Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLX): Die historische Fälschung

27 01 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Childegund, CEO von Kalumbrien und eine der gefährlichsten Frauen des frühen Mittelalters, hatte ein Problem. Ihr Vetter Aldarich war schon lange scharf auf die Grafschaft Exonia, kriegte aber für einen Feldzug nie genug Truppen zusammen. Da besann er sich auf eine Kriegslist. Mit Hilfe seines Anwalts Dr. Laubenheimer schwiemelte er ein gar hübsches Pergament hin, auf dem der von Erzvater Æþelmulð unterzeichnete Vertrag zur Übergabe des Territoriums an die fettleibige Seitenlinie stand. Schöner Mist. Aber was sollte man machen. Ein Wahrheitsministerium gab es noch nicht.

Um dem Offensichtlichen kurz die Ehre zu geben: die Geschichtswissenschaft ist zum größten Teil das Geschäft, alles herauszusieben, wo man die Realität mit zufällig anwesendem Zeug aufpolstern ließ. Es wurde mehr, öfter, schamloser geschönt, geprellt, gefoppt, jeder tat es und niemand hatte ein Interesse am Aufkippen des Schwindels. Vielleicht waren diese Epochen ein Eldorado für Lügenbolde, vielleicht musste man angesichts der Gegenseite auch gewohnheitsmäßig die Wahrheit anpassen. Die Historie ist ein Märchenbuch und manche Seiten sind von minderer Qualität.

Politik war schon immer ein verhältnismäßig populistisches Geschäft, dessen Akteure mit der Wahrheit nicht viel am Hut hatten, wenn es der guten Sache dienlich war, und das ist im Zweifel immer die eigene. Gaius Iulius Caesar, der Welt vor allem bekannt als Autor der Commentarii de Bello Gallico, wusste durch nüchterne Kürze den Anschein des rationalen Checkers zu erwecken, der mit seiner Schilderung der Elche, die keine Kniegelenke besäßen und nur an Bäume angelehnt zu schlafen vermöchten, allenfalls aufschäumende Fantasterei produzierte, nur noch getoppt von des älteren Plinius’ Historia naturalis, in der er dem Trughirsch – noch so eine evolutionäre Raubkopie! – könne wegen seiner hervorstehenden Oberlippe nur im Rückwärtsgang grasen. Gaius kam nur bis Stabiae, die skandinavischen Abenteuer geben den Kritikern der Elche bis heute nicht recht.

Nicht besser waren die Chronisten, die Marie Antoinette den Schnack mit Brot und Kuchen ins Mäulchen legten. Schon 1760 schob Rousseau sie einer Potentatin unter, die Bürgerin Capet indes, verwöhnter Teen und allem Anschein eher gutmütig als elitär, wäre nicht einmal auf eine so brillante Sottise gekommen. Aber was nicht wahr ist, muss wenigstens gut erfunden sein, um das Gewissen der Henker zu versöhnen. Was alle glauben, kann so verkehrt nicht sein, und wer ließe sich nicht einen Bären aufbinden.

Seit der Ausbreitung des Drucks gierte der Pöbel nach dem Unerhörten; welcher Kaufmann schlüge noch um die Wende zum 18. Jahrhundert das todsichere Geschäft aus, die Höchstmerckwürdige, doch gewisse, und in denen dieserhalb gehaltenen Acten gegründete Nachricht, von einem abscheulichen Drachen, welcher sich zu Gattersleben, ohnweit Bernburg, den 23. Aug. a. c. früh nach 1. Uhr, in dem dasigen Glocken-Thurme, zu großem Entsetzen der erschrockenen Einwohner, sehen lassen unter die Leserschaft zu jubeln, damit der Rubel rollt. Drachen! Entsetzen, aber hui! Augenzeugen, yeah! Heute heißt das BILD sprach als erstes mit dem Toten, und keiner kauft’s.

Was heute als Fake News verschrien ist und im Verdacht steht, die Geschichte auf den Kopf zu stellen, war in vergangenen Epochen nur ein Mittel, dem Lauf der Welt Beine machen. Konstantinische Schenkung? erschtonken und erlogen! Hamburger Hafenrecht? Schummel und Schmu! Pseudoisidor? Privilegium Maius? sauber über den Löffel balbiert und für dumm verkauft. Der Bryce-Report warf 1915 deutschen Soldaten vor, belgischen Kindern die Hände abzuhacken. 1990 verbreitete eine US-amerikanische Kampagne, kuwaitische Schwestern rissen Frühgeborene aus dem Brutkasten, um sie auf dem Boden sterben zu lassen – ganz ohne alle Massenvernichtungswaffen, daher sicher wahr. Die Welt will nicht nur beschissen werden, sie weiß es und mauschelt zurück. Der einzige Unterschied zur Vergangenheit ist, dass wir heute über eine bessere mediale Grundausstattung verfügen und mit etwas Hirn unter der Kalotte Falsifikate von der Wahrheit unterscheiden können sollten. Die gedopte Realität macht jedem X ein U vor, hält Narren zum Narren und seift alles ein.

Dass uns die historische Einordnung nicht recht gelingt, liegt weniger daran, dass wir die historische Dimension nicht sehen wollen; der übliche Depp ist nicht bereit, seine Existenz in einem Zeitkontinuum zu betrachten, er hält sich für wesentlich klüger als die Erfindergeister der Spätantike und natürlich für erheblich kritischer als die, denen man vor zehn Jahren dieselben Märchen erzählt hat. Die Evolution ist nicht machtlos, aber sie ist ehrlich. Man sieht es nur so ungern, weil man sich lieber falsche Tatsachen vorspiegeln lässt – für den eigenen Vorteil.

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