Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVII): Das Promiquiz

16 12 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Vermutlich endete die Steinzeit mit dem großen Knall unterhalb des Felsüberhanges am Tümpel der westlichen Schutthalde. Zehn Häuptlinge, die in vorgerücktem Alter von knapp dreißig Jahren ihre Weisheit und Lebenserfahrung unter Beweis zu stellen bereit waren, kriegten während des Meetings ordentlich Schotter auf die Rübe. Die Intelligenzija des zivilisatorischen Brennpunkts war platt, dafür blieb der Gedanke hängen, dass sie auch nicht viel klüger waren als die bucklige Verwandtschaft. Der Verdacht, man habe aus einem gewissen Fatalismus an dieser Stelle beschlossen, bereits einschlägig bekannte Eumel in politisch wichtige Positionen zu hebeln, um schon nach dem Anblick ihrer Fressen auf dem Wahlplakat die ganze Veranstaltung für sich abhaken zu können, ist unwiderlegt und ebenso wenig bestätigt. Vielleicht platzte diese Erkenntnis erst wieder mit der Erfindung der Glotze auf, die allerlei abseitiges Personal braucht, um die Masse der Teilnehmer vor dem finalen Koma zu retten. Nicht auszuschließen ist, dass so das Promiquiz entstand.

Ein halbes Dutzend Knalltüten aus der Randlage hockt im Abendprogramm, braucht ausnahmsweise nicht zu singen, zu hampeln oder sich selbst in die Linse zu halten – man weiß noch nicht, ob sie selbst oder der Zuschauer dafür dankbarer sein sollen – und tritt in leichter Broschur auf, um die Hauptstadt von Vanuatu zu erraten. Das wäre bereits eine erschöpfende Beschreibung eines erschöpfenden Phänomens, die geistlos über die Mattscheiben der Nation dümpelt, immer dessen eingedenk, dass mit den Visagen im Breitwandformat die Botschaft jenseits jeglichen Glaubens ankommt: ich könnte auch anders, aber ich stehe hier und halte zur Abwechslung mal keinen Schmierkäse und keine Zahnbürste vors Gesicht, sondern zeige, schlimm genug, mich als Figur. Kauf mich.

Testläufe mit allerlei grottoiden Figuren hat die Talkshow männiglich unternommen, und keiner blieb bisher den Beweis schuldig, dass noch der glitschigste Dämlack zu jedwedem Ramsch eine dezidierte Meinung unter sich lassen kann. Der Seriendarsteller, der Drittligakicker, die aus dem TV berüchtigte Köchin schwiemeln sich allerhand Anschauung aus dem Gekröse, als sei es schon eine Leistung, bisher zum Thema noch nichts gewusst zu haben. Beim FC Teutonia regelmäßig die Blutgrätsche in die Grasnarbe zu furchen reicht also aus für komplexe Betrachtungen des Staatsrechts, da der unbedarfte Zuschauer am anderen Ende der Berieselungspumpe mit derselben Einfalt dem sendertypischen Torenjubel lauscht. Die hinlänglich bekannten Darsteller sind eben nur dies: hinlänglich bekannte Darsteller, abwaschbar, leicht zu entfernen und mietbar für jedes Gefiepe im weißen Rauschen der Nullinformation.

Selten genug porträtiert eine der Anstalten einen Kultur Schaffenden, bei dem das also angefertigte Bild unfallfrei zu geraten verspricht. In der Regel bietet sich automatische Schadensregulierung an.

Doch nun das Quiz: aus Film, Funk und Wahn präsente Dauergesichter geben sich plötzlich wie volksnah, erspielen am Ende Geld für den guten Zweck – besser noch wäre freilich gewesen, die Anstalt hätte die Kohle kommentarlos an Tierschutz und Deppenhilfe überweisen, anstatt die Umwelt knapp zwei Stunden lang mit einem Potpourri der Parallelexistenzen in die Hirnembolie zu treiben – und machen unter Applausspenden publik, dass auch sie die Allgemeinbildung eines mittelgroßen Backsteins mit sich herumschleppen, nie um eine bescheuerte Ausrede verlegen sind und trotzdem gefeiert werden, weil sie – Überraschung! – vor laufender Kamera jeden geistlosen Schmodder mitmachen. Es wird dadurch nicht besser, dass auch Politiker aus der zweiten Reihe sich als Showstars gerieren, kunstvoll aufgeschraubte Natürlichkeit feilbieten und dem Plebs huldvoll die Hand vor die Nase hängen. Eine Pseudoelite, die sich durch nicht viel Distinktionsmerkmale vom Boden abhebt, stellt sich noch einmal besonders breitbeinig auf, als gäbe es in den strukturschwachen Regionen unter der Schädeldecke des Beknackten noch genug Freiraum für Heißluft. Vermutlich glaubt man es den als Pappfigur konzipierten Geschmacksmustern ohne regelmäßige Eigenwerbung nicht mehr, dass sie als reale Hominiden mit Hornhaut und Verdauung in die Gefilde des ordinären Konsumenten einbrechen, um sich lautstark bescheiden zu verhalten und nur zu mosern, wenn man ihrem Inkognito nicht genug aufdringliche Verehrung entgegenwirft. Das übliche Modell, eine durchorganisierte Produktmaschinerie als Laberformat zu verkleiden – neues Buch, neuer Film, neue Nase – bröckelt schon an den Rändern. Dass zwei Sänger, eine Ministerin, drei Mimen und proportionales Füllmaterial ganz unerwartet nicht mehr wissen, ob die äußere Schwarzschild-Lösung für den sphärisch-symmetrischen Fall gilt, macht sie ungeheuer sympathisch. Fragen wir in der Tram nach, keiner wird die Antwort wissen. Oder worum es geht. Lauter Menschen, die eigentlich im Fernsehen auftreten sollten.

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