Detailhandel

2 02 2017

„Guten Morgen!“ „Morgen, was darf’s denn sein?“ „Rosenkohl, so ein knappes Pfund. Und einen…“ „Haben Sie ein polizeiliches Führungszeugnis?“ „Bitte, was!?“ „Oder wenigstens einen Reisepass mit biometrischem Foto? Führerschein würde mir auch genügen, wenn Sie Ihren Personalausweis und vielleicht einen…“ „Sind Sie noch ganz bei Trost? Ich will hier einkaufen!“ „Ja, deswegen doch.“

„Sie geben mir jetzt sofort vierhundert Gramm Rosenkohl.“ „So kommen wir nicht weiter. Das würde die öffentliche Sicherheit enorm gefährden.“ „Hören Sie sich eigentlich selber zu, was Sie da für einen Schwachsinn von sich geben?“ „Gerade hier auf einem Wochenmarkt im öffentlichen Raum ist die Sicherheit gefährdet.“ „Rosenkohl!“ „Wenn ich Terrorist wäre, ich würde auch nach Rosenkohl fragen. Ich meine, können Sie sich etwas denken, das weniger Verdacht weckt?“ „Sie verkaufen mir jetzt auf der Stelle…“ „Und ich bin hinterher dran, mir hängen sie das an, dass ich, ohne es zu wissen, zum Terrorhelfer geworden bin. Die werden mein Geschäft auseinandernehmen, mich in Beugehaft stecken, und dann…“ „Sagen Sie mal, wollen Sie mich veralbern?“ „Man weiß doch heutzutage gar nicht mehr, wen man vor sich hat.“ „Soll ich mir meinen Rosenkohl im Supermarkt holen, ist Ihnen das lieber?“ „Der ist wenigstens videoüberwacht, da kann man die Türen abschließen, und die Polizei ist sofort zur Stelle, wenn so ein Gefährder wie Sie…“ „Wie haben Sie mich gerade genannt!?“ „Naja, Sie sind ein Gefährder.“ „Wie kommen Sie darauf?“ „Ich kann Ihnen keine Straftat nachweisen, nicht einmal die Planung, geschweige denn ein Motiv. Sie sind gefährlich.“ „Bitte!?“ „Natürlich, immerhin wird man hinterher über Sie sagen, dass Sie Ihren Terroranschlag so perfekt vor der Polizei verborgen haben, dass man erst danach mit dem Ermittlungen wird beginnen können. Sie sollten sich schämen!“ „Jetzt wird’s mir zu bunt. Ich kaufe mein Gemüse im nächsten Supermarkt.“

„Dann rufe ich jetzt die Polizei. Können Sie mal kurz stillhalten?“ „He, was soll das!“ „Beweisfoto. Die Fahnder brauchen ja ein Bild für die Plakate und fürs Fernsehen.“ „Sind Sie noch ganz dicht? Sie werden das sofort löschen!“ „Sie könnten mir Ihren Personalausweis geben, dann ließe ich mit mir reden.“ „Sie löschen das jetzt!“ „Eben wollten Sie noch Rosenkohl, und jetzt machen Sie hier so ein Theater – finden Sie Ihr Verhalten nicht auch ein kleines bisschen verdächtig?“ „Was hat Ihre Hysterie mit Rosenkohl zu tun?“ „Da sehen Sie es doch! Kaum ist man wachsam, beobachtet das Geschehen und die Personen auf diesem Markt mit der gebotenen Vorsicht, wie es zum Beispiel der Bundesminister des Innern empfiehlt, und das wohlgemerkt auch unter Anwendung der bisherigen Gesetze, die man einfach nur ausschöpfen muss, anstatt immer nur Gesetze zu verschärfen oder aber neue zu fordern, kaum ist man ein bisschen mehr als sonst besorgt über die öffentliche Sicherheit, da werfen einem potenzielle Terroristen Hysterie vor. Braucht es deutlicheren Beweis, dass Sie eindeutig etwas zu verbergen haben?“ „Was wollen Sie denn von mir?“ „Zeigen Sie mir Ihren Ausweis, dann reden wir weiter. Ich kann Ihnen hier schließlich kein sicherheitsrelevantes Wissen verraten.“

„Gut, dann drehen wir jetzt den Spieß mal um. Sehen Sie das?“ „Ach, Sie sind von der… ich… das ist ein Missverständnis, das konnte ich doch nicht wissen, dass Sie…“ „Von wem haben Sie denn die Genehmigung für den Stand? und Ihren Rosenkohl, woher beziehen Sie den?“ „Vom Erzeuger.“ „Sie umgehen den üblichen Weg über den Großmarkt, interessant.“ „Aber…“ „Sehr interessant! Ihre Standgenehmigung hätte ich dann gerne mal.“ „Das ist vom Marktmeister, der…“ „Solche Leute kann man kaufen. Wahrscheinlich steckt der längst mit dem internationalen Terror unter einer Decke. Geben Sie mir Ihren Personalausweis.“ „Nein, ich werde Sie…“ „Wenn das eine Bitte gewesen wäre, hätte ich ‚bitte‘ gesagt.“ „Ich werde mich über Sie beschweren!“ „Tun Sie das. Es ist Ihr gutes Recht. Sie können beispielsweise auch einen Polizisten anzeigen, weil der Sie zusammengeschlagen hat. Es ist nicht mein Leben.“ „Wollen Sie mir drohen?“ „Aber nein. Fassen Sie das als Versprechen auf.“ „Ich rufe die…“ „Man was anderes: haben Sie auch Kundenbewertungen? Und kann man bei Ihnen die Ware innerhalb von vierzehn Tagen zurückgeben?“ „Sie haben wohl einen Knall!“ „Also das sieht das Ministerium für Justiz und Verbraucherschutz aber ganz anders. Im Internet geht das doch auch.“ „Wir verkaufen hier Lebensmittel!“ „Machen Sie mich doch nicht dafür verantwortlich. Ich habe nur ganz normal gefragt, ob Sie die gesetzlichen Richtlinien einhalten. Es geht hier nicht um irgendwelche total bescheuerten Gesetze, die gerade neu eingeführt wurden, es ist lediglich die Anwendung der bereits bestehenden.“ „Was wollen Sie denn jetzt?“ „Ich würde mit mir reden lassen, wenn Sie bescheinigen, dass es sich Rosenkohl handelt, der innerhalb der zulässigen Grenzwerte mit Schadstoffen belastet ist. Können Sie das?“ „Ja, der ist direkt vom Erzeuger.“ „Sehr gut. Dann nehme ich vierhundert Gramm.“ „Sonst noch?“ „Ist der Staudensellerie frisch? Dann bitte noch ein Bund dazu.“ „Bitte sehr.“ „Stimmt dann so.“ „Besten Dank!“ „Auf Wiedersehen!“ „Auf Wiedersehen. – Meine Güte, für die nächste Demo nehme ich wieder Eier.“

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