Ganzheitliche Zubereitung

8 02 2017

„Irgendwie muss sich der Deckel gelöst haben“, mutmaßte Herr Breschke. „Zum Glück stand das Gerät hier unterhalb der Hängeschränke. Sonst wäre das ganze Zeug bestimmt durch die ganze Küche… ach, ich möchte gar nicht daran denken!“ Tapfer wischte er die hartnäckigen Anhaftungen von der Unterseite des Geschirrschranks. So wie er selbst, so stur war dieser Grünkohl.

„Die Bedienungsanleitung ist wieder einmal nur auf Englisch und mit diesen komischen Zeichen“, klagte der Hausherr. „Aber auf den Bildern stand nicht, ob man den Deckel extra befestigen muss.“ Ich nahm das elektrische Objekt in Augenschein. Auf dem Schraubdeckel des Smoothiebereiters, um den handelte es sich nämlich, wies ein runder Pfeil auf die richtige Befestigung hin. „Sie müssen den Deckel im Uhrzeigersinn festschrauben“, erklärte ich dem Hausherrn, „man sieht das auch an diesem Gewinde im Mixglas – haben Sie den einfach so draufgesetzt?“ Er nickte. „Normalerweise sollte das doch halten, und ich habe das Glas auch gar nicht so voll gemacht.“ Immerhin hatte es dafür gereicht, mehrere Quadratmeter Kacheln und Holz mit einem fein gesprühten Grünton ein frühlingshaftes Dekor zu verpassen. „Es klebt so fürchterlich“, jammerte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber man kann den Kohl ja nicht so trocken durchmixen, ein paar Zutaten müssen schon rein.“ „Was genau klebt denn so fürchterlich“, argwöhnte ich. „Zucker“, stöhnte er und schrubbte an der Wand lang, „und die Sahne wird wohl auch ein bisschen pappig sein.“ „Sie haben was in diese Maschine getan!?“ „Meine Frau gibt immer einen Löffel Zucker an den Grünkohl“, begehrte er auf. „Und Gemüse muss man mit einem bisschen Fett zu sich nehmen, wegen der Vitamine. Also das weiß man doch!“ Seufzend rieb er weiter. „Pürieren Sie doch mal ein Stück Wurst“, riet ich ihm. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. „Sie sollen mich nicht aufziehen“, schimpfte Breschke, „Sie könnten es nämlich mit dieser Anleitung auch nicht besser! Und wenn Sie auch viel vom Kochen verstehen mögen, von ganzheitlicher Zubereitung haben Sie sicher auch keine Ahnung!“

Immerhin passte der Deckel, wenn man ihn gut festschraubte, sah der Obstquirl auch einigermaßen stabil aus. „Nur dieses Englische“, moserte Horst Breschke. „Die hätten da doch ein bisschen mehr an uns ältere Benutzer denken können.“ „Wo es sich um ein deutsches Markenfabrikat handelt“, gab ich zu bedenken – die Aufschrift KRUBS auf dem Gehäuse ließ keinen Zweifel zu, dass seine Tochter wieder einmal einen sehr guten Fang auf dem taiwanesischen Markt gemacht haben musste.

„Ich werde jetzt erst einmal nur noch Obst in die Maschine tun“, kündigte Herr Breschke an. „Wenn man im Supermarkt mittlerweile Karottensaft und flüssige Rote Beete bekommt, muss ich das ja nicht auch noch machen.“ „Wenngleich im Sinne der Ganzheitlichkeit so ein selbst fabriziertes Püree bestimmt besser ist als industriell gefertigte Ware“, wandte ich ein. „Da ist etwas dran“, grübelte er. „Da ist wirklich etwas dran, aber es gibt so viele Gemüse, die sich nur schwer verarbeiten lassen. Denken Sie bloß mal an Rosenkohl.“ Vor meinem geistigen Auge blätterte der alte Herr Kohlköpfchen in den Mixer, goss Sahne darauf und häckselte die Mischung zu Fußballrasen à la crème. Wie gut, dass ich mich im vergangenen Jahr nicht zur Abnahme des Rührgeräts von Kennwutt hatte entschließen können, obwohl es so spottbillig war.

Mittlerweile hatte Breschke den Schlitzwender gezückt, um die Reste der Kohlexplosion von den Schränken zu entfernen. „Wussten Sie eigentlich“, ächzte er, „dass man mit diesen Schmusies viel schneller abnimmt?“ Leise rieselten die Krümel auf den Herd, und es war nicht unbedingt klar, dass es sich dabei um Gemüsereste handelte. „Sie meinen, je mehr Grünkohl, desto schlanker werden Sie davon?“ Er nickte, wenigstens machte es den Eindruck, wie er schräg unter dem Schrank hing. „Interessant“, überlegte ich, „wenn ich das mit Zucker und Sahne auf meinen Kaffee umrechne, der ja so gut wie keine Kalorien hat – ich müsste pro Tag ein Kilogramm abnehmen.“ „Das meinte ich auch“, quetschte er hervor. „Aber meine Frau glaubt mir ja nicht, und deshalb werde ich jetzt den Beweis antreten mit frischem Obst.“ Dabei deutete er auf die Schale, die sich auf dem Küchentisch befand. „Ich habe da neulich beim Frisör einen Artikel gelesen, es ging um innere Entschlackung, wie nennt man das doch gleich?“ Mir blieb nur ein fragender Blick, aber er hatte die Antwort schon. „Eine Botox-Kur, genau – wenn man sich von innen ausreichend reinigt, führt man ein besseres Leben, nicht wahr? Und genau deshalb werde ich mich jetzt ganz auf Obst konzentrieren.“

Ich hätte ihn warnen wollen, aber so geschwind griff er in die Schale und stopfte das Mixglas voll, setzte den Deckel auf und schraubte ihn vollendet vorschriftsmäßig fest, dass ich mich nur trocken räuspern konnte. In der Tat brachte ich keinen Ton heraus, während Breschke nach dem Zuckertopf griff, und als er nach dem Einschaltknopf langte, war es zu spät. Meinen mangelnden Kenntnissen der Comicliteratur geschuldet wusste ich nicht, ob dieses Geräusch am Ende des sonoren Röhrens, das freilich auch nur Sekunden angehalten hatte, besser mit Knarz, mit Kröchz oder Rattatakrubs wiedergegeben wird. „Immerhin ganzheitlich“, tröstete ich Herrn Breschke, der fassungslos die dünne Rauchsäule betrachtete. „Und beim nächsten Versuch nehmen Sie einfach die Steine aus den Zwetschgen heraus – vor dem Pürieren.“