Doppelhöllige Brammelung

13 02 2017

Viel hatte ich nicht verstanden, denn Anne war einem Nervenzusammenbruch nah gewesen. „Wir haben alles versucht“, wimmerte sie. „Luzie hat sogar bis zum Ellenbogen – nein, ich kann das einfach nicht mehr!“ Das Wasser stand bis zum Rand der Sanitärkeramik, das Handwaschbecken war augenscheinlich verstopft, und selbst in der Teeküche ließ sich nichts mehr abgießen. Wie gut, dass sie gleich auf mich kam.

„Wir könnten das Zeug auch aus dem Fenster kippen“, meinte Luzie lakonisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Eimer tropfte und roch gar nicht gut. Vermutlich hatte die Vertretung für Sofia Asgatowna, die zweimal die Woche in Bücklers Landgasthof Diele und Herrenzimmer mit liebevollen Blumenarrangements schmückt, den von Annes grippalem Infekt gut gefüllten Müllkorb in die Kloschüssel entleert. „Ein gutes Dutzend Päckchen“, überschlug die Bürovorsteherin. „Und wie wir alle wissen, soll man Taschentücher nicht in der Kanalisation entsorgen, weil das Zeug aufquillt und die Rohre verstopft.“ Anne sah aus tiefroten in den Flur. „Ich habe Pröckel bestellt“, schniefte sie, „der hat sein Geschäft nur eine Straße weiter.“ Dass es einen Hausmeister gab, der für derlei Geschäfte zur Verfügung stand, musste sie übersehen haben. Ansonsten warteten wir auf den Klempner, der sich noch für denselben Tag angekündigt hatte.

Eine halbe Stunde später stand Paul Pröckel in voller Lebensgröße vor uns. „Das wird teuer“, rief er mit schmerzlichem Mitgefühl aus, „da hätte man ja den ganzen Hahn gleich in die…“ „Wir haben Sie aber doch wegen des Abflussrohrs gerufen“, wunderte sich Luzie. „Ach so“, murmelte der Installateur. „Da habe ich wohl nicht auf die Liste geguckt. Aber der Hahn muss neu, das sieht man doch, dass der ganz schäbig montiert ist. Welcher Trottel hat denn diesen Hahn da hingeschraubt?“ „Sie“, entgegnete Anne knapp. „Es war zwar ein Jahr vor unserem Einzug, aber wenn Sie kurz Zeit haben, dann zeige ich Ihnen die Rechnung.“

Natürlich hatte Pröckel eine Drehspirale im Kasten, jenes Werkzeug, mit dem man in verstopfte Rohre zu bohren pflegte, um nach zehn Minuten oder einem ganzen Nachmittag – es kam oft darauf an, wie gut man die Fachkraft kannte – wieder einen freien Abfluss zu haben. Der metallene Schlauch verschwand in der Tiefe des Beckens, und nach kurzer Zeit kündigte ein sonores Gurgeln die erste Etappe an. „Das müsste man wegreißen“, wandte sich der Handwerker an mich, der als Mann trotz geringer technischer Kenntnisse spontan sein Vertrauen erworben hatte. „Das ganze Becken weg, dann einen ordentlichen Tiefspüler rein, das mache ich Ihnen für unter zweitausend.“ „Zunächst“, gab ich ihm klar zu verstehen, „reinigen Sie mal das Waschbecken. Sie wissen, wo Sie hier sind.“

Sicher hatte diese Ansage einen gewissen Eindruck auf Pröckel gemacht, aber leider nicht den beabsichtigten. „Das geht gar nicht“, verkündete der Rohrspezialist und deutete auf das Knie. „Da sehen Sie schon, das heißt: Sie sehen das natürlich nicht, weil das ein älteres Fabrikat ist, da sammelt sich das Wasser nicht immer an der richtigen Stelle, und dann kommt es zu Rückflussstauungen, daher muss man das durch eine umgelötete Schiebmuffe, aber das kann ich Ihnen ja nicht erklären.“ Anne holte tief Luft, kam aber gar nicht zu einer Antwort. „Das Problem ist die schmarrige Schelle, die ist da unten schon total vermault, und wenn ich das nun aufhebel, dann ist Rückfluss auf dem Flansch in der Wand.“ Er griff zur Saugglocke, pömpelte ein paar Mal lustlos im halb gefüllten Waschtrog herum und schmiss das Gerät wieder in den Eimer zurück. „Das müsse man auch völlig neu machen, vor allem die Sperrung hier ist ja nicht mal richtig gekröpft.“ Luzie blickte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an, als hielte sie Ausschau nach scharfen Gegenständen. „Das muss so“, beschied ich dem Handwerker. „Jetzt schrauben Sie dies verdammte Rohr ab, und dann sehen wir weiter.“ Empört warf er die Zange in den Werkzeugkasten. „Das kann man gar nicht“, maulte er, „das ist ein Flonsch, der ist nicht mal zöllig, da sitzt das ganze Schlottrohr dran, und da ist dann der…“ Da wurde es mir zu bunt. „Pröckel“, zischte ich und packte ihn am Kragen, „Sie elender Amateur! Ihre Scheißbude hat doch diese ganze Installation hier verbrochen!“ „Das war der Lehrling“, presste er hervor, „der hatte nur die geklüpften, die Dinger, die hatte er mit.“ Ich schüttelte ihn kräftig durch. „Was lernen die denn in Ihrem Saftladen?“ Luzie verkniff sich ein Kichern. „Klüpfige Schlotten müssen mit doppelhölliger Brammelung geflonscht werden, sonst droht der Schlondel kernhupfig abzuknurzen! Das Schlondelprofil ist immer doppelt so höllig wie die Maukenzahl – können Sie nicht bei zwei zählen, Sie Rohrkrepierer!?“ „Außerdem“, wandte Luzie ein, „die Schlonzfrettage ist aus verkügeltem Chrom mit Nippelzulage, das hat schon mein Vater gewusst.“ Anne lächelte milde. „Und auf der Rechnung ist Ihre Unterschrift, Herr Pröckel.“

Der erste Mandant würde in einer halben Stunde kommen; Anne spülte in aller Ruhe die Tassen um und räumte sie in den Küchenschrank ein. „Wie nett von ihm, die Reparaturen auf Kulanz zu erledigen.“ Luzie nickte. „Ein ausgewiesener Experte erkennt eine fachgerecht ausgeführte Montage eben sofort.“ Anne stellte drei Tassen auf den Küchentisch. „Und jetzt könnte ich einen guten Kaffee vertragen.“ Sie drückte mir die Blechdose mit den Bohnen in die Hand. „Am besten doppelhöllig.“

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