Freizügigkeitsmissbrauch

31 01 2017

„Sie kommen hier nicht rein!“ „Entschuldigen Sie mal, ich…“ „Bist Du taub, oder was!? Sie kommen hier nicht rein!“ „Ich wohne hier!“ „Hast Du Schmerzen oder brauchst Du welche?“ „Das ist mein Haus, und jetzt lassen Sie mich endlich in den…“ „Sie kommen hier nicht rein!“

„Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder Sie lassen mich durch…“ „Ich nehme die zweite.“ „… oder ich rufe die Polizei.“ „Hilft Ihnen auch nichts. Ich gehe hier nicht weg.“ „Das ist mein Haus!“ „Ist es nicht.“ „Ist es doch! ich bin Miteigentümer!“ „Also gehört Ihnen das Haus nicht alleine, und damit sind Sie nicht der Eigentümer. Hören Sie auf, mir Lügen zu erzählen.“ „Ich wohne hier!“ „Sagten Sie bereits.“ „Es scheint Sie nicht zu kümmern?“ „Beim zweite Mal wird die Sache nicht wahrer. Sie haben hier nichts zu suchen, nicht einmal dann, wenn Sie tatsächlich hier wohnen würden.“ „Ich bin…“ „Oder wenn Ihnen der Kasten tatsächlich gehört.“ „Sie verwehre also jemandem den Zutritt, obwohl Sie wissen, dass es sein eigenes Haus ist?“ „Das ist meine Aufgabe. Ich mache hier nur meinen Job.“ „Sie teilen die Hauseigentümer in Klassen ein? die eine hat Zutritt, die andere nicht?“ „Das ist nur mein Job.“ „Wen vertreten Sie denn?“ „Die Allgemeinheit der Hauseigentümer. Manche von denen sind nicht gut für die Allgemeinheit.“ „Wie soll ich das denn verstehen?“ „Die zahlen keine Nebenkosten. Einige schrauben die Lampen aus und verkaufen sie auf dem Markt. Und einige fegen auch nicht.“ „Deshalb verwehren Sie den Eigentümern den Zutritt zu ihrem Eigentum.“ „Ja, aber wie gesagt: es ist mein Job. Ich muss darauf aufpassen, dass die Eigentümer ihr Eigentum nicht missbrauchen.“ „Ist das nicht eine Frage, die alleine die Eigentümer zu entscheiden haben?“ „Ja. Doch.“

„Wer bezahlt Sie eigentlich für den Scheiß, den Sie erzählen?“ „Die Hauseigentümer.“ „Erzählen Sie das Ihrem Therapeuten – wer bezahlt Sie?“ „Die Typen, denen das hier gehört. Gut, ich kriege auch nur die Subunternehmer zu Gesicht, aber ich habe wenigstens klare Anweisungen. Ich habe einen Zettel gekriegt, was ich hier reinlassen darf und was ich hier nicht reinlassen darf.“ „Was dürfen Sie hier reinlassen?“ „Kapital. Jederzeit Kapital. Wenn Sie beispielsweise jetzt ein paar Millionen da hätten, dann würde ich Sie sofort reinlassen, da darf ich Ihnen überhaupt keine Schwierigkeiten machen. So steht das in der Dienstanweisung.“ „Sie haben eine Dienstanweisung dafür?“ „Ja, weil das in der Hausordnung anders steht, aber wir müssen uns für die Auftraggeber an die Dienstanweisung halten.“ „Toll. Und was noch?“ „Außer Kapital? Waren. Alle Waren. Und Dienstleistungen. Da machen wir sofort das Tor auf, im Winter wird gestreut, im Herbst haben wir diese Geräte, die sind etwas laut, ich weiß nicht, ob Sie die kennen, aber die machen so einen…“ „Ja, schon gut. Und die dazugehörigen Menschen?“ „Braucht man die?“ „Wie sollen denn sonst die Dienstleistungen reinkommen?“ „Beim Kapital geht es doch auch ohne.“ „Und wenn ich jetzt als Miteigentümer…“ „Mann, bist Du taub!? Sie kommen hier nicht rein!“ „… mit dem Kapital meines Konzerns…“ „Obwohl wir ja Ausnahmen machen können, da steht in den Dienstanweisungen sicher auch irgendwas.“ „Und ich hätte wieder ganz ungehinderten Zutritt?“ „Ja klar, am besten ist doch, wenn Sie gleich hierbleiben – Ihr Kapital und Sie.“

