Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLVIII): Die Suggestivfrage

6 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Fassungslosigkeit in Bad Gnirbtzschen! In einem Akt roher Brutalität, vermutlich enthemmt von der Erderwärmung, hat ein Schneesturm das Vordach der Bushaltestelle zum Einsturz gebracht! Die Anwohner sind, man müsste schon sehr weit ausholen, um dies nicht zu sehen, natürlich total aus dem Häuschen, nicht zu sagen: es herrscht in diesem bisher so unschuldigen Städtchen, das eigentlich eher ein Örtchen ist, ein hübsches kleines Fleckchen voller Schönheit zwischen den vereisten Seealpen und dem Kaukasus, es herrscht hier das reinste Chaos! Keiner weiß noch, was er denken soll, und da ist es gut, dass Enrico Bühse, der vom Dunkeldeutschen Rundfunk ausgesandte Reporter, dem zitternden Bürgermeister – es ist immerhin gut zwei Handbreit unterhalb des Gefrierpunktes – das monströs bepuschelte Mikro in den Rüssel drückt und atemlos die goldene Frage stellt: wie entsetzt sind die Gnirbtzschener?

Die insinuierende Formulierung, und genau das soll sie, ist die Mutter der neuen Berichterstattung, die vieles tut, nur eben nicht Bericht erstatten. Ein friedlich ruhendes Dörflein, wo der Bautrupp im Halbtran die Scheibe auswechselt und ein wenig Schnee fegt, versetzt den Zuschauer in seiner kaum zu überblickenden Masse nicht in enthemmte Wut über die finsteren Mächte. „Wie überrascht waren Sie“, sülzt Bühse die Anwohnerin Mandy Ö. (24) an, „als der Schnee neben Ihnen aufs Pflaster fiel?“ Mandy versteht viel, nur eben nicht den medialen Zusammenhang, gibt sich, einmal im Fernsehen, größte Mühe und lässt verlautbaren, sie sei „ja doch ziemlich“ überrascht gewesen. Nicht so sehr wie eine Stunde später, als die Milch überkochte, aber danach hat ja wieder keiner gefragt, und schon gar nicht so suggestiv.

Wie empört war der durchschnittliche Gnirbtzschener, als das neue Vordach, gerade erst im Sommer ins Wartehäuschen integriert, auf Kosten der Allgemeinheit ersetzt werden musste? Er wird das vielgestaltig und in breiter Lethargie in den Spuckschutz nuscheln, weil ihm der Vergleich fehlt. Mehr empört als beim Ausfall der städtischen Beleuchtung oder weniger? wilder als bei der großen Bierknappheit im vergangenen Sommer oder nicht? Die sorgsam in vertraute Muster geschwiemelte Frage ist nicht investigativ, denn sie wünscht nichts zu finden, was der Medienhonk nicht zuvor sichtbar in die Landschaft gestellt hätte. Das vorgekaute Werturteil des Dompteurs ist nur besser für die funktionierende Dramaturgie des Fragespiels. Mit der einfachen Feststellung, die Einheimischen hätten den Sachschaden erwartet, ist jede aufkeimende Hysterie sofort erstickt, und nichts ist es mit dem drohenden Weltuntergang am entglasten Unterstand.

Auf der nächsten Stufe, der Bericht ist schon in der Abendschau angekommen und wird durch die Mühlen der Moderation geprügelt, legt ein sprechender Polyesteranzug seinerseits dem gut trainierten, aber verbal hilflosen Außendienstler das Verzweiflung heischende Gerümpel vor. Wie sehr sorgt dieser unvorhersehbare Vorfall unter Bürgern für Empörung? Wenn die Gemeinde wegen eines neuen Vordachs jetzt für Wochen im Niederschlag stehen muss, wie sauer sind die Gnirbtzschener auf das Montageunternehmen? Und da überall schon die Steuerzahler die Dummen sind, deren Geld man aus reiner Bosheit verschwendet, wie stark würde sich der Unmut der Bevölkerung gegen den mit der Sache offensichtlich überforderten Bürgermeister richten, wenn dieser die überfällige Reparatur der Straßenbeleuchtung wegen des beschädigten Dachs verschöbe? Alles nicht denkbar, alles nicht entfernt im Einklang mit der Wirklichkeit, aber es gibt eine vortreffliche Krawallinszenierung her, vollgepumpt mit Emotionen, dank derer der Fuzzi am anderen Ende der journalistischen Nahrungskette sein dünnes Süppchen mit ordentlich Schmalz auffetten kann – die mit dem Holzhammer zur breiten Öffentlichkeit geklopfte Glotzerschicht weiß jetzt, welchen Standpunkt sie zu vertreten hat, da sie den Ansprüchen genügt, die sie via Mattscheibe an sich selbst zu stellen hat, um halbwegs normal zu gelten.

Auch so funktioniert der Ausnahmezustand, in dem die Meinungssucher abweichend von ihrer eigentlichen Aufgabe so tun, als interessierten sie sich für Fakten – sie suggerieren jedoch dem Subjekt und Objekt ihrer Berichterstattung nur, dass es sich an ein quasi-normatives Konzept irrationaler Verarbeitung von Dingen zu halten hat, um nicht in der Berichterstattung negativ aufzufallen. Wie gespannt warten die Gnirbtzschener auf die Entscheidung des Herstellers, das Glasdach auf Kulanz auszutauschen? Ist nicht trotz allem im Dorf noch eine gewisse Bitterkeit zu spüren, dass das fast vier Tage gedauert hat, während derer es nicht zu Schneien aufhörte? Wird sich die Unruhe hier in absehbarer Zeit weiter aufschaukeln?

Sollte in Bad Gnirbtzschen je ein Erdbeben stattfinden, die Einwohner täten gut daran, sich nur schriftlich zu äußern. Denn steht erst der Dunkeldeutschen Rundfunk vor den Toren, dürfte das kleinste Problem immer noch das Erdbeben sein.

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