Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVII): Die gute alte Zeit

31 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es ist dieser leichte Phantomschmerz, der einen an eine Vollmöblierung unter der Kalotte denken lässt, wobei doch nur die Reflexe den Hirnschmerz auslösen. Was die halbwegs nüchternen Augen noch wahrnehmen, passt nicht mehr zu den Zerrbildern, die sich die Erinnerung zurechtgeschwiemelt halt. Damals, da kostete das Brötchen noch drei Pfennige und schmeckte, wie Brötchen heute nicht mehr schmecken. Da hatte Örckelschwick noch einen annehmbaren Ortskern – das Hitlerstandbild war gut auf dem Marktplatz zu entdecken, auch für die sehgeschädigte Generation aus Stalingrad – und nicht diese Glaspaläste mit Betonfuß, wie man sie in jeder besseren Kreisstadt in den Morast pfropft, sobald sich der Baukredit verabschiedet hat. Und natürlich war die Musik besser. Roy und die roten Rhythmikboys hatten gerade die Ukulele entdeckt, und wer würde das vergessen? die gute, alte Zeit?

Natürlich war da alles besser, denn es war gut. Das Gute, so viel hat sich verfestigt, ist ja immer der Feind des Besseren, manchmal hat es sich auch als umgekehrt herausgestellt, noch öfter hat diesen Zusammenhang schlicht niemanden interessiert. Wer aus dem fahrenden Bus herauskrähen konnte, hatte recht. Beim Betrachten der alten Bilder aus dem Familienalbum pilzt es sanft rosa vom Papier, die seligen Tanten rollen unter dem Schönheitsideal von 1960 durch, quasi körperlos, die reine Eitelkeit gibt sich auf für eine Illusion. Jeder gibt sich auf für einen großen Traum, immer vorausgesetzt, es leben in dieser verwalteten Welt Renaissancehelden ohne Geschäftsbereich.

Vor allem durfte man damals noch ohne denn allgemeinen Gleichbehandlungsgrundsatz jeden maximal pigmentierten Akademiker aus Nigeria als Scheißneger bezeichnen, der nur nach Deutschland gekommen ist, um einer Rotte kahlrasierter, geistig minderbemittelter Verlierer im DNA-Roulette den Förderschulabschluss mit Promotionsstipendium zu klauen, denn das wollen die Säufer: unbedingt am Elektronensynchrotron Teilchen zählen. Da war der Typ aus Afrika vollkommen falsch, und wir hatten das wieder auszubaden, dass wir größtenteils zu dämlich waren, um einen Schraubendreher in die richtige Richtung zu halten. Gut, dass diese Zeiten nie vorbeigingen.

Wahrscheinlich turnten bis zu diesem Augenblick noch Dinosaurier durchs Bild, wie sie bis ins hohe Mittelalter zur Rettung harmloser Jungfrauen etatmäßig vorgesehen waren. Jedenfalls hatte die Welt keine scharfen Kanten, keinerlei Konservierungsstoffe, die Eisenbahnen fuhren pünktlich und der Schaffner hatte immer einen robust ausgeführten Schnurrbart. Autos fuhren nur am Sonntag oder aus Versehen.

Wahrscheinlich war auch jeder zweite Nachbar arbeitslos, hatte Krätze oder Masern, beherrschte die Muttersprache dank teutonisch dominierten Genmaterials nur rudimentär und wusste nicht, wer Hegel war. Aber immerhin hatten wir den letzten Krieg gewonnen, vielleicht auch nur die letzte Schlacht, und schon rülpst der Furor sich zurück in ein ewiges Präsens mit Schimmelecken, wie sie die Koordinaten aus dem intellektuellen Untergeschoss an jeder rechtwinkligen Biegung erwartet hatte. So toll war die Zeit auch wieder nicht, alt ja, gut nein, aber dies schuf wenigstens Platz für persönliche Abneigungen: alles doof außer Mutti.

Die Neugestaltung des Alten malt nicht umsonst in unbunten Farben, verzerrt die Linien und kitscht munter drauflos, damit der gründlich verstörte Unsinn in die Matrix eines annehmbaren Schülers mit durchschnittlicher Denkschwäche passte – es wird ja nicht besser, nur weil der Abstand zwischen Einwohnern und mobilem Wissenspotenzial doch anwächst. Es muss freilich daneben auch die klar strukturierten Zeitgenossen geben, die sich um das luxuriöse Problem eines sozialen Status ernsthafte Gedanken machen konnten, aber kaum dazu kamen.

Wir hatten kein Internet, die Autos kippten noch ohne serienmäßigen Prallschutz vom Band, der Fernsprecher hatte eine Schnur, stand öfters in der gelben Zelle am Waldrand, Schlager verkündeten die Zukunft, wie sie die Tarifautonomie und die Sesamstraße nicht schöner hätten feiern können. Das waren die goldenen Zeiten, Blattgoldauflage, wahrscheinlich eher Bronze. Aber auch diese Bilder rufen noch immer Schnappatmung hervor, denn das Aussetzen der Blödklumpen vom Spielfeld fällt unter die fakultativen Gedächtnisleistungen. So ist die Vergangenheit immer porentief rein, wo sie doch objektiv betrachtet als eine Sammlung blauer bis brauner Flecken in die Geschichte eingegangen ist. Denn der Bekloppte ist ein großer Verdränger, er stapelt sich seine eigene Vergangenheit aus dem vorhandenen Material zurecht, und das nicht einmal ohne Geschick. Die eigenen Erinnerungslücken sind das Paradies, aus dem einen nicht einmal die Fakten vertreiben können. Auch wenn sie es wieder und wieder versuchen werden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.





Strahlenschutz

30 03 2017

„Du hast mir das eingebrockt“, zischte Anne. „Ich hätte Ihr einen Termin gegeben, wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen!“ Marlene Krupp-Kosinski saß bereits im Beratungszimmer, guckte skeptisch auf das Gebäckstück, das Luzie neben die Kaffeetasse gelegt hatte, und blätterte in ihrem kleinen, roten Notizbuch.

