Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVI): Das Gejammer

9 12 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vielleicht war irgendwo Montag, der Kaffee kalt oder die Bahnschranke geschlossen. Die Hose ging nicht zu, die Schnürsenkel rissen, es regnete und im Radio dudelte abwaschbarer Polyesterpop vor sich hin, bevor Risse die tragenden Wänden durchzogen. In Sekundenbruchteilen schwoll aus der Tiefe des Raumes eine Turbojeremiade, als hätte der Engel des Todes seine chronische Refluxösophagitis an der westlichen Zivilisation ausgelassen. Hier half kein Schirm, das Gewimmer drang streng nach alter Väter Sitte durch die Trommelfelle direkt in die Beulen, wo früher noch Hirn geklebt hatte: alles verödet vom Gejammer der anderen.

Und nein, es ist nicht das Genörgel, das wie ein Lebenselixier der Existenzberechtigung dieser ewig alles besser Ahnenden den Grind aus den Haaren schraubt, nicht mit pathologischer Gleichförmigkeit in die Außenluft suppendes Gemoser, weil alles so ist, wie es ist, sich geändert hat, sich nicht ändern wird, gerne alles zusammen, nicht das elende Gequengel, als wäre die Rotte der Bekloppten auf einer einsamen Insel direkt an der Supermarktkasse ausgesetzt worden. Es ist das ständige Flennen, die infantile Spielart passiv-aggressiven Widerstands, mit dem die Kreischklasse vor die Wand rennt, weil die schon zu lange dasteht, sich nicht rechtfertigt und deshalb an allem Schuld ist. Der Jammernde ist in einer Zeitschleife gefangen, die unmittelbar nach seiner Entbindung begonnen haben muss; ohne jede unnütze Beschäftigung mit Synapsenverschaltung oder Bildungsangeboten ranzt er gegen das, was er als erstes sieht, und da er sich nicht bewegt, bleibt die Auswahl relativ überschaubar. Entsprechend verschwiemelt sind seine geistigen Möglichkeiten.

Um sich nicht entwickeln zu müssen, dazu gibt es die Opferrolle, die nur deshalb Scheiben einschmeißt, damit sie hinterher ordentlich auf die Mütze kriegt, gewalttätig demonstriert, um aus der Opferrolle rauszukommen, und dann wieder Scheiben einschmeißt. Das Hauptproblem ist, dass sie keine Aufmerksamkeit kriegen, wie verzogene Kinder, die bei jedem Bäuerchen ein Eidudei von Mammi erwarten und ungehalten werden, wenn die Alte mal etwas Besseres zu tun hat, beispielsweise ein reflektiertes Leben.

Der Jaulleiter findet sich nicht ab damit, es kann nur Schmerzensruf und Tränenbäche geben. Aus purer Not – wie die Sorge, Pein und dräuend Ungemach in der ansonsten leeren Speisekammer des Jammerlappens immer ausreichend vorhanden – steckt der Opferabonnent in jeden Mist seinen vorwitzigen Riechkolben rein, um mit der fleckigen Brille seiner Deutungshoheit sich gedemütigt zu geben, denn man hat ihn nicht um seine Meinung gefragt. Er hätte sowieso nichts Kluges zu sagen gewusst, aber das war hier nicht die Frage. Skandal! Gelegenheitsradler, die schon die Konstruktion des elektrischen Drahtesels für den Untergang der Milchstraße halten, rupfen röchelnd das verbliebene Haarkleid von der Kalotte, weil sie sich nicht vorstellen könnten, mit dem Design einer modernen Fahrgastzelle schmerzfrei umzugehen. Keiner von ihnen säße je in einem Automobil, allein der Gedanke an dessen Existenz ist dem Greinhorn zuwider ob des enormen Ausstoßes an Schadstoffen – der Klagebold fliegt zum Ausgleich lieber.

Die Sozialisation des scheint’s verzärtelten Deppen ist ein langer, harter Gang durchs Feuer, größtenteils kniend oder auf dem Zahnfleisch. Sie lernen klagen, ohne zu leiden, die Königsdisziplin der Wassersuppenkasper. Wie mühelos bedient die Profiheulsuse ihr Lamentiergerät, ein formschönes Ding mit angeschlossenem Lautsprecher, beinahe so hohl blökend wie die Resonanz an der Innenseite des Schädelkalks, und wer’s erkannt hat: jawoll, auch der besorgte Bürger kroch aus diesem Schoß, der (siehe oben) vor allem da sein Geflenne ertönen lässt, wo es mit Haltung, notfalls die der eigenen Fresse, bestens hätte getan sein können. Denn Jammern ist die billigste Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen – es enthebt der Verpflichtung, etwas zu unternehmen, und sei es nur einigermaßen fundierte, konstruktive Kritik. Wer jammert, hat grundsätzlich recht, sonst müsste er nicht jammern.

Am schlimmsten wäre es, wenn plötzlich alles gut würde. Die richtige Fußballmannschaft wird Meister, das Wetter ist immer gut, der Milchpreis bleibt stabil, die Bauern streiken nicht und die Piloten fliegen wieder. Irgendjemand sägt Florian Silbereisen die Bremsschläuche an, Helene Fischer geht gleich mit über die Wupper, die Renten sind sicher, Andrea Nahles verliert ihr Gedächtnis und lässt sich im Keller einmauern, es gibt keinen Stau mehr, die Züge fahren pünktlich, alle Helikopter der Bundeswehr haben genug Ersatzteile, sämtliche Deko-Fachgeschäfte gehen simultan pleite und die Blockflöte wird als Kriegswaffe eingestuft. An jeder Straßenecke hockt ein Querkämmer, weiß nicht, worüber er noch klagen soll, und jammert unbeirrt weiter. Sollte es irgendwann außerirdische Intelligenz geben, die sich freiwillig auf diesen übel beleumundeten Rotationsellipsoiden herablässt, sie wird Ohrstöpsel tragen. Aus Gründen.

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