Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIV): Die Bastelsendung

25 11 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht nur die Turnstunde, eherner Grundsatz der teutonischen Bildung und früheste Anleitung zum Sadomasochismus in charakterbildender Form, der Werkunterricht prägt ebenso das zarte Ich des noch unschuldigen Schülers, der sich nur mit Mühe an Laubsäge und Holzleim gewöhnt, Schraubzwinge und Schmirgelklotz, und unmissverständlich ist die Botschaft, die aus dem Geklöppel mit Spanplatte und Buntmetallabfällen tief in die Seele dringt: das Flickwerk ist reiner Selbstzweck. Allein der Homo fabricans, der sich aus Zeugs im engeren Sinne eine ganze Welt zusammenschwartet, kann es mit dem Philosophen aufnehmen, der Universen schafft nur aus Ideen. Was repräsentiert besser die Bereitschaft, in faustischer Manie stets das Neue aus Sperrholz und Klarlack zusammenzuschwiemeln, als die im Fernsehen tief verwurzelte Bastelsendung.

Das Programm für den Urgrund der Generation aus Kriegsheimkehrern, die sich lieber die Ohren abgeflext hätten, als ein erst dreimal gerissenes Gummiband zu entsorgen, lehrt die hohe Kunst, das Vorhandene in etwas Praktisches zu wandeln, völlig gleichgültig, ob man es auch gebrauchen kann. Der geübte Simpel stanzt aus Buchenspänen ein kleines Vogelhäuschen, erst danach wird ihm klar, dass er im elften Stock seines Wohnturms ohne Balkon das Gezumpel ausschließlich unter dem Küchentisch wird aufbewahren müssen. Aber darum ging’s ihm gar nicht. Der schnauzbärtige Onkel im gefährlich sauberen Arbeitskittel lötet und flanscht zu dödelig orgelnder Hintergrundmusik Fußbänkchen und spätgotische Türschilder, vergoldet Schmuckständer und Thermometerhäuschen aus der Sprühdose, und kaum hat er mundgelutschte Briefständer aus rein naturbelassenem Zement gefertigt, lässt er zur Obstschale aus einem Block Eiche die Axt kreisen. Auch hier bleibt eine weit gehend glaubensisolierte Botschaft, die man leider nicht mit blinkend auf die Mattscheibe gesupertem Achtung: Bitte nicht nachmachen! zumindest ideell aus dem Verkehr zieht, bevor sich fanatische Knalldeppen en masse mit Schlagbohrhämmern bewaffnet auf jedes noch so unschuldig aussehende Stück Pressspan stürzen und es bis zum Verlust der Muttersprache in Briefkästen zermeißeln.

Die ästhetische Sollbruchstelle fügt sich bestens in die ohnehin vorhandene Neigung einer durchaus selbstbewussten Bevölkerungsschicht, die den Wert einer Motorjacht in Nut- und Oberfräsen, Feilen, Spachtel und Druckluftschrauber ausgibt, um das Foto von Tante Trudi beim Fischerfest 1969 lotrecht an die Wohnzimmerwand zu dengeln. Jene Spezies an Bescheuerten hat sich längst vom pädagogischen Diktat der TV-Bricoleure emanzipiert, führt den Krieg mit Bordmitteln fort und verklinkert freihändig das Klo bis unter die Decke – sieht scheiße aus, überdauert aber einen Bombenabwurf. Längst ist die Industrialisierung dieses Zwangs fortgeschritten, die Heimwerkermärkte bejubeln, wie sich Do-it-yourself-Helden quasi in Planck-Zeit ganze Eigenheime versaubeuteln, und freuen sich an der ins Service-Gesende integrierten Bastelecke.

Hier treffen sich alte Bekannte wieder, und ein weiteres Nationaltrauma aus der analen Phase, die pathologische Beschäftigung mit dem Müll, wirft sich schnell das Trendmäntelchen des Upcycling über. Eine in bunte Latzhosen gepfropfte Trulla mit Säbelsäge und Bolzenschussgerät erklärt, wie man ein ausgedientes Nachtschränkchen mit einfachen Mitteln in einen Fusionsreaktor umarbeitet – der durchschnittlich behämmerte Zuschauer hat ja stets ein oder mehrere Truhen bei sich herumstehen, und rein gar nichts zu tun haben damit die Horden von Schwingschleiferschwingern, die im Halbdunkel marodierend über Sperrmüllhalden ziehen, um an einen Nachtkasten zu kommen. Vermutlich bietet der Fachhandel schon ein Set von Altmöbeln aus der Haushaltsauflösung und Elektrowerkzeug, Lack plus Schrottcontainer an, wenn der Tackermacker nach zwei bis zehn Tagen in die posttraumatische Belastungsstörung torkelt und den ganzen Driss en bloc in die Tonne treten will. Ein mühsam als Dialektik verkleideter Hirnschaden namens Shabby Chic, der abgeranzten Kruscht seiner Altersspuren halber für voll total angesagt erklärt, gaukelt dem Praktikus vor, sein windschief zusammengehauener Ramsch mit Farbnasen und Rost sei so peinlicher Bockmist, dass er allein um der Nachhaltigkeit willen schon wieder stylish und daher wertvoll werde. Aber auch hier geht es nicht um Vorbild und Nachahmung; hatte das weiland aus Kartoffelkisten gebollerte Teebrettchen noch einen Nutzen, die auf dekorative Selbstbespiegelung getrimmten Objekte im modernen Ratgeberschlonz sind lediglich Besitz und markieren die Grenze zur Sinnlosigkeit. Man könnte in den Schubladen vielleicht die erst dreimal gerissenen Gummibänder aufbewahren, bis im Dummfunk die Anleitung zur Schlafzimmerlampe aus silbernen Dichtungsringen droht, aber wen interessiert das schon. Zum Schluss kommt sowieso immer der Klempner.

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