Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLIX): Die Kriegserklärung der Terroristen

13 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Bürgerinnen und Bürger kaufen vollkommen unbehelligt Backwaren im Fachgeschäft, benutzen öffentliche Verkehrsmittel, hören Rundfunk oder tragen Schuhe, als wäre nichts geschehen. Als seien wir nicht längst in höchster Not, wahlweise: tiefster Verzweiflung. ’s ist Krieg, und ich begehre, dass es auch uns an der respektiven Sitzfläche vorbeigehe, allein es wird uns ja plausibel eingeredet. Der Krieg gegen den Terror hat uns seit Jahren im Würgegriff, nur dass wir es nicht wirklich bemerken.

Es ist weniger das Problem, dass den westlichen Demokratien die Terroristen den Krieg erklären; es ist wesentlicher, dass Fachkräfte für Sicherheit und Hysterie bis hinunter zur Regierung die Erklärung für bare Münze nehmen und aus der Geschichte so gar nichts gelernt haben, was passiert, sobald eine klinisch bekloppte Rotte esoterisch verbogener Dummklumpen ein komplexes Verwaltungsgebilde durch nächtliches Geheul angreift: nichts. Jedes System, auch das einer westlichen Demokratie, ist aus ersetzbaren Personen aufgebaut, die sich durch ihre funktionale Wiederverwertbarkeit erst als gute Untertanen einer Ungelehrtenrepublik erweisen, so ihnen die angewachsene weiße Weste nicht vom inneren Dreck verfleckt wird. Sprengt den Minister in die Luft, es wird ein anderer kommen. Ballert der Generalin ein ganzes Magazin in den Schädel, und sofort schnalzt eine Kippfigur mit ihrem Umriss in die politische Landschaft. Hase und Igel, so heißt das Spiel. Wir werden immer schon da gewesen sein, wo ihr nie hinkommt. Wir sind Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.

Doch statt die offensichtliche Wehrlosigkeit der Ballermännchen zum Bersten zu bringen, schenkt der großherzige Staat dem Klötenkollektiv einen Vorsprung im Gewaltmonopoly. Das Habitat des Terrorismus ist naturgemäß die Schummerzone, in der Kriminalität mit Kriegsrecht zu bekämpfen versucht wird – als würde man mit dem Völkerstrafrecht jedem Nachbarschaftskrach in der Waschküche zu Leibe rücken. Doch das ist nicht der Widerspruch. Man redet dem Volke ein, dass es sich im Krieg befände, sobald es nicht in Frieden leben könne. Sind dann die freundlichen Mühen des Haushalts um eine Sozialkürzung zugunsten eines üppigen Rüstungsbudgets gleich Krieg?

Die asymmetrische Kriegführung wird offenbar nur von denen als schief betrachtet, die nicht um die Niederlage fürchten müssen. Denn Krieg wird nur durch die Reaktion im Innern erzeugt – ein paar unmotiviert abgeschossene Brandpfeile rufen wenig Jubel hervor, wenn sie im zivilisatorisch kaum erschlossenen Gebiet landen, wo wenig verkohlt. Zudem wertet der Kriegsbegriff den Gegner ohne Notwendigkeit noch Rechtfertigung auf. Wer eigentlich nur grenzdebiler Fanatiker oder aus dem Mistgabelmob rekrutiertes Schimmelhirn ist, pfropft sich alle Körperöffnungen voll mit der Schmeichelei, zum Widerstand geadelt zu werden. Man schmeißt einen Sprengsatz, schon ist man dem Staat ebenbürtig. Mehr tapfere Ignoranz kriegt man ohne eine ganze Dose Lack auf ex nicht hin.

Sind die Schlachten des Terrors Niederlagen für den Staat oder die Regierung? oder für die Völker? Und sind es Siege für die hastig nach eigenem Maß zusammenschwiemelte Kernzieltruppe einer behandlungsresistenten Geltungsneurose? Sauber vorbei. Was sich da als Rebellenarmee geriert, ist in Wirklichkeit nur ein aus dem Ruder gelaufener Kegelverein, der notfalls ein bisschen jähzornig verkündet, er sei das Volk. Eine Möchtegern-Guerilla ohne Bodenhaftung vertraut auf die kopflosen Hühner einer echten Regierung, die die Schmutzarbeit übernimmt. Jede Terrorstrategie lebt nur von der Repression der Gegenseite, sozusagen als umgekehrter Kampfsport: man nutzt die fremde Energie, um sich gekonnt auf die eigene Schnauze zu packen. Krieg gegen den Terror wird so Terror gegen den Krieg.

Der Gegner gewinnt, indem die Bekloppten des eigenen Lagers Brandsätze werfen: Überwachung und Kontrolle, Diskriminierung und Defizite der Demokratiedurchsetzung. Bald dient der Terror nur noch als Popanz, vor dem sich eine melodramatisch veranlagte Kaste inszeniert, als sei sie allein aus unersetzlichem Heldenmaterial gebacken. Sie sind bereits als Opfer auf die Welt gekommen, fühlen sich zum Glück immer angegriffen und müssen nicht erst in den Krisenmodus schalten; sie haben ihn erfunden. Zum Glück bekommen sie die notwendige Katastrophe fertig geliefert, zumindest das, was sie für eine Katastrophe halten. Alles ab zwei Toten – das Äquivalent zu einem mittleren Autobahnunfall – passt ins Raster. Man kann dem Terror gegenüber gleichgültig sein, man sollte es eigentlich auch, aber welche Regierung würde diese Indifferenz gegenüber einem Krieg erlauben?

Irgendwann mündet jeder Krieg in eine Verhandlung, auch und gerade die Kriege, die aus demolierten Verhandlungen erst entstanden waren. In welchem Aggregatzustand von Dummheit muss man sich befinden, um mit Straftätern einen staatsrechtlich relevanten Deal abzuschließen? Wer das täte, wäre ja ein feindlicher Zivilist. Immerhin einer, der keine Gefangenen macht.

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