„Warum lassen Sie mich nicht rein?“ „Sie haben doch eben gesagt, Sie hätten Kapital?“ „Richtig, mir gehören wichtige Werte.“ „Werte? Was ist das denn schon wieder für ein Mist?“ „Kapitalanlage.“ „Ah, verstehe. Das sind wirklich Werte.“ „Mir gehört dieses Haus.“ „Hast Du immer noch nicht genug? Sie kommen hier nicht rein, und wenn die verdammte Bude Ihnen alleine gehört!“ „Und wenn dem so wäre?“ „Paar aufs Maul!?“

„Interessant übrigens, dass Sie als auswärtige Anlernkraft hier die Interessen der Eigentümer vertreten dürfen.“ „Wie meinen Sie das denn jetzt?“ „Haben sie die Bewachung nicht zum Hungerlohn an Subunternehmer ausgelagert?“ „Was ist daran so falsch?“ „Handeln Sie im Interesse des Kapitals, weil Sie so wenig verdienen? oder ist es nicht eher andersherum?“ „Ich verstehe die Frage gar nicht.“ „Das war mir klar. Sie werden ja nicht fürs Denken bezahlt.“ „Aber…“ „Und schon gar nicht von mir. Oder meinen Sie, ich würde jemanden bezahlen, der meinen Kapitalinteressen zuwiderhandelt?“ „Ich komme nicht mehr mit.“ „Steht denn in Ihrer Dienstanweisung auch drin, dass es verboten ist, Glühlampen aus dem Haus zu tragen?“ „Habe ich mir so gedacht.“ „Klare Kompetenzüberschreitung, wenn Sie mich fragen.“ „Es fragt hier aber keiner, und wenn Sie nicht gleich verschwunden sind, dann rufe ich meinen Chef an!“ „Steht vor Ihnen.“ „Zum letzten Mal im Guten: Sie kommen hier nicht rein!“ „Das wollen wir doch mal sehen.“ „Hast Du Dreck in den Ohren? Sie kommen hier nicht rein! Verpiss Dich!“ „Zeigen Sie mir mal Ihre Dienstmarke, Sie Witzfigur.“ „Da – und jetzt verzieh Dich endlich!“ „Lächerlich.“ „Gehen Sie dahin zurück, wo Sie herkommen! Sonst mache ich Ihnen Beine!“ „Sie sind absolut lächerlich.“ „Ausweis, Du verdammter – Du bist… der Herr sind Deutscher? hätten der Herr das doch früher gesagt, hätte ich dem gnädigen Herrn doch schon die Türe aufgehalten!“ „Schnauze!“ „Jawohl! der Herr sind Deutscher – jetzt glaube ich’s auch!“

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Great again

30 01 2017

„… mehr als zwanzigtausend Personen nach Deutschland kämen. Die Gefahr einer illegalen Masseneinwanderung sei jedoch verhältnismäßig gering, da alle einen gültigen Pass der Vereinigten Staaten von Amerika sowie eine…“

„… habe die Bundeskanzlerin ihre Zuversicht geäußert, dass die zahlreichen Immigranten eine Bereicherung für das Land sein würden. Etwaige Sprach- und Kulturbarrieren bei Personen aus zivilisations- und bildungsfeindlichen Schichten seien zu tolerieren, die Gefahr sei jedoch gering, da keine Amerikaner nach Thüringen, Sachsen und…“

„… es sich nicht um Kontingentflüchtlinge handeln müsse, um eine eigene Obergrenze zu beschließen. Seehofer werde diese persönlich mit dem US-amerikanischen Präsidenten bei seinem Staatsbesuch in…“

„… rechne das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit bis zu vier Millionen US-Bürgern. Es sei nach Einschätzung des Bundesinnenministers allerdings nicht damit zu rechnen, dass darunter auch Personen mit terroristischen…“

„… den jeweiligen Einwanderungshintergrund der Amerikaner betrachten müsse. Gauland wolle keinen italienischstämmigen Mafioso in seiner Nachbarschaft haben, deutsche und russische aber sofort mit…“

„… schnellstmöglich die Staatsbürgerschaft verliehen werde. Eine doppelte Staatsbürgerschaft stelle für Kauder kein Hindernis dar, da es sich bei US-Amerikanern in der Regel um ganz normale Menschen halte, die nur zufällig nicht in Europa…“