„Er hat mir Ihre Kanzlei empfohlen“, sagte die Dame. „Besser gesagt, seiner Nachbarin.“ Anne hielt angestrengt die Luft an. Sigune, die mit ihren Topfpflanzen sprach und sie mit linksgerührtem Informationswasser aus Vollmondabfüllung goss. Immerhin war die Mandantin nicht mit Klangschale und Ohrkerzen angerückt, trug keinen Jutesack und hatte nicht versucht, das Wartezimmer nach den Erkenntnissen von Feng Shui umzudekorieren. „Sie müssen etwas machen, es besteht höchste Gefahr.“ „Nur die Ruhe“, entgegnete Anne aus Gewohnheit, denn die meisten kamen mit Angst. „Wir werden das schon hinkriegen. Erzählen Sie mal.“ „Das ist die Ärztin aus dem ersten Stock“, begann Frau Krupp-Kosinski. „Oder vielleicht auch Helferin, jedenfalls geht sie jeden Morgen in die Praxis im gegenüber liegenden Haus – das heißt, sie könnte dann auch Putzfrau sein. Ich habe nichts gegen Putzfrauen, aber ich finde schon, dass man…“ „Es handelt sich also um eine Mieterin“, unterbrach Anne, „den Rest klären wir später.“ Heftig nickte die spärlich geschminkte Blonde und spielte hektisch mit ihrer Halskette. „Sie hat da so eine Art Antenne auf ihrem Balkon angebracht – ich dachte erst, das könnte eine Art Kleiderbügel sein, aber es sah doch zu sehr nach Antenne aus, Sie wissen ja: man kann mit einigen auch Signale aussenden.“ Mit einem leisen Ächzen lehnte Anne sich zurück. Mir wurde langsam klar, was das zu bedeuten hatte.

„Sie haben doch bestimmt schon davon gehört.“ Ich lehnte mich unbehaglich im Sessel zurück. „Es knackt dann immer so im Radio, oder die Lampen flackern, und wenn man bei der Polizei anruft, tun die so, als wüssten sie nicht, worum es geht.“ Mit viel Umstand blätterte sie in ihrem Büchlein. „Im Juni ging es los“, las sie vor, „da hatte ich um elf Uhr so ein Flackern in der Deckenlampe.“ „Wer schaltet auch tagsüber seine Lampen ein“, gab Anne trocken zurück, „noch dazu im Sommer?“ Die Übersinnliche schien es überhört zu haben. „Und dann knackte es einmal sehr deutlich – und ich sage das bewusst so: sehr, sehr deutlich, als ich das Radio eingeschaltet habe, und da war sie gerade nach Hause gekommen. Das ist doch kein Zufall?“

Waren es die Russen? noch oder schon wieder? Würde der längst fällige Untergang des Abendlandes an einer defekten Energiesparleuchte aufkippen? Marlene Krupp-Kosinski jedenfalls saß kerzengerade auf ihrem Stuhl und ließ sich nicht beirren. „Man hört doch so oft“, erklärte sie, „dass die elektrischen Geräte ein paar Tage nach dem Ablauf der Garantie kaputt sind. Ist das Zufall?“ Wir waren einander einen betroffenen Blick zu. „Ich würde es so ausdrücken“, knurrte Anne, „haben Sie gerichtsfeste Beweise oder heute noch etwas anderes vor?“

Laut Notizbuch hatte das Teewasser tagelang nicht wie gewohnt in acht Minuten den Siedepunkt erreicht, es war schneller, teils in sieben, einmal gar in sechseinhalb zum Sprudeln gekommen. Dann wieder sah man merkwürdige Lichtreflexe in der Scheibe der Balkontür, wenn man sich ganz nach links beugte, eine Hand auf den Boden stützte und von unten in den Himmel blickte. Eine knappe halbe Stunde intensiver Beoachtung hatte gereicht, um die Wirkung hervorzurufen. „Ich hatte das nicht für möglich gehalten“, rief die schwer Getäuschte. „Sie müssen etwas unternehmen!“ Anne tastete nach der Schreibtischplatte; die war noch da, verlieh aber nur rudimentären Halt. „Wir bräuchten zuerst eine Unbedenklichkeitserklärung“, gab ich zu bedenken. „Ob Frau Freese…“

Luzie, am schwungvollen Handzeichen luziefr erkennbar, kam mit einem großen Stapel Papier an. „Für eine Untersuchung auf Strahlenschutz müsste das Landesamt erst einmal eine Unbedenklichkeitserklärung haben“, klärte sie auf. „Das Gutachten wäre erst nach der Klageerhebung fällig, aber die Anzahlung kann in Raten geleistet werden.“ „Wir müssten da vorab ein paar Dinge klären“, half ich ein, „wenn Ihre Nachbarin ohne behördliche Genehmigung einen Teilchenbeschleuniger betreibt, könnten wir auch ohne den Staatsanwalt tätig werden.“ Anne nickte. „Das Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren stuft das zwar nur als Ordnungswidrigkeit ein, aber wir könnten ihr ein Bußgeld dafür aufbrummen.“ Luzie nickte. „Bis zu fünfzig Euro.“

Hilflos blickte Frau Krupp-Kosinski von einem zum anderen. „Sie müssten“, fügte Anne maliziös an, „schon mit einem gerichtsverwertbaren Beweis zu uns kommen, damit wir tätig werden.“ Luzie reichte ihr ein Stückchen Pappe mit einem Streifen Klebefilm. „Wenn sich das blau verfärbt an der Außenluft, dann kommen Sie sofort zu uns. Wir haben die Durchwahl zur Atomenergiebehörde.“

Anne stellte die Tasse auf das Tablett. „Und wir werden sie sicher nie wiedersehen?“ „Ich wäre mir da nicht so sicher“, grübelte Luzie. „Möglich, dass sie die Behördennummer selbst herausgefunden hätte.“ Anne schnaufte hörbar. „Ich brauche noch mal die Unbedenklichkeitserklärung. Aber schnell!“





Kebabträume

29 03 2017

„Nazi!“ „Das können Sie so nicht sagen, wir sind die Bundesregierung, wir wurden demokratisch und frei gewählt, und wir…“ „Scheißnazi!“ „Jetzt hören Sie mir mal zu, ich bin in der SPD, linker Flügel, wir setzen uns gerade dafür ein, Waffenlieferungen an Sie auf den Prüfstand zu stellen.“ „Sag ich doch. Drecksfaschist!“

