Vollrausch

18 01 2017

Luzie zeigte mit dem Daumen ins Sprechzimmer. Der Mandant war außerordentlich laut und schlug mit der Faust auf den Tisch – Annes Schreibtisch, wohlbemerkt, und sie hasste wenig so sehr wie das.

„Es geht mir hier ums Prinzip“, erläuterte Herr Jensen. „Ich habe erstens klare Ansichten von der Erziehung meines Sohnes, zweitens kann ich als Teil der Rechtspflege ein solches Verhalten nicht einfach durchgehen lassen.“ Der Mann, dessen Kragen um eine kleine Idee zu eng geknöpft schien, trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch. „Und Sie werden meinem Herrn Filius beibringen, dass es in diesem Gemeinwesen einige Regeln gibt, an die auch er sich zu halten hat, ungeachtet seines Vaters.“ Annes Gesicht war kurz davor, sich zu einer Grimasse zusammenzuballen. Dennoch behielt sie mit einiger Mühe die Beherrschung. „Wenn ich es richtig verstehe“, rekapitulierte sie, „hat Ihr Sohn in der Silvesternacht die Badewanne beschädigt, und Sie wollen ihn deshalb wegen §303 des Strafgesetzbuches anzeigen?“ „Sehr richtig“, gab er zurück. „Ich würde hier sogar von einer Zerstörung reden wollen, schließlich ist die Wanne so nicht mehr zum Gebrauch geeignet.“

Ein kurzer Blick in die Akte brachte mich auf den Sachstand: der Sohn des Strafrichters – daher nämlich kannte er Anne – hatte den Übergang ins neue Jahr derart feucht und fröhlich begangen, dass er im Zustand verminderter Einsichtsfähigkeit einen Eimer Streusand von der Terrasse geholt und zum Gaudium für die Gäste damit durch das elterliche Haus gestolpert war. Schließlich hatte er die Reste der erklecklichen Sandmenge in der luxuriösen Badewanne zu entsorgen versucht und dabei einen Schwamm zu Hilfe genommen, so dass die Emaillierung erhebliche Kratzer davontrug. „Einen Vorsatz muss man hier annehmen dürfen“, schloss Jensen, „der Junge ist selbst angehender Jurist, wenn auch im ersten Semester. Ein durchaus kluges Kind, nur manchmal sehr eigenwillig. Das hat er von der Mutter.“ Anne rümpfte die Nase.

„Ich verstehe Ihre Sorge“, setzte ich vorsichtig an, „sicher hat Ihr Sohn im Weinkeller geräubert oder sonstige Schandtaten vollbracht, aber…“ Er sah mich mit höchster Missbilligung an, ja beinahe mit Abscheu. „Er hat von mir die nötigen Mittel zur Durchführung dieses Festes erhalten, die Getränke ausgewählt und liefern lassen. Wir sind doch nicht bei armen Leuten!“ „Das habe ich nicht gesagt“, gab ich bissig zurück. „Und es besteht auch kein kausaler Zusammenhang, dass er möglicherweise schuldunfähig wegen eines Vollrausches gewesen sein könnte – eine in der Ursache freie Handlung, da er sich der Wirkung der geistigen Getränke ja intellektuell durchaus bewusst war. Das hat er vom Vater.“ Jensen schnappte zurück. „Mein Sohn war zurechnungsfähig“, schrie er und hämmerte auf den Schreibtisch ein. „Das werde ich als Strafrichter ja wohl besser beurteilen können als Sie!“

Anne griff gefährlich langsam nach der großen Papierschere. „Warum wollen Sie eigentlich gerade mich mit der Strafanzeige beauftragen?“ Da biss sich Jensen auf die Lippe. „Sie können doch als Strafrichter auch besser als andere eine Anzeige formulieren?“ „Es ist so“, presste er hervor, „Sie sind mir als durchaus… also Herr Oberstaatsanwalt Husenkirchen hält große Stücke auf Sie, da dachte ich mir…“ Anne ließ die Schere geräuschvoll auf den Aktenstapel fallen. „Ich bin Strafverteidigerin, wozu sollte ich Ihren Sohn hinter Schloss und Riegel bringen.“ Jensen transpirierte. „Es ist nicht das, wonach es aussieht! Sie müssen mir glauben, ich führe wirklich nichts Böses im Schilde!“ Mit zitternden Fingern reichte er ihr eine Visitenkarte, die Anne aufmerksam las. „Ein junger Kollege, er wird die Verteidigung übernehmen, natürlich noch sehr unerfahren, aber Sie werden sich mit ihm ins Benehmen setzen, und es wird sicher nur eine milde Strafe für ihn herauskommen.“ Anne schnappte nach Luft. „Sie wollen, dass ich für den Knaben eine pädagogische Maßnahme inszeniere?“ Er nickte. „Es wird ihm eine Lehre sein.“

Ich konnte sie gerade noch davon abhalten, die Tür aufzureißen und Richter Jensen am Kragen zu packen. „Wir beruhigen uns“, sprach ich auf Anne ein, „alle beide werden wir jetzt ganz ruhig, und dann unterhalten wir uns über eine Zivilklage, nicht wahr? Was halten Sie denn davon?“ Er schnappte heftig zurück. „Absolut unmöglich! Der Junge wird es nie lernen, wenn er nicht endlich einmal von der Anklagebank aus seine Verfehlungen betrachtet!“ Ich blickte zur Tür. Anne nahm wieder Platz. „Es entzieht sich meiner Kenntnis, wer Ihr Mandat annimmt, ich bin es jedenfalls nicht.“ „Einer muss es doch tun“, schrie Jensen. „Er braucht vermutlich eine Schocktherapie, sonst wird sich nie etwas an seiner Widerspenstigkeit ändern!“ „Und wie wäre es, wenn Sie ihm die Klage nur androhten?“ Er sah mich verständnislos an. „Fordern Sie die Kosten der Instandsetzung, ansonsten setzen Sie den Bengel vor die Tür.“ Ganz langsam regte sich seine Miene. „Brillant“, schrie Jensen, „hervorragende Lösung, Herr Kollege! Dass ich auch nicht gleich darauf gekommen bin!“ Er entließ mich aus der hitzigen Umarmung, stürmte zur Tür, drehte sich noch einmal um: „Aber erzählen Sie nichts meiner Frau!“

Nach und nach kam Anne wieder zu sich. „Was war denn das jetzt? und warum?“ „Ich hatte gleich so ein Gefühl“, bekannte ich. Sie sah mich fragend an. „Ich kann mich irren“, überlegte ich, „aber ich glaube, der Mann ist Jurist.“

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