„… die Instabilität des Dollar und die seit Wochen andauernde komplette Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten die New Yorker Börse mehr als einmal bis kurz vor den Crash gebracht hätten. Petry habe die Migranten deshalb grundsätzlich als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet, die kein Recht hätten, sich hier…“

„… auch eine Reihe US-amerikanischer Hollywood-Stars emigrieren würden. Die deutsche Filmwirtschaft habe sich dafür eingesetzt, sie mit einer Blitzeinbürgerung in…“

„… unter den Einwanderern auch viele Afroamerikaner seien. Höcke warne vor einer Vermischung, die die Reinheit der europäischen Rasse und der blutmäßigen…“

„… nicht von den US-Bürgern zu unterscheiden seien. Dennoch halte de Maizière eine potenziell von Mexikanern ausgehende Terrorgefahr nicht für…“

„… die AfD im kommenden Wahlkampf von einer Bedrohung durch den amerikanischen Ausbreitungstyp sprechen wolle. Deutschland befinde sich inzwischen in höchster…“

„… könne man die Gewerbeneuansiedlung Silikonländle im Südwesten von Sindelfingen als gutes Beispiel einer gelungenen Integration ausländischer Arbeitnehmer in die deutschen…“

„… mit mehreren Tweets die Auflösung der NATO angekündigt habe. Das Auswärtige Amt habe sich dennoch nicht entschließen können, die Vereinigten Staaten von Amerika als unsicheres Herkunftsland zu…“

„… ein Highschoolmädchen nach dem anderen produziere, die Wirtschaft in der Bundesrepublik nur fördere, um den Deutschen mehr Arbeitsplätze wegnehmen zu können, und in weniger als 80.000 Jahren die deutsche Sprache durch amerikanisches Kauderwelsch ersetzen würde. Für Sarrazin sei damit der Untergang der Menschheit schon fast…“

„… und vor einer Aushöhlung der deutschen Sozialsysteme warne. Die SPD kritisiere, dass fast alle höher qualifizierten Emigranten nach Kanada reisten, nach Deutschland hingegen nur die…“

„… CSU-Generalsekretär Scheuer davor gewarnt habe. Es gebe jedoch keinen stichhaltigen Beweis, dass die Flüchtlinge nur gekommen seien, um den Bürgern des Freistaats Bayern ihren BMW aus der Garage zu…“

„… George Clooney und Matt Damon aus Hamburg beziehungsweise Köln gekommen seien. Sämtliche Nobelpreisträger, die die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft gefeiert hätten, seien auf der Gala unter dem Motto Make Germany Great Again als Mitglieder der nationalen…“

„… sie das deutsche Erbgut aus vorsätzlichem Vernichtungswillen so schädigen wollten, dass sich das Volk von diesem molekulargenetischen Krieg nie wieder erholen werde. Die seit 1933 von den USA planmäßig betriebene Anreicherung der Chromosomen mit jüdischen Genen führe, so der ehemalige Finanzsenator, bei einer Infiltration zur vollständigen Auslöschung aller…“

„… nochmals klargemacht, dass für Ausländer kein Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen bestehe, auch nicht für eingewanderte US-Amerikaner. Die Sozialdemokraten hätten beschlossen, dies im Wahlkampf zur Beruhigung ihrer Stammwähler ganz bewusst zu…“

„… die US-Botschaft mit einer zehn Meter hohen Mauer umgeben habe. Dies sei allerdings nur Trumps Wirtschaftsprogramm geschuldet, die Rechnung sei wie immer an die muslimischen…“

„… wolle Erdoğan seiner historischen Mission gerecht werden. Da osmanische Seefahrer den amerikanischen Kontinent entdeckt hätten, sei er nun rechtmäßiges Erbe des Präsidenten von…“





Kochrezepte

29 01 2017

für Kurt Tucholsky

Luise wässert Linsen fein
und wiegt bedächtig Speck.
Dazu ein Löffel Senf, ganz klein
hackt sie die Zwiebel weg.
Wie nun die Brühe wallt und dampft,
rührt sie mit viel Geschick.
Mit zwei Kartoffeln, durchgestampft,
macht sie die Suppe dick.
    Danach ist Emil ganz vernarrt,
    wenn sie nach alter Väter Art
    ihm Eintopf in den Teller gibt –
    das ist’s, was er an ihr so liebt.
    So viel Rezepte, und dies weckt
    den Appetit, weil es ihm schmeckt.