„Wir sind wirklich sehr daran interessiert, ein gutes Verhältnis zu Ihnen aufrecht zu erhalten, aber Sie machen es einem echt schwierig.“ „Das liegt doch an Euch, Ihr verschissenen Hurensöhne! Mit etwas interkultureller würdet Ihr Missgeburten mal mitkriegen, dass wir Türken sensibel sind, klar!?“ „Das hat doch damit gar nichts zu tun.“ „Ich hatte Dich was gefragt, Du Scheißkartoffel!“ „Gut, dann machen wir’s uns mal einfach. Auf Wiedersehen.“ „Wie jetzt!?“ „Sie haben sich soeben für das Ende der Beitrittsverhandlungen ausgesprochen. Das ist sehr bedauerlich, aber eben Ihre Entscheidung.“ „Wir wollen gar nicht in Eure Scheiß-EU!“ „Dann ist ja gut.“ „Eure Drecks-EU ist ein Haufen Scheiße aus Scheißdrecknazis!“ „Tja, da kann man nichts machen.“ „Deshalb wollen wir in die verdammte Scheiß-EU gar nicht rein!“ „Das hatte ich mir schon fast gedacht. Obwohl Sie als Faschist ja sicher…“ „Was!?“ „Ach, nichts. Schon gut.“

„Wir werden Euch nämlich alle überholen, die Türkei ist auf dem besten Weg, das mächtigste Land der Welt zu werden.“ „Würden Sie mir eine Postkarte schicken?“ „Wieso? Wann denn?“ „Wenn Sie fertig sind. Wird das nach den USA sein, die das mächtigste Land der Welt geworden sind, weil die Ungarn es auch gerade werden? wie die Briten?“ „Aber wir werden es wirklich! Wir haben die besten Partner! Wir sind die Größten!“ „Sie meinen uns Deutsche.“ „Naja, es geht nicht so sehr um Sie als Deutsche. Wir sind eher an Ihrem Geld interessiert, weil Sie auch ein Interesse an diesen Investitionen haben müssten.“ „Wie soll ich das denn verstehen?“ „Sie haben doch schon so viel investiert in die Türkei, wollen Sie das Geld einfach so aufgeben, wenn unsere Wirtschaft abschmiert? so wie bei den Griechen?“ „Naja, bei den Griechen haben wir die Kohle größtenteils unseren eigenen Aktionären in den Hintern geblasen.“ „Und hier könnten Sie doch ein wirklich gutes Geschäft machen – zweihundert Prozent Rendite!“ „Hä?“ „Also die Weltbank geht von fast drei Prozent Wirtschaftswachstum aus, den Rest geben Sie dazu – Deal?“ „Und dann?“ „Dann lassen Sie uns zum Dank in die EU rein. Damit Ihre Renditen sicherer sind.“ „Sie meinen, so sicher wie in Griechenland?“ „Willst Du Scheißkartoffel mich provozieren!?“

„Vielleicht sollten Sie bei der Gelegenheit mal darüber nachdenken, wie Sie das Terrorproblem in den Griff kriegen.“ „War das jetzt eine Anspielung auf unseren Präsidenten?“ „Haben Sie das etwa so verstanden?“ „Bei Euch Nazis weiß man nie, ob das ironisch gemeint war oder als Beleidigung. Oder als Kompliment.“ „Der Tourismus bei Ihnen läuft nicht mehr so gut.“ „Weil Ihr Nazis mit Eurem ewigen Gehetze alle davon abhaltet, uns zu besuchen.“ „Die Terroranschläge haben damit natürlich nichts zu tun.“ „Die sind ein ernsthaftes Problem.“ „Ach?“ „Deshalb brauchen wir ja auch einen Präsidenten, der uns die vom Hals hält.“ „Die Touristen?“ „Nein, die anderen. Oder eben das Geld.“ „Wegen der Terroristen?“ „Egal, wir müssen wachsen. Aber ohne Euer Geld wird das nichts.“

„Meinen Sie nicht, dass der Zug inzwischen für die Türkei abgefahren ist?“ „Nein, wir werden ja wachsen, und dann sind wir das mächtigste Land er Welt, was wir eigentlich immer schon waren, und dann brauchen wir Euch nicht mehr.“ „Sie brauchen unser Geld, damit Sie uns nicht mehr brauchen?“ „Ja, aber das heißt nicht, dass wir das Geld nicht trotzdem noch weiter nehmen würden. Ist Nazigeld, aber wir nehmen das trotzdem an.“ „Warum sollten wir ein Land unterstützen, das uns als Faschisten bezeichnet.“ „Naja, manchmal weiß man bei uns auch nicht, ob das als Kompliment gemeint ist oder als Beleidigung. Wir sind ein vielschichtiges Land.“ „Bei Ihnen kann man nur wählen zwischen Diktatur und Knast.“ „Sagen Sie das nicht! Sie können beides haben, wenn Sie wollen.“

„Fassen wir es mal zusammen: Ihre Wirtschaft stagniert auf niedrigem Niveau, Sie sind abhängig von ausländischen Krediten, jagen gleichzeitig die ausländischen Investoren aus dem Land, machen das Ausland für den Verfall der Währung verantwortlich und stemmen sich trotzdem gegen höhere Zinsen.“ „Damit werden wir das mächtigste Land der Welt.“ „Weil die Lira im freien Fall die Importe verteuert, die Inflation anheizt und so für weitere Arbeitslosigkeit sorgt.“ „Das baut unser Präsident hinterher alles viel schöner und viel, viel größer wieder auf.“ „Haben Sie denn überhaupt nichts aus der Geschichte gelernt?“ „Ein Depp mit einem lächerlichen Schnauzbart reitet das Land in die Krise und kann seinen Militärstaat nur noch mit einem inszenierten Angriff auf die eigenen Streitkräfte in einen Krieg treiben, damit die Rüstungsindustrie die Wirtschaft ankurbelt.“ „Und wer soll das machen?“ „Na, Ihr.“ „Wie bitte!?“ „Hör mal, Ihr seid unsere besten Freunde. Und Ihr seid doch Nazis, oder?“





