichts mehr mit Deutschland zu tun.“

„Laut Wahlkampfdossier erleben wir gerade einen wirtschaftlichen Niedergang, der einzig und allein den vielen Flüchtlingen geschuldet ist.“ „Sie haben es erfasst: der Ausländer ist schuld.“ „Wir haben aber gar keinen Niedergang.“ „Kennen Sie nicht mindestens einen Erwerbslosen, der für den aktuellen Arbeitsmarkt nicht mehr fit ist?“ „Ja, aber das ist ja gerade der Grund: den Leuten fehlt es an Bildung.“ „Sie reden wie so ein Systemparteisoldat. Denken Sie weiter.“ „Die Arbeitslosen brauchen mehr Bildung.“ „Weiter!“ „Wie, weiter?“ „Wir können die Bildung nicht finanzieren, weil wir die Kohle lieber in die Flüchtlinge reinstecken, die dann alle Jobs abgreifen.“ „Aber die sind doch noch viel weniger qualifiziert, das macht doch überhaupt keinen…“ „Doch Systempartei.“ „Nein, aber…“ „Flüchtlinge verhindern, dass die echten Deutschen Arbeit haben. Das ist die Kernaussage, der Rest ist nicht interessant.“ „Aber wir haben ein höheres Bruttoinlandsprodukt gerade durch die Flüchtlinge, das lässt sich doch nicht von der Hand weisen.“ „Nein, aber warum sollte ich ausgerechnet Ihrer Statistik glauben?“ „Das kann sich ein Kandidat in den Vereinigten Staaten erlauben, ja, aber hier im Bundestagswahlkampf?“ „Warum sind Sie immer so skeptisch? wir haben doch dieselben Ziele: die Demokraten ausschalten.“

„Da wäre noch das mit der Mauer.“ „Welche Mauer?“ „Das ist ja das Problem, wir können nicht einfach eine Mauer an der polnischen Grenze hochziehen und die Polen dafür bezahlen lassen.“ „Warum auch, in Polen werden Frauen wie Dreck behandelt, man darf auf der Straße Juden anspucken und der Präsident verkündet öffentlich, dass er die Verfassung aushebeln will. Das sind unsere Freunde.“ „Aber dann erzählen Sie mir doch mal, wo wir die Mauer hinbauen?“ „Wo sehen Sie denn da ein Problem?“ „Wenn wir die amerikanischen Wähler als Maßstab nehmen, kündigen wir eine Mauer an der deutsch-syrischen Grenze an, aber das ist ja schlicht machbar.“ „Dann bauen wir das Ding halt an der Grenze zur islamischen Welt.“ „Wie soll das denn bitte funktionieren?“ „Eine Mauer rund um Deutschland. Wir sind gut, der Rest ist schlecht. Wer das kritisiert, wird halt auch rausgeschmissen.“ „Aus Deutschland?“ „Vorerst aus der Gesellschaft.“ „Und wer zahlt dann dafür?“ „Alle, die irgendwie mit dem Islam zu tun haben.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch Unfug – wenn wir hier alle Türken ausweisen, haben wir nicht nur einen Konflikt mit der Türkei, wir können auch buchstäblich die deutsche Wirtschaft runterfahren.“ „Jetzt denken Sie doch nicht immer so kompliziert, Mann! Wir sind postfaktisch, schon vergessen?“ „Was soll das heißen?“ „Fordern Sie immer nur Sachen, die sich nicht umsetzen lassen, sonst haben Sie ein Problem. Sobald Sie Forderungen aufstellen, am Ende auch noch realistische Forderungen, die sich mit einigem Aufwand und vernünftiger Planung verwirklichen lassen, müssen Sie einerseits arbeiten – abgesehen davon, dass Sie dazu zu blöd sind…“ „Erlauben Sie mal!“ „… und ich darauf schlicht keine Lust habe – und müssen sich am Ende wieder irgendetwas Neues ausdenken, um Ihre Wiederwahl nicht aufs Spiel zu setzen.“ „Jetzt wird’s aber verzwickt.“ „Na klar, was haben Sie denn gedacht? Politik ist viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen.“

„Ich verstehe nicht, wie wir uns so angreifbar machen können. Wer die Sache nicht objektiv genug analysiert, und das tun ja die wenigsten, wird denken, unsere Wähler seien einfach nur dumm.“ „Ach was.“ „Natürlich, es ist doch die Arroganz der Linken, dass sie jeden, der nicht ihrer Meinung ist, für kurzsichtig und blöd halten, lauter vernagelte und egoistische Idioten, die sich mit den Tatsachen gar nicht auseinander setzen.“ „Das ist Ihr Ernst?“ „Ist das nicht diese Abgehobenheit, die sich gegen jede Kritik abschottet? haben die Menschen, die alternative Politik wollen, es verdient, als dumm und manipulierbar hingestellt zu werden?“ „Ja.“ „Aber…“ „Weil sie dumm sind. Wenn unsere Versprechungen nicht funktionieren – und wir werden schon dafür sorgen, indem wir sie sorgfältig auswählen – müssen wir darauf vertrauen können, dass das Volk den verteufelten Minderheiten die Schuld in die Schuhe schiebt. Wir brauchen dumme Schweine, je mehr, desto besser, die uns abnehmen, dass wir eine Mauer bauen wollen, und dann den Flüchtlingen die Schuld geben, wenn wir es gar nicht erst versuchen. So, und jetzt an die Arbeit. Machen Sie mir eine Statistik, dass ich recht habe.“

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