Herr Doktor Finck, der lädt zum Mahl.
Es gibt Forelle blau.
Stets legt er Wert auf erste Wahl,
er misst und wiegt genau.
Behutsam tupft er ab den Schleim
und präpariert den Fisch.
Ein Duft von Essig zieht durch’s Heim –
schon geht das Mahl zu Tisch.
    Er selbst serviert, und dies im Frack.
    Sein Gast genießt den Wohlgeschmack,
    den man ihm nie zutraute, doch
    er ist ein vorbildlicher Koch.
    So viel Rezepte, und dies weist
    eindrücklich hin, wie man gut speist.

Da steht mit Flecken auf dem Schurz
die SPD und rührt.
Was in den Topf kommt, ist ihr schnurz
und auch, wohin das führt.
Am Anfangs sieht’s nach Grütze aus,
doch das ist schnell vorbei.
Brennt’s an, zieht sie den Löffel raus.
Der Rest verkocht zu Brei.
    Was dort im Kessel landet, ist
    schon vor der Küche nichts als Mist.
    Hauptsache, dass die Mütze sitzt,
    auch wenn sie nichts beim Kochen nützt.
    So viel Rezepte, und dies wirbt
    nicht für den Koch, der es verdirbt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXVII)

28 01 2017

Er hielt sich Amanda in Repton
zwei Kellner, die exzellent steppten.
So folgt man mit Blicken
und reinem Entzücken,
dieweil sie am Gast kräftig neppten.

Camilla aus Gellerupparken
sah man niemals Laubwerk aufharken.
Sie hat stets zwei Jungen
dazu sich gedungen,
bevorzugt die ausreichend starken.

Melinda sucht in Brough and Shatton
die Katzen, die unter den Betten
meist schlafen, durch Schauen
vor quiekenden, grauen
gefährlichen Mäusen zu retten.

Roberta, die gründet in Għarb,
da kürzlich ihr Gatte verstarb,
ein kleines Geschäftchen
mit Obst und mit Heftchen.
Man las nichts. Das Obst, das verdarb.

Es kaufte sich Bryan in Quorn
ein Rind. Erst sah er’s nur von vorn
und war recht erschüttert,
da es schnauft und wittert,
und hinten war’s ganz ohne Horn.

Antoine sah man, der in Sibut
im strömenden Regen mit Hut,
doch sonst wenig Kleidung
zwecks Nässevermeidung
spazierte. Der Hut stand ihm gut.

Bartholomew lebte in Writtle
als Kritiker mehr vom Gekrittel,
statt selber zu geigen.
Talent war ihm eigen,
doch fehlten ihm einfach die Mittel.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLX): Die historische Fälschung

27 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Childegund, CEO von Kalumbrien und eine der gefährlichsten Frauen des frühen Mittelalters, hatte ein Problem. Ihr Vetter Aldarich war schon lange scharf auf die Grafschaft Exonia, kriegte aber für einen Feldzug nie genug Truppen zusammen. Da besann er sich auf eine Kriegslist. Mit Hilfe seines Anwalts Dr. Laubenheimer schwiemelte er ein gar hübsches Pergament hin, auf dem der von Erzvater Æþelmulð unterzeichnete Vertrag zur Übergabe des Territoriums an die fettleibige Seitenlinie stand. Schöner Mist. Aber was sollte man machen. Ein Wahrheitsministerium gab es noch nicht.

Um dem Offensichtlichen kurz die Ehre zu geben: die Geschichtswissenschaft ist zum größten Teil das Geschäft, alles herauszusieben, wo man die Realität mit zufällig anwesendem Zeug aufpolstern ließ. Es wurde mehr, öfter, schamloser geschönt, geprellt, gefoppt, jeder tat es und niemand hatte ein Interesse am Aufkippen des Schwindels. Vielleicht waren diese Epochen ein Eldorado für Lügenbolde, vielleicht musste man angesichts der Gegenseite auch gewohnheitsmäßig die Wahrheit anpassen. Die Historie ist ein Märchenbuch und manche Seiten sind von minderer Qualität.