Hamburger Modell

28 03 2017

„… mit einem Küchenmesser schwer verletzt habe. Mutmaßungen auf ein terroristisches Motiv seien zur Stunde jedoch noch nicht in den…“

„… gemeldet worden sei, dass sich der Islamische Staat bereits zum Attentat bekannt habe. Allerdings seien in den sozialen Medien drei unterschiedliche Fotos von jeweils nicht aus…“

„… sich der Verletzte bereits auf dem Wege der Besserung befinde. Er sei zwar vernehmungsfähig, wolle aber keine Angaben zum…“

„… die Abgabe von Küchenmessern an Gefährder nicht gesetzlich geregelt sei. Der Täter sei zwar polizeilich bekannt gewesen sein, habe aber zuvor noch keinen Anschlag mit einem…“

„… keine Verständigungsschwierigkeiten gebe. Der mutmaßliche Täter spreche fließend Deutsch, was einerseits für eine gelungene Integration in…“

„… zwei Zeugen syrisches Arabisch, zwei andere Zeugen Englisch, eine weitere Zeugin akzentfreies Tscherkessisch gehört haben wollten. Dies sei von den Vernehmungsbeamten so nicht…“

„… das Tatwerkzeug einer Analyse im rechtsmedizinischen Institut zufolge vorher für Gemüseputzarbeiten verwendet worden sei. Dies werfe ein kritisches Licht auf die Sicherheitslage, da unter diesen Umständen nicht nur der Erwerb, sondern bereits der Besitz von Haushaltswaren eine erhebliche Bedrohung für den…“

„… es bisher nur Videoüberwachung ohne Tonaufzeichnung gebe. Möglicherweise habe der Täter seine Deutschkenntnisse nur vorgetäuscht, um näher an den…“

„… und nicht der Wahrheit entspreche. Das Bundeskriminalamt habe in den vergangenen Jahren keine Statistik über Delikte mit der Tatwaffe Küchenmesser geführt, könne keine Korrelation mit Tätern mit Migrationshintergrund herstellen und weise die Behauptungen der AfD-Vorsitzenden entschieden…“

„… eine Ausbildung als Metallfacharbeiter in einem ortsansässigen Betrieb abgeschlossen und danach fast zehn Jahre dort gearbeitet habe. Die Kollegen hätten keine Form von Radikalisierung bemerkt und ihn als eher unauffälligen…“

„… noch nicht hinreichend geklärt sei. Da der Täter selbst aus Eimsbüttel stamme, könne man möglicherweise nicht von einem Migranten oder einer Person mit…“

„… als ersten Ansatzpunkt sehe, dass der Täter zwar regelmäßig Sportveranstaltungen besucht, aber nie Alkohol getrunken habe. Dies sei für die Fahnder eine der Unregelmäßigkeiten, die einen besonderen Tätertypus vom…“

„… sich Opfer und Täter schon einmal begegnet seien. Beide hätten weniger als einen Kilometer voneinander entfernt gewohnt, was eine zufällige Begegnung am Hauptbahnhof so gut wie…“

„… auf dem Tatwerkzeug auch DNA-Spuren einer bisher nicht identifizierten Frau gefunden hätten. Ein Zusammenhang mit dem NSU könne zum jetzigen Zeitpunkt weder bestätigt noch…“

„… auch in Eimsbüttel geboren, wobei die Eltern des Attentäters aus Wandsbek stammen sollten. Ein Einwanderungshintergrund im engeren Sinne ist bei ihnen jedenfalls nicht zu…“

„… es sich beim Verletzten um einen Bürger aus einem der ehemaligen GUS-Staaten handle, der seit mehreren Jahren geduldet werde. Er sei wegen einiger Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz mehrfach in…“

„… gebe es keine Polizeistatistik, dass Lokstedt als No-go-Area geführt werde. Da der Bürger im Vorfeld seiner Tat keine Gesetzesverstöße begangen habe, müsse man eventuell…“

„… habe den Täter eindeutig als deutschen Staatsangehörigen identifiziert. Er sei Brillenträger, dies habe aber bisher bei ähnlich gelagerten Taten keinen kausalen…“

„… eine hohe Bevölkerungsdichte aufweise. Den Bezirk abzusperren oder zum Gefahrengebiet zu erklären sei im Falle eines deutschen Gefährders nur möglich gewesen, wenn es sich um linke oder mit Sachbeschädigung verbundene…“

„… nicht um eine illegale Waffe im Sinne des Waffengesetzes handle. Deshalb könne eine polizeiliche Durchsuchung zur Prävention nicht ohne richterlichen…“

„… juristisch nur schwierig durchzusetzen sei. Wer bisher mit dem Gesetz noch nie in Konflikt gekommen sei, dürfe nicht automatisch als mutmaßlicher Terrorist oder…“

„… Bücher über vegetarische Ernährung und Wandern im Schwarzwald sichergestellt worden seien. Die Polizei könne einen Zusammenhang mit der Tat zumindest beim jetzigen Stand der…“

„… zwar als Protestant bekannt gewesen sei, aber nur ein- bis zweimal im Jahr eine Kirche besucht habe. Fraglich sei, ob er sich selbstständig im Internet mit fundamentalistischen…“

„… sich schon vor der Tat unsicher gefühlt habe. Sie kenne den Täter zwar nicht, sei ihm auch nie begegnet, habe aber zur Vorsicht Angaben bei der Polizei gemacht, um die Ermittlungen…“

„… könne man dem mutmaßlichen Täter nicht nachweisen, dass er sich vor den Messerstichen bewusst habe provozieren lassen. Die Videoaufzeichnungen seien an dieser Stelle zu…“

„… nur durch konsequente Abschiebung von Flüchtlingen und eine Obergrenze eingedämmt werden könne. Die Zerstörung Deutschlands durch fremdländische Personen sehe man gerade an solchen…“





Odeldiplom

27 03 2017

„Daran hatten wir hier noch nicht gedacht bei der Planung. Das kommt in der CSU öfter vor, dass die etwas planen und nicht denken, da müssen Sie jetzt nicht überrascht sein, aber die Idee ist gut. Haben Sie denn schon einmal Jodelkurse gegeben?

