Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIII): Worthülsen

18 11 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Annahme, dass alles, was der Fall ist, auch die Welt sei, hat sich so gut wie erledigt, seitdem der Hominide anfing, die Sprache mit Heißluft aufzupumpen. Das Gedöns übernahm das Regiment und schoss mit Blindgranaten. Übrig blieb Rauch, daneben ein paar Luftlöcher vom Vorbeiballern und jede Menge Hülsen – leeres Gewäsch, das bräsig in die Außenwelt schwallt und nachhallfrei versuppt. Nicht das Geklöter auf der Floskelhalde, die diesbezüglich am Ende des Tages ein Stück weit mehr oder weniger egal ist, bringt die Schlagadern des geistig gesunden Rezipienten zum Vibrieren. Das Gedumpf der Blähboys, meist professionell als Sprachschmadderer tätig, sorgt für ungesittetes Erbrechen, immer rein ins offene Grab der jüngst verblichenen Kommunikation.

Sie holen ihre gezwungenen Zuhörer da ab, wo sie über falsche Bilder verstolpert wehrlos auf dem Rücken liegen, flexibel bis zum Wirbelbruch, und nutzen die entstehenden Synergien, will sagen: während sie dem hilflosen Honk ein Geschwür in den Gehörgang labern, kriegt der Honk es gratis und frei Haus. Win-Win! Bis jetzt ist nichts gesagt, aber Hauptsache, wir haben schon mal über irgendwas geredet, der Luftdruck ist nicht eingeschlafen, wir sind proaktiv auf eine neue Situation zugegangen und haben uns den Herausforderungen der Zukunft gestellt: einatmen, dumm glotzen, ausatmen. Jede Businessblunze hätte spätestens hier geschwabbert, dass wir in ständigem Kontakt zu den Weltmärkten stehen, jeder Politpopel betont, dass wir als Partei die spezifisch prozessorientierte Vorgehensweise einer Lösungsfindung auch in den Ausschüssen für einen breiten Konsens anstreben. Vielleicht erwartet irgendeine Schwurbelgurke, dass man sie danach noch ernst nimmt, wenn man längst das Bild einer Rotte Dummklumpen vor Augen hat, die sich im weißen Rauschen der Nullaussage die Zähne föhnt.

Dergleichen gilt als innovativ – wo nicht kraftvoll geschwiemelt wird, herrscht nach Ansicht der Remmidemmideppen ja Stillstand – und wird sich in den Prozessen lösungsorientiert mit den Problematiken beschäftigen, die punktuell auf den gesamtgesellschaftlichen Prüfstand gehören, um die informelle Ablaufplanung von der Konzeptebene her zu denken. Wer ohne Koks nicht mehr aus der Horizontale kommt, schmeißt mit dem Rotz locker ein Managementseminar für Leistungstrinker.

Aber sei’s drum. Transparenz wird in dieser Hochglanztristesse ja groß geschrieben, meist auch laut, und während der eine noch Eckpunkte in Frage stellt, die als Tendenz rückwirkende Offensiven zur Maximierung auslagern, ist der andere schon offen für ganzheitliche Neuorientierungen, die vereinzelt Strukturen ausklammern und so den Stillstand zum trägfähigen Kurs erheben. Hinter den Kulissen wird noch eben eine detaillierte Projektion verschlankt, der Vorstand fragt sich, wer diesen Knalltüten die Medikamente weggelutscht hat, und während die Konvergenzdimension der Zielvereinbarungen die gemeinsam abstrahierte Step-by-step-Annäherung marktkonform diversifiziert, jodeln bei einem der Anwesenden die Sicherungen raus und führen ihm die Hand zu einem kleinen, aber feinen Blutbad. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Der gesamte Murks, der tagein und landab in den Schreibstuben der Nation gestammelt wird, ist nichts als das dröhnende Einverständnis, jede Art von Inhalt längst überwunden zu haben. Reden ist Krieg, den sich die bollernden Gorillas liefern, mühsam pubertierende Alphatierchen, mit ihren Worthülsen, leeren Dumm-Dumm-Geschossen, von denen nichts den verbalen Bauschaum der anderen Seite durchdringt. Das grunzt sich die Grütze aus dem Schädel, kaut vermutlich vor dem wichtigen Meeting noch mal einen Coach, der ihm frisches Kompetenzimitat in die Vene jubelt, und tut so, als wäre er Teamplayer, flexibel, zukunftsorientiert, während er in Wirklichkeit der kleine Brüllaffe bleibt, der mit roter Rübe unter seinesgleichen auf dem Tisch tanzt und Bedeutung antäuscht. Weit gefehlt, er ist unentbehrlich wie ein Stopper in der Drehtür, sein Fiepen aus dem Bedeutungsnirwana unterscheidet sich nicht von einem Vorgänger oder von dem, der auf seinem Drehstuhl hocken wird, nachdem ein Steinschlag ihn aus der Wand gehauen hat. Alle Politik will Macht, jedes Unternehmen will Kohle, und so schnell wird sich nichts daran ändern. Vielleicht holt ein Aufsichtsratsvorsitzender bei Gelegenheit mal die Hohlhupe, die strukturiert die Basis entkernen und dabei ein antizyklisches Know-how in die Handlungsachsen einpflegen will, an der Krawatte über den Tisch und spendiert ihm ein Nahtoderlebnis auf Firmenkosten. Man könnte das als proaktiv-flexiblen Synergieeffekt abbuchen. Und über den Rest endlich, endlich schweigen.

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