Politik war schon immer ein verhältnismäßig populistisches Geschäft, dessen Akteure mit der Wahrheit nicht viel am Hut hatten, wenn es der guten Sache dienlich war, und das ist im Zweifel immer die eigene. Gaius Iulius Caesar, der Welt vor allem bekannt als Autor der Commentarii de Bello Gallico, wusste durch nüchterne Kürze den Anschein des rationalen Checkers zu erwecken, der mit seiner Schilderung der Elche, die keine Kniegelenke besäßen und nur an Bäume angelehnt zu schlafen vermöchten, allenfalls aufschäumende Fantasterei produzierte, nur noch getoppt von des älteren Plinius’ Historia naturalis, in der er dem Trughirsch – noch so eine evolutionäre Raubkopie! – könne wegen seiner hervorstehenden Oberlippe nur im Rückwärtsgang grasen. Gaius kam nur bis Stabiae, die skandinavischen Abenteuer geben den Kritikern der Elche bis heute nicht recht.

Nicht besser waren die Chronisten, die Marie Antoinette den Schnack mit Brot und Kuchen ins Mäulchen legten. Schon 1760 schob Rousseau sie einer Potentatin unter, die Bürgerin Capet indes, verwöhnter Teen und allem Anschein eher gutmütig als elitär, wäre nicht einmal auf eine so brillante Sottise gekommen. Aber was nicht wahr ist, muss wenigstens gut erfunden sein, um das Gewissen der Henker zu versöhnen. Was alle glauben, kann so verkehrt nicht sein, und wer ließe sich nicht einen Bären aufbinden.

Seit der Ausbreitung des Drucks gierte der Pöbel nach dem Unerhörten; welcher Kaufmann schlüge noch um die Wende zum 18. Jahrhundert das todsichere Geschäft aus, die Höchstmerckwürdige, doch gewisse, und in denen dieserhalb gehaltenen Acten gegründete Nachricht, von einem abscheulichen Drachen, welcher sich zu Gattersleben, ohnweit Bernburg, den 23. Aug. a. c. früh nach 1. Uhr, in dem dasigen Glocken-Thurme, zu großem Entsetzen der erschrockenen Einwohner, sehen lassen unter die Leserschaft zu jubeln, damit der Rubel rollt. Drachen! Entsetzen, aber hui! Augenzeugen, yeah! Heute heißt das BILD sprach als erstes mit dem Toten, und keiner kauft’s.

Was heute als Fake News verschrien ist und im Verdacht steht, die Geschichte auf den Kopf zu stellen, war in vergangenen Epochen nur ein Mittel, dem Lauf der Welt Beine machen. Konstantinische Schenkung? erschtonken und erlogen! Hamburger Hafenrecht? Schummel und Schmu! Pseudoisidor? Privilegium Maius? sauber über den Löffel balbiert und für dumm verkauft. Der Bryce-Report warf 1915 deutschen Soldaten vor, belgischen Kindern die Hände abzuhacken. 1990 verbreitete eine US-amerikanische Kampagne, kuwaitische Schwestern rissen Frühgeborene aus dem Brutkasten, um sie auf dem Boden sterben zu lassen – ganz ohne alle Massenvernichtungswaffen, daher sicher wahr. Die Welt will nicht nur beschissen werden, sie weiß es und mauschelt zurück. Der einzige Unterschied zur Vergangenheit ist, dass wir heute über eine bessere mediale Grundausstattung verfügen und mit etwas Hirn unter der Kalotte Falsifikate von der Wahrheit unterscheiden können sollten. Die gedopte Realität macht jedem X ein U vor, hält Narren zum Narren und seift alles ein.

Dass uns die historische Einordnung nicht recht gelingt, liegt weniger daran, dass wir die historische Dimension nicht sehen wollen; der übliche Depp ist nicht bereit, seine Existenz in einem Zeitkontinuum zu betrachten, er hält sich für wesentlich klüger als die Erfindergeister der Spätantike und natürlich für erheblich kritischer als die, denen man vor zehn Jahren dieselben Märchen erzählt hat. Die Evolution ist nicht machtlos, aber sie ist ehrlich. Man sieht es nur so ungern, weil man sich lieber falsche Tatsachen vorspiegeln lässt – für den eigenen Vorteil.