Weil wir ja das Heimatmuseum… Ministerium, wollte ich sagen, Heimatministerium, das soll die original bayerische Leitkultur und unser Brauchtum pflegen. Der Pflegegrad wächst bekanntlich mit den Aufgaben, und wir haben da viel vor uns. Weil wir eben noch nicht wissen, ob da nicht doch einer an zu denken fängt. Das macht einem dann die ganze Planung kaputt. Was andererseits hier im Freistaat nicht viel zu bedeuten hat, hier wird das dann ganz schnell wieder über den Haufen geworfen. Also das Denken, nicht der Plan.

Und Sie haben auch schon Jodelkurse gegeben? Das hört sich vielversprechend an. Für Planungen in der CSU ist das ein ganz großes Plus. Wenn es sich vielversprechend anhört, dann versprechen wir viel. Größtenteils uns, aber das muss ich Ihnen ja nicht erklären. Das stärkt den Standort und sorgt für gute Kommunikation. Die meisten Besucher sind ja nicht mehr so sicher, warum sie noch nach Bayern kommen sollen, es gibt mittlerweile ein Dutzend Alpendörfer in Japan, die Chinesen machen jede Woche ein neues Angebot für Neuschwanstein, die Koreaner bauen das bald im Maßstab 1:1 nach, man weiß gar nicht, ob man noch in Passau ist oder doch schon in Pjöngjang, aber dann fahren Sie so schön am Chiemsee entlang, und dann sehen Sie die CSU-Plakate, Ausländer raus, oder eben sinngemäß, jede rechte Partei nutzt ihre eigene Formulierung, da sehen Sie dann: hier bin ich richtig.

Ich könnte mir vorstellen, dass wir die ganze Bandbreite unserer Landesleitkultur zum Tragen bringen. Sie müssen als Dozent nicht unbedingt mehr als ein Fachgebiet abdecken – wäre schon angenehm, aber manchmal schließt sich das auch aus – wichtig ist nur, dass wir den Landsleuten ein sehr abwechslungsreiches Angebot machen können. Für Menschen, die sich nicht entscheiden wollen zwischen Laptop und Lederhose. Immer alle ganz extremen Positionen unter einem Markennamen vereint. Wie die CSU halt.

Kombi-Angebote. Für die moderne Frau, den modernen Mann. Ganzheitliche Bildungsangebote für alle. Abschieben und Dirndlschneidern, das ist Integration und Volksverhetzung. Dafür kriegen Sie eine halbe Stunde Applaus im Parteibierzelt. Gut, nüchtern betrachtet ist das schwer durchzuziehen, aber wer betrachtet irgendetwas in der CSU? und dann noch nüchtern? Kombi-Angebote, da geht der Weg hin. Das ist auch viel einfacher zu verkaufen, wenn man als Bildungsträger von den Gemeinden Geld holen will. Je mehr man für die Menschen tun kann, desto besser wird ein Angebot dann auch wahrgenommen. Wenn Sie jetzt noch ein wenig die ländliche Kultur im Freistaat propagieren mögen, mit etwas konservativem Touch, gerne auch so in der ökologischen Richtung gegen ein zu streng gehandhabtes Gentechnikverbot gerichtet, dann haben wir da ein Drittel mehr Interessenten. So als Odeldiplom, beispielsweise. Da könnten Sie sogar Agrarsubventionen aus Brüssel bekommen.

Natürlich bieten wir auch wissenschaftliche Kurse an. Bayern ist als Standort ohne Wissenschaft nicht vorstellbar. Zum Beispiel der ganze Bereich Wirtschaftswissenschaften, da kommt man um die traditionellen praktischen Wertschöpfungsverfahren der bayerischen Gesellschaft gar nicht herum. Den Hoeneß, den könnten wir uns schon als Dozenten für den Bereich Steuern und Finanzen vorstellen. Nein, da sehe ich keine Interessenkonflikte. Wir achten selbstverständlich immer darauf, dass jeder Verdacht gleich im Vorfeld ausgeräumt wird. Die Kurse lassen wir die Hypo Real Estate bezahlen, da gibt’s keine Vetternwirtschaft. Alles bombensicher.

Doch, wir sehen uns schon in der Tradition des Humboldt’schen Bildungsideals. Sehr umfassend, die Geschichte fortschreibend, die eigenen Wurzeln unserer Kultur immer im Gedächtnis wahrend – in diesem Sinne können Sie die Maut eigentlich schon als historisch gewachsenes Leitkulturgut in den Unterricht bringen. Dass die noch in ferner Zukunft ein Gesprächsthema in der Bevölkerung unseres Landes sein dürfte, darüber sollten wenig Zweifel herrschen. Aber wir müssen eben an die einfachen Leute denken, die haben auch einen Anspruch auf Brauchtum. Sie können sich mit der Haderthauerin zusammentun, die macht bestimmt Modellbau für Fortgeschrittene. Und dann gibt’s ein Kombi-Paket mit der Merk in bayerischem Strafprozessrecht für Anfänger. Das schafft ganz schön Lokalkolorit!

Überlegen Sie sich das mit dem Kurs. Noch ist Söder Heimatminister für Bayern, aber wenn wir das in der ganzen Bundesrepublik installiert haben, dann könnte es zu einem Verdrängungswettbewerb kommen. Sie kennen das aus der Geschichte: wenn man mit der Leitkultur ernst macht, bleibt weder das eine noch das andere übrig. Und dann braucht man natürlich auch eine gewisse Planung. Womit wir wieder ganz am Anfang wären. Aber irgendwann wird es sicher so sein, dann werden wir als Bayern unser Brauchtum mit allem, was für eine gute Zukunft im geeinten Europa mit den postiven traditionellen Kräften, die den… Die CSU abschaffen? Ja, das klingt logisch. Das ist wirklich Heimatschutz.“





Miraculum 1452

26 03 2017

Ein Knabe, gleich wie er wohl hieß,
mit eines Apfels Spiel,
dem eines Tages dies zustieß,
dass Holz vom Stapel fiel:

die dicken Bretter krachten laut,
begruben unter sich
den Jungen, der so ganz vertraut
nicht von der Stelle wich.

