Traumhaft

9 02 2017

„Wir arbeiten hier antizyklisch, das heißt: es wird momentan noch gearbeitet. Wir arbeiten daran, dass hier Arbeit stattfindet, das heißt: Prozesse, die im formalen Sinne an der Form erwerbsförmiger Tätigkeitsformen orientiert sein könnten. Könnten, das heißt: wir täuschen das an, aber nicht sehr geschickt. Das ist Sachsen hier.

Sie merken, der Freistaat ist im Aufbruch. Hier sind vereinzelte Objekte schon so gut wie in Bewegung begriffen. Sogar der Ministerpräsident kapiert mittlerweile ohne medikamentösen Eingriff, dass wir hier jede Menge Chancen haben, Probleme zu entdecken, die wir irgendwann dann erfolgreich in den Griff kriegen könnten. Das nenne ich mal förderlich, oder wie nennen Sie das? Also bitte, wir können nicht immer nur die Vergangenheit, wir müssen jetzt auch mal die Zukunft bewältigen. Und das machen wir, indem wir unsere eigenen Ressourcen ausschöpfen. Wir fördern unser großes Potenzial, den Rechtsextremismus.

Was denn sonst? Man kann doch nicht immer nur Christstollen und Nussknacker exportieren, man muss doch auch mal nehmen, was da ist. Das ist hier unser Standortvorteil, den lassen wir uns nicht nehmen, und darauf bauen wir auf. Vor allem ist im Freistaat die Zahl rechtsextremistischer Straftaten unvermindert hoch, die kann man ja inzwischen fast als rekordverdächtig bezeichnen – die anderen holen vielleicht auf, aber wir haben nicht vor, uns von anderen Bundesländern den Rang ablaufen zu lassen. Wir nutzen den Rechtsextremismus als wirtschaftliche Chance, denn nur so können wir uns auch gesellschaftlich verändern.

Man muss ja nicht unbedingt alles nachmachen, aber manche Entwicklungen sind eben gut, weil sie eine gewisse Folgerichtigkeit aufweisen. Also das mit den Knästen in den USA, das ist doch so ein Erfolgsmodell, das sollte hier auch klappen. Wenn Sie sich Sachsen ansehen, hier liegt jede Menge Potenzial auf dem Bausektor, es gibt zahlreiche junge Personen, die bemühen sich um eine gute demokratische Gesinnung, die würden sonst sicher in irgendeiner Bürgerwehr mit rechten Ideologien infiziert, und so können wir sie als demokratisch gesonnenes Justizvollzugspersonal beschäftigen. Das ist ein toller Job mit Pensionsanspruch, gerade für erlebnisorientierte Personen, die trotzdem ihre bürgerliche Existenz nicht gefährden wollen, und für die anderen gibt es ja dann die Knäste.

Das hat auch ein sozialpädagogisches Moment, wenn wir uns um den rechten Nachwuchs kümmern und die Leistungsreserven fördern. Wenn Neonazis nach zehn Jahren Kittchen, Hakenkreuztattoo auf der Glatze und völlig aus der Gesellschaft raus auf den Bau kommen, dann blühen die richtig auf. Die sehen die jungen Leute, Höcke-Jugend und so, und geben sofort ihren ideologischen Erfahrungsschatz weiter. So ein pseudofaschistisches Gewäsch wie von den CDU-Hampelmännchen, da haben die bloß ein leises Rülpsen übrig, damit kriegen Sie keinen mehr in die andere Richtung. Dann lieber richtig in die rechte Ecke, und wenn der Bau fertig ist, geht’s rein, abschließen, Schlüssel abziehen und ab in die Kanalisation. Ich sehe schon die Kampagne vor mir: Traumhaft in Sachsen.

Eine Mauer wäre natürlich auch nicht schlecht, und mal Hand aufs Herz: die könnten Sie hier sogar mit Freiwilligen wieder hochziehen. Die Leute sind da, die Motivation ist da, wenn man denen einredet, es gibt ab sofort keine fliegenden Elefanten mehr über Dresden, dann gucken die aus dem Fenster, sehen keinen Elefanten und sind stolz, Deutsche zu sein. Dass dann keiner mehr rauskommt, damit würden sich die Leute schnell abfinden, sobald sie ganz sicher sein können, es kommt auch keiner mehr rein.

Diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen haben alles nichts gebracht, oder haben Sie schon mal eine sinnvolle gesehen? Ein-Euro-Jobs sind doch auch nur dazu da, die Arbeitslosenzahlen kurzfristig zu verschönern. Wir wollen das langfristig machen, und wir wollen langfristig eine positive Bilanz. Statistisch gesehen haben wir im Freistaat Sachsen pro Tag fünf rechtsextremistisch motivierte Straftaten, wenn man die Mehrfachtäter abzieht, kommt man auf gut tausend Nazis pro Jahr. Dafür lohnt sich ein neues Gefängnis, und da das natürlich unterhalten werden muss, steigert unser sächsischer Rechtsextremismus das Bruttosozialprodukt im Land. Wenn Sie jetzt gewisse Mitnahmeeffekte in die Bilanz einbeziehen, Sie lassen die Knackis nicht herumgammeln, die können beispielsweise Möbel bauen, das hat in den östlichen Bundesländern eine lange Tradition, wenn Sie das so rechnen, dann haben Sie langfristig die Möglichkeit, dass sich das System selbst trägt. Einerseits finanziell, und dann natürlich auch von der Organisation her – der Rechtsextremismus wird zur echten Perspektive für die jungen Leute, der ihren Platz in der Gesellschaft bestimmt und eine gute Zukunft bietet. Wenn das Schule macht, dass wir mit eigener Arbeit aus dem Sumpf kommen, dann rennen die uns hier am Ende noch die Grenzen ein und wir müssten doch mal über die Mauer nachdenken. Eine Art faschistischer Schutzwall, wenn Sie so wollen.

Was sollen wir hier ein Asylantenheimen neben das andere hinsetzen, das führt doch zu nichts. Bei den Heimen haben wir die Leute nicht gefragt, da kam es zu Kommunikationsproblemen, die fühlten sich übergangen, der rechte Nährboden war ja zum Glück da, aber die Ergebnisse verpufften dann auch nur. Aber das wird jetzt ja alles anders. Bei den Haftanstalten machen wir alles besser, die werden auch von der Bevölkerung mitgetragen, schließlich sitzen hier größtenteils eigene Landsleute ein. Denken Sie an meine Worte: wir sind im Aufbruch. Bald ist hier eine einzige im Aufblühen begriffene Landschaft. Unser Freistaat Sachsen, ein einziges großes Straflager. Deutsche Wertarbeit!“