Das letzte Gefecht

26 01 2017

„… sich bereits zuvor parteiintern gegen eine Kanzlerkandidatur entschieden haben solle. Die SPD habe von seinem Verzicht auf den Vorsitz allerdings auch erst aus den Medien…“

„… der bundesweite Absatz von Champagner stark angezogen habe. In unmittelbarer Nähe zum Willy-Brandt-Haus melde Aldi einen Ausverkauf an sämtlichen…“

„… sei die Mehrheit der Sozialdemokraten für Schulz als Spitzenkandidaten gewesen. Dieser Modus rufe in der Partei noch Befremden hervor, da bisher alle Entscheidungen ohne jede…“

„… man einen besonders schweren Fall von Führungsversagen sehe. Petry dagegen sei die…“

„… nicht vorauszusehen gewesen sei. Kraft habe deshalb schwere Vorwürfe gegen den…“

„… scharf zurückgewiesen, dass die SPD mit sehr guten Imageberatern und Wahlkampfmanagern zusammenarbeite. Die Idee zum Rücktritt sei zuerst von Gabriel selbst im…“

„… warte die Partei nun auf eine kritische Würdigung der Entwicklungen aus dem linken Lager. Bei Ablehnung der Linken auf Bundesebene dürfte sich die Befürchtung, der Rücktritt sei vollkommen umsonst gewesen, mit einer neuen…“

„… als schwarzen Tag für die Sozialdemokratie bezeichnet habe. Lindner sei sehr erfreut, dass er das noch…“

„… es sich auch um eine undeutlich formulierte Pressemittelung gehandelt haben könne. Möglich sei, dass Gabriel vorerst nur den Verzicht auf das Amt des Vizekanzlers…“

„… inzwischen erklärt habe, was ein Internet sei. Zypries wolle vorerst keine neuen…“

„… nicht bestätigt worden sei, dass Gabriel erst nach mehreren Rhetorik-Seminaren und Teilnahme an einer Gewichtsreduktionssendung seine Kanzlerkandidatur für 2021…“

„… von Merkel nicht weiter kommentiert worden sei. Sie wolle für den Rest der laufenden Legislatur in einem gewohnten Verhältnis zur SPD weiterhin sämtliche…“

„… auch eine Veränderung des Politikstils sich nicht vermeiden lasse. Die EU-Erfahrungen von Schulz würden es nahelegen, dass die Partei auch auf Bundesebene Inhalten überwinden und sich für eine stabile Machtposition im gesamten…“

„… müsse die Partei dabei auch an den Kandidaten glauben, wenn nicht, so müsse sie auch dran glauben, aber ohne einen…“

„… habe sich die CDU sehr verärgert über die eigenmächtige Entscheidung gezeigt. Die Union müsse nach dem Rücktritt des konservativen SPD-Anführers jetzt allein mit der sozialdemokratischen Parteichefin fertig werden, die sich als nächste…“

„… als eine sehr gute schlechte Lösung bezeichnet habe. Die Grünen seien damit einer Annäherung an die Union wieder um ein ganzes…“

„… die Zukunft der Partei momentan auf der Kippe stehe. Internen Berichten zufolge habe sich Peter Hartz geweigert, aktivierende Maßnahmen für eine selbstverantwortliche…“

„… sei Gabriel mit seiner Dreifachbelastung als Minister, Parteivorsitzender und Bahnfahrer überbelastet gewesen. Da Reisen des Auswärtigen Amtes größtenteils im Flugzeug bestritten würden, sei in Zukunft mit sehr viel mehr…“

„… es unklar sei, ob Gabriel Nahles und Oppermann ebenfalls in ihren Ämtern ersetze und welche Forderungen er dafür…“

„… erwarte die SPD zwar intern innerhalb der ersten Woche, dass der Vizekanzler noch zwei- bis fünfmal umfalle, bevor er sich zwar umentscheide, dann aber nicht, weil er, obwohl sich trotzdem…“

„… werde Gabriel als Außenminister eine stabilisierende Position einnehmen. Er habe sich vorgenommen, vielen internationalen Partnern zu erklären, warum ausschließlich deutsche Waffen langfristig für Entspannung auf dem…“

„… erste Kritik am Vorsitzenden geäußert habe, da er sein Exklusivinterview als Sternstunde des politischen Journalismus in…“

„… für Unruhe in der Parteizentrale gesorgt habe. Wegen lauter Störgeräusche habe man nicht verstanden, ob Gabriel Schulz oder Scholz zum neuen…“

„… für hohe Staatsaufgaben bestens geeignet sei, da er seinen Amtsverzicht nicht über die BILD, sondern eine richtige…“