Man meinte wohl, das Kind sei tot
und hob die Pfosten an.
Da saß er, lachte ohne Not.
Es war ein Wunder dran.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXXV)

25 03 2017

Es fragt sich Suzanna in Heidenstein
als Ärztin: was mag wohl das Leiden sein,
wenn zwei ohne Sorgen
verschlafen am Morgen?
Gespannt rief sie zu sich die beiden rein.

Jacobus, der roch oft in Gieten,
wie Nachbarn am Spieß Ferkel brieten.
Er grübelte ständig
und dachte inwendig:
muss man den Balkon dazu mieten?

Da Włodzimierz’ Bus in Kosmeden
zerkratzt ist, will er jene Schäden
ex post noch versichern.
Er hört nur ein Kichern,
der Außendienst will nicht mal reden.

Der Joschi, der stellt oft in Greith
die Uhr ein nach der Fernsehzeit.
Oft merkt er nach Stunden:
ihm fehlen Sekunden.
Das führt selbstverständlich zu Leid.

Dass Leszek beim Kegeln in Hütte
noch übte, führt ihn zu der Bitte,
zwei Flaschen mit Hellen
am Ziel aufzustellen.
Er traf automatisch die Mitte.

Dass Oorlagh sich in Enniskillen
bei Nacht wachhielt, lag nicht an Pillen.
Sie liest nicht, noch strickt sie,
und keinen erschrickt sie.
Sie tat es rein durch ihren Willen.

Für Myra wird’s teuer in Kutzen.
Oft wirft sie herunter beim Putzen
die Vasen und Schalen.
Sie kann das bezahlen,
doch hat sie mehr Kosten als Nutzen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXVI): Home Office

24 03 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früh am Abend stand brüllend der Bulle vor dem Eingang zur Eigentumshöhle. Auf der Jagd war wieder etwas schief gegangen, natürlich nicht zum ersten Mal, und die züchtig waltende Hausfrau hatte wieder den ganzen Schlamassel. Immer dasselbe. Ständig brachte sich Ngg Arbeit mit nach Hause. Vermutlich entstand so das Home Office.

Während die Milch überkocht, darf Mutti die Quartalszahlen aufbügeln und auf den Rückruf des subalternen Controllingfuzzis warten, der noch nicht einmal bemerkt, wann die Kollegin außer Haus ist, und ihr gewohnheitsmäßig einen Festmeter Papier auf den Schreibtisch klotzt, den sie bei wöchentlicher Rückkehr mit steigendem Interesse an Zimmerbränden mustert. Seine externe Duftmarke setzt der Betrieb jeden Tag, und sei es durch unsinnige Kontrollaufträge, die die Fernkraft wie gewohnt abarbeitet. Wann immer der Piepser anschwillt, pfeift proportional der Blutdruck durchs Innenohr der externen Angestellten. Doch hier draußen hört einen keiner schreien.

Das Urbild der Werkstatt, da der Meister mit Familienanschluss zünftig schafft, es geistert noch durch dumpfe Schädel der bis heute amtierenden Vergangenheiten – das Einbrechen industrieller Produktion, den Wandel vom staubigen Kontor zum aseptischen Großraumgulag verdrängen sie, wo es in den Kram passt – und wird mit ebenso nebulösen Vorstellungen von technischem Fortschritt zu einem Brei von daher notwendiger sozialer Progression verschwiemelt. Sie ist im Grunde jedoch nicht viel mehr als die Verlagerung von Machtstrukturen ohne den notwendigen Ausgleich.

Bereits die Überwucherung der Arbeitswelt mit Teilzeitstellen schafft eine Form von Ausgrenzung, die jeden vernünftigen Betriebsablauf in ein Fest des Getriebesands verwandelt. Wer nichts vom Kollegen auf der anderen Schreibtischseite erfährt, weil er nachmittags nicht mehr im Büro ist, hemmt die reibungslose Kommunikation und ist nach Ansicht der meisten Unternehmensberater auch noch selbst schuld an seinem Dilemma – er könnte ja acht Stunden lang den Drehstuhl wärmen und jeden Atemzug des Vorgesetzten im Nacken spüren. Durch die Auslagerung auf entfernte Kontinente ist die Verständigung endgültig gekappt, unerreichbar weit hockt ein einzelner Mensch am Küchentisch und liest schütteres Wortkompott, muss sich jede Nachfrage über den Fernsprecher erkämpfen – daher Telearbeit – und harrt aus in verröchelnder Motivation, von der bald nur noch karger Schatten bleibt. Horden von Fachkräften kauern im fleckigen Feinripp, in unfarbenen Pyjamas oder kratzigen Bademänteln vor ihren digitalen Endgeräten, tippen die Apokalypse ein und wissen, dass sie niemals aus der Isolationshaft herauskommen werden.

Natürlich freut sich die Wirtschaft über den Segen am anderen Ende der Leitung. Billige Arbeitskraft zu schlechten Konditionen wird als gut verkauft, wo immer Löhne nicht ausufernd steigen, das heißt: gar nicht. Die Politik ist entschlossen, den Schmodder noch zu fördern, vor allem da, wo sie damit gleichzeitig fordern kann. Dumpfdüsen jeglicher Couleur aus dem Regierungslager jodeln jahrein, jahraus das Loblied von noch mehr, immer mehr Fernarbeit, wohl wissend, dass nur die wenigsten Gewerke überhaupt Arbeit in die eigene Butze mitschleppen können. Macht aber nix, für den Wahlkampf reicht dann die launige Mär von der geplanten Steigerung, meist mit ausgedachter Quote derer, die angeblich unbedingt und sofort eine komplette Registratur im Bügelzimmer aufbauen wollten. Die Work-Life-Balance, jene Drahtseilnummer für hoffnungslose Romantiker, kippt aus reiner Gerechtigkeit auf die Restfamilie, die mit einer Halbgestalt zurechtkommen muss und nur widerwillig akzeptiert, dass Vati auch samstags nicht dem Nachwuchs gehört. So werden schon in jungen Jahren unschuldige Kinder Komplizen des übergriffigen Outsourcing, das sich bis ins traute Heim tentakelt. Samstags gehört Vati eben doch dem Controlling, und wenn nicht, ist er bald noch viel öfter tagsüber zu Hause. Aus dem einfachen Spagat wird mählich eine Doppelbelastung, die alle Knochen bricht.

So verausgabt sich ein selbstausbeuterischer Teil der Schäfchenherde in vorauseilendem Gehorsam für eine Arbeitgeberschaft, der das völlig wumpe ist. Ehen werden zerschmirgelt unter den Steinen der Freiheit, die sich andere nehmen, Karrieren im Morast des beharrlichen Schweigens versenkt, das sich spiralförmig ausweitet bis in den Schlaf der Vernunft. Früher gab es noch Kriegerwitwen die im Schlafraum Kugelschreiber schraubten, heute pinnt die Zielvereinbarung den Erfolg am Horizont fest. Wer hier allein ist, wird es lange bleiben. Wie an der Nabelschnur hängen seufzend die Erniedrigten an der Netzwerkstrippe, allein dies ist Hoffnung für die Schlachtopfer der technischen Machbarkeit. Denn angesichts der verhunzten Digitalisierung weiß der gemeine Mann: ohne vernünftiges Internet wird das sowieso nichts. Alles richtig gemacht.





Bla Bla Land

23 03 2017

„Super, das ist ja richtig supidupi, hundert Prozent sind ja voll total oberkrass! Dufte! Ich bin so was von absolut total begeistert, Martin! Damit werden wir übers Wasser gehen!

Er macht gerade Siegerpose? Dann ist ja gut. Sie haben Ihren Stift im Anschlag? Notieren Sie mal: soziale Gerechtigkeit. Wie man’s spricht. Bei der SPD wird das schwierig, die sprechen nur über Gerechtigkeit, wobei da meist Selbstgerechtigkeit gemeint ist. Soziales eher selten. Prägen Sie sich den Begriff gut ein, Sie werden größere Probleme haben, bis Schulz kapiert, was gemeint ist. Er ist halt in der SPD, da findet dieser Diskurs nur noch statt, wenn man einem die Karriere versauen will.

Wenn die SPD soziale Gerechtigkeit fordert, ist das ungefähr so, als würde der Papst dazu aufrufen, allen Kardinälen aufs Maul zu geben, die sich gegen die Gleichbehandlung von Atheismus im Religionsunterricht an katholischen Internaten aussprechen. Theoretisch finden sie die Idee nicht schlecht und würden auch nicht die Inquisition von der Leine lassen, aber praktisch freuen sie sich, wenn Ihnen jemand dafür Brandsätze durch die Schlafzimmerfenster schmeißt. Das geht sehr tief in den Markenkern hinein.

Martin, Du bist der Größte – wissen wir doch! Aber jetzt entspann Dich mal. Du musst doch jetzt die Bundestagswahl gewinnen, da brauchen wir jedes einzelne Etappenziel mit hundert Prozent, und zwar Minimum. Das schaffst Du!

Sie wissen ja, die SPD ist eine alte Partei. Die verlässt sich auf ihre alzheimernde Wählerschaft. Und aus lauter Identifikation mit denen alzheimert sie ihre sozialen Wurzeln weg. Ganz abgesehen davon hat sie natürlich bis heute nicht gemerkt, dass sie von den letzten neunzehn Jahren fünfzehn an der Regierung war. Sie wollen noch mehr Bundesverantwortung, merken aber nicht, dass sie damit die Verfassung aushebeln müssten. Was man als Regierung halt tut, wenn man seinen Job nicht kapiert hat. Wobei, notieren Sie sich das: Schulz genießt Welpenschutz. Etatmäßigen Schwachsinn zum Grundgesetz hat bis jetzt Gabriel abgesondert, von Schulz kam nur die Erkenntnis, dass eine Tüte Streusalz mehr von Europarecht versteht als er.

Ja, richtig so! Wir müssen unbedingt die hart arbeitenden Menschen, also die müssen wir in den Mittelpunkt unserer Überlegungen stellen!

Klar dürfen Sie ihn als bemerkenswert dummes Arschloch bezeichnen. Jeder von uns macht das, seitdem er aus Brüssel gekommen ist. Die meisten empfinden die Wortwahl inzwischen aber als nicht mehr angemessen. Ihre Meinung hat sich erheblich verschlechtert. Sie können Hartz IV korrigieren, das ist eine gute Idee. Sie sollten nur den Arbeitslosen nicht unbedingt sagen, dass die verfassungswidrige Streichung des Existenzminimums bis zur staatlich verordneten Obdachlosigkeit medial aufgebauscht wird, um von den hart arbeitenden Menschen in Deutschland abzulenken. Sie können das sagen, aber dann sind Sie halt ein asoziales Stück Dreck. Schulz sagt das. Seine Entscheidung.

Nein Martin, jetzt komm mal wieder runter. Wir können nicht immer über Wachstum durch mehr soziale Gerechtigkeit reden oder über die soziale Gerechtigkeit, die aus mehr Wachstum entsteht. Die beiden Sachen haben nichts miteinander zu tun, und diesen Wachstumsfetisch kannst Du Dir gepflegt in die… – Wie auch immer. Wir haben da ein paar Skripte gemacht, die solltest Du bis zur Wahl mal ganz genau lesen. Es hat was mit Politik zu tun. Wenn Du keine Ahnung hast, frag einfach. Wir erklären es Dir schon.

Tanzen Sie ihm gegebenenfalls die föderale Struktur der Bundesrepublik vor und erklären Sie ihm, dass die SPD auch auf Landesebene existiert. Er kapiert es sonst nicht. Ja, das hatten wir uns auch gedacht, aber damit ist es nicht getan. Man braucht halt eine gewisse Zuverlässigkeit, dass er nicht aus der Rolle fällt. Wir haben eher die Gewissheit, dass er es tut. Mehr Bildung mit dem Wunderkanzler, das ist das Happy End im Bla Bla Land. Hauen Sie ihn ein paar Mal mit den Gesichtsresten gegen die Tischkante, dann kriegt er schon mit, dass Bildung immer noch Ländersache ist. Aber beschädigen Sie ihn nicht zu sehr. Er sollte irgendwann schon noch zur Kenntnis nehmen, dass die SPD in dreizehn Landesparlamenten am Ruder ist und Jahrzehnte Zeit hatte, Deutschland zur Bildungsrepublik zu machen. Aber wer weiß, vielleicht hängt ja auch demnächst ein Bild von ihm in jedem deutschen Klassenzimmer, und jede Lehrkraft sagt: wenn Ihr weiterhin faul und aufsässig seid und in Eurem Leben nichts gebacken kriegt, dann endet Ihr wie dieser Klassenclown.