„… zur offizielle Übergabe in der Parteizentrale auf die Internationale verzichtet werden solle, da es sich keinesfalls um das letzte Gefecht der…“

„… die Knistergeräusche in der Telefonleitung derzeit sehr hoch seien, so dass auch Schwesig unter Umständen in die engere Wahl zur…“

„… man die letzten Reste der Personaldecke mit voller Absicht als unerfahrene Führungsgruppe in den Wahlkampf werfe, um auf die Überraschung der rechtspopulistischen…“

„… dass Altersarmut, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung sozial abgehängter Bürger zu den dringendsten Problemen gehörten. Dazu sei jeder SPD-Kandidat gleichermaßen geeignet, da hier die Kernkompetenz für sozialen Abstieg, prekäre Beschäftigungen und…“

„… könne Schulz als völliger Neuling in der Bundespolitik immer noch Kanzlerkandidat der Herzen werden und sich einen Listenplatz für…“

„… aus Sicherheitsgründen aufgezeichnet worden sei. Leider sei der eigentliche Wunsch Gabriels, Helmut Schmidt als Kandidaten zu…“





A Room with a View

25 01 2017

Wir sehn betroffen alle Türen zu, und alle Fragen offen. Und heute ist ja erst Mittwoch. Höchste Zeit, den Pokal noch einmal kurz mit dem Flanellläppchen zu polieren und den Freitagstexter mit einem feierlichen Ausklang zu beenden.

Immerhin sind es wieder einmal genug Beiträge für ein ordentliches Siegertreppchen, das unlängst angeschaffte Klapppodest kann also zum Einsatz kommen – Vorsicht mit der Dachschräge, und da hat Hildegard das Teebrett an die Wand gelehnt, ich musste mir gestern auch schon Vorwürfe anhören, aber ich bin ja nicht der amerikanische Präsident und warte auf den Zimmerservice mit der Torte. Die Sache ist wie gewohnt schrecklich kompliziert, also machen wir sie einfach.

Bei einem Haus zählen ja nur drei Dinge: die Lage, die Lage und die Lage. Beim Weißen Haus kommen vielleicht noch eine gewisse Geräumigkeit sowie deutlich überdurchschnittliche Sicherheit dazu. Aus dem einen oder anderen Wandschrank lächelt bei der Besichtigung ein freundlicher CIA-Mitarbeiter, in der Küchenschublade sind drei rote Knöpfe, der Stab denkt eben an alles. Man muss also, wenn man denn tatsächlich einzieht, gar nicht mehr vor die Tür gehen. Bronze für den Wortmischer, der sich mit auch privat genutzten Dienstimmobilien auskennt.

„Und hier entlang, lieber Donald, geht es runter in den Keller. Da kannst Du heimlich rauchen und Deine Pornoheftchen verstecken.“

Hildegard ist gerade sehr interessiert, allerdings geht es ihr dabei in erster Linie um die steuerliche Absetzbarkeit. Ich möchte nicht über einen Umzug reden. Und was das Putzen angeht, wäre es am praktischsten, große Anwesen unter einer jeglichen Schmutz abweisenden Folie aufzubewahren – ob dann der neue Präsident überhaupt das Haus hätte betreten dürfen? amerikanische Wissenschaftler werden es herausfinden – oder wenigstens einige Räume damit zu schützen. Schlafzimmer zum Beispiel. Der silberne Pokal geht an Shhhhh:

Keine Angst, Donald, der Raum ist absolut keimfrei.

Aber nun müssen wir das Problem anpacken. Wie lässt man ungebetene Dauergäste möglichst schnell wieder verschwinden, ohne danach die ganze Bude von Grund auf renovieren zu müssen? Feng Shui? Nein. Alternative Energien. Wer das Zimmer aufmerksam betrachtet und den Blick ins Freie sieht, findet die Lösung. Die Segel bauschen sich unter einer herzhaften Brise, die ein kräftiges Stoßlüften ermöglichen. Den goldenen Topf für ein bewährtes Hausmittel von rollinger:

„Das gibt dann eine unglaublich tolle Strömung im Hauptwohnbereich“

Herzlichen Glückwunsch! Der Siegerpokal ist damit, wenn ich das richtig sehe, zum ersten Mal bei rollinger angekommen, dem ich für den nächsten Freitagstexter am 27. Januar viel Spaß und gutes Gelingen wünsche. Und einen Zugluftstopper für glatte Böden. Man weiß ja nie.