Haben Sie das alles? Sehr gut. Hauptsache, Sie machen ihm keine Hoffnungen. Wir sollten alle nicht so tun, als hätte dieser Mann, der ohnehin als Kanzler so gut geeignet ist wie eine Planierraupe für eine Ballettaufführung, auch nur den Hauch einer Chance auf den Einzug ins Kanzleramt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: wir wollen schon gestalten. Und wir wollen auch deutliche Akzente setzen mit einer richtigen Politik. Dazu würden wir natürlich noch erheblich mehr fordern. Aber damit warten wir am besten, bis wir wieder in der Opposition sind.“





Staatsbürger

22 03 2017

„… der Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik nach Artikel 23 des Grundgesetzes nicht das Ende des Arbeiter- und Bauernstaates gewesen sei, da in einem föderalen System der sozialistische Landesteil weiterhin als…“

„… in den neuen Bundesländern beheimatete Staatsbürgerszene die Souveränität der BRD nach 1990 ablehne und den Einigungsvertrag als nichtig im Sinne des…“

„… der Staatsratsvorsitzende Maik Foderlandt die Ausrufung der Sozialistischen Volksrepublik Deutschland in Schwürmsleben vorgenommen habe. Der gelernte Maschinist sei von den drei Mitgliedern seines Kollektivs einstimmig zum…“

„… von der Schriftleitung der regionalen Tageszeitungen verlangt habe, die Planerfüllung der Pflanzenproduktion stärker in den…“

„… wohl aus Restbeständen der Roten Armee organisiert habe. Die mit dem Signet der Neuen Volksarmee lackierten Wagen seien nicht mehr fahrbereit gewesen, als sie von der Bundespolizei bei…“

„… eine völkerrechtliche Vertretung für sich beanspruche. Bisher habe Foderlandt nur ein Fax der angolanischen Botschaft sowie eine Einladung zum gemeinsamen Hören einer Radiobotschaft des Obersten Führers der Demokratischen…“

„… als Vorsitzender der Volkskammer von allen Anwesenden bestätigt worden sei. Das in Rotzkau amtierende Parlament lehne allerdings den Staatsratsvorsitzenden ab, da dieser zum Teil aus Kadern außerhalb des Demokratischen Blocks in zu freien und geheimen Wahlen zum…“

„… das Signal des Digitalfernsehens nicht mit dem mobilen Sendegerät verdecken könne. Die Truppe habe versucht, im Umkreis von fünf Kilometern eine selbst produzierte Aktuelle Kamera anstatt der…“

„… einen Ministerrat der DDR proklamiert habe. Das in Plümzow gegründete Organ stehe aber im Ruf, sich nicht als Regierung des sozialistischen Staates, sondern nur zur Durchführung der von Foderlandt vorgeschlagenen und im…“

„… gebe jeweils eigene Münzen heraus. Auch die nach dem Vorbild der Mark der DDR gestalteten Scheine seien von unterschiedlicher Größe, so dass ein Zwangsumtausch an der Neuen Deutschen Notenbank in Knulpin zur Sicherung des…“

„… wenn die DDR eine gleichwertige Rolle gespielt habe, der Einigungsvertrag ebenso das Fortbestehen Ostdeutschlands und den Beitritt der alten BRD in die…“

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„… eigene Grenzsperren errichten wolle. Foderlandt sei der Ansicht, dass das Kapitalistische Beitrittsgebiet West sich widerrechtlich Zutritt zum Territorium der…“

„… als Provisorische Zonenregierung den Abriss des Schlossbaus sowie die Wiedererrichtung des Palastes der Republik verlange, um in der Hauptstadt der DDR für künftige Parteitage der…“

„… bei der nächsten Fußballweltmeisterschaft mit einer eigenen Elf antreten wolle. Die Teilnahme sei vorerst durch eine gerichtliche Untersuchung des Klassenfeindes, der der Auswahl der BSG Motor Zwickau systematisches Doping in der…“

„… dass Rotzkau zur Hauptstadt der Freien Sozialistischen Republik Deutschland bestimmt werden müsse. Rico Gunke, Fachkraft für Schutz und Sicherheit aus Groß Zschümpen, habe das Amt des Staatsratsvorsitzenden freiwillig aus der…“

„… die Bundestagswahl boykottieren werde, da keine der anderen Parteien die real existierenden staatsrechtlichen Gegebenheiten anerkenne. Man habe sich als Staatsoberhaupt auf die Aktivistin Brigitte Klörre (93) geeinigt, die schon in ihrer Kampfzeit gegen den…“

„… habe vor dem Obersten Gericht in Schwürmsleben Anklage gegen Gunke wegen staatsfeindlicher Hetze erhoben. Foderlandt sei durch den Richter, der gleichzeitig Sekretär der SED in…“

„… die Einfuhr von Südfrüchten in die SBZ beschränkt habe. Diese Produkte sollten nach Weisung des Politbüros ausschließlich verdienten Genossen des ZK und der…“

„… Proteste auf größere Städte überschwappten. Jugendliche hätten in Schmöllroda gegen die Versorgungsschwierigkeiten mit Kaffee und…“

„… nicht den gewünschten Erfolg habe. Zwar lägen bereits tausende von Bewerbungen für eine Kosmonautenausbildung in der Sozialistischen Volksrepublik vor, doch sei die Finanzierung des Luft- und Raumfahrtprogramms noch nicht…“

„… den Wiederaufbau des Sozialismus nur durch eine Normenerhöhung realisieren könne. Es sei bereits in den frühen Mittagsstunden zu ersten Barrikaden, Steinwürfen und Straßenschlachten mit der Freiwilligen Volkspolizei gekommen, die sofort mit dem Einmarsch der Bundeswehr…“