Erika

1 03 2017

„Hier ist schon alles vertikutiert.“ Der Hausherr deutete im weiten Bogen auf das Rasenstück hinter der Auffahrt. „An der Seite können wir dann den Bodendecker pflanzen.“ Ich schulterte die Schaufel, denn wer sonst würde das wohl tun.

Ein paar klägliche Reste vom Steinbrech lagen noch an der Rasenkante. „Dabei hatte mir meine Tochter garantiert, dass er anwächst!“ Im Schatten der zehn Meter hohen Zimmerlinde, ebenso ein Geschenk der Familie, schritt Horst Breschke die Einfassung ab. „Ich war bei Höppners“, tröstete ich ihn. „Sie begrünen drei Dutzend öffentliche Plätze und den Vorgarten des Bürgermeisters, da bekommt man sicher etwas Reelles.“ „Eben“, knurrte er, „der Möpp schaut ja auch direkt drauf – da kann er mal sehen, wie es bei ordentlichen Leuten zugeht!“

Gemeint war Gabelstein, Nachbar und Erzfeind, der Breschke den frisch gefegten Gehsteig wieder mit Schnee zuschippte, Laub über den Zaun warf und die Gartenschläuche zerstach. Zwar hatte auch Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, seinen Anteil an der Sache, weil er sichtlich nicht ohne eine gewisse Heiterkeit hin und wieder durch die Hecke schlüpfte, das Tulpenbeet massakrierte und die Gabelstein’schen Gartenzwerge umstieß, doch gab es nie einen verwertbaren Beweis. Er war stets vorsichtig gewesen.

So rollte ich die Schubkarre die Auffahrt hinauf zur Kellertreppe, während Breschke im Haus nach Zeitungspapier suchte. „Ach“, hörte ich hinter mir eine Stimme, „können Sie mir mal helfen?“ Auf der anderen Seite des Zauns stand eine ältere Dame, eingehüllt in einen Steppmantel, einen voluminösen Hut auf dem Kopf. „Ich wollte zu Gabelsteins, aber da öffnet niemand. Ob die Herrschaften wohl zu Hause sind?“ „Bedaure“, antwortete ich und stellte die Karre für den Moment ab, „aber von hier lässt sich das nicht sagen. Normalerweise bewegen sich die Gardinen, wenn man hier im Garten steht.“ Sie kicherte. „Das hätte ich mir denken können!“ Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Breschke eben aus der Tür trat, nein: wie er aus der Tür treten wollte und, schreckensbleich, im letzten Moment wieder im Haus verschwand wie der Kasper im Puppentheater. „Das ist eigentlich eine Frechheit“, fuhr die Dame fort. „Das Haus gehört mir zwar nur auf dem Papier, aber immerhin muss er doch bei einem angekündigten Besuch öffnen?“ „Wenn ich es richtig sehe“, schloss ich, „dass Ihnen das Haus auf dem Papier gehört, dann heißt das: es gehört Ihnen.“ „Das wollte ich aber auch meinen“, rief sie aus und stampfte mit dem Fuß in den Laubhaufen hinter dem Zaun. „Na, das ist mir ja einer!“

Unterdessen hatte der alte Mann zitternd in der Tür gestanden, die Luft angehalten und unserem Gespräch gelauscht. „Und Sie wohnen ganz alleine in diesem großen Haus?“ „Nicht doch“, wehrte ich ab. „Ich kümmere mich ein wenig um den Garten von Breschkes.“ „Breschke“, sagte sie versonnen, „einen Horst Breschke kannte ich mal.“ „Nicht die Möglichkeit“, tat ich erstaunt, „ich werde gleich mal nach ihm rufen. Herr Breschke!“

Der pensionierte Finanzbeamte erschien in kaltem Schweiß und mit glühend roten Wangen. „Du hast Dich ja kein bisschen verändert“, grinste die Dame. „Erika“, krächzte er, „das ist… lange nicht… gesehen!“ „Fast fünfzig Jahre“, krähte sie. „Und weit hast Du es gebracht, dass Du Dir sogar einen Gärtner leisten kannst.“ „Das ist…“ Er kam gar nicht dazu. „Früher hatte er Locken“, verriet Erika. „Richtige Locken! Aber er hat sich gut gehalten, finden Sie nicht auch?“ Sie wandte sich in verschwörerischem Ton zu mir, und das, wo er doch genau hörte, was sie sprach. „Wissen Sie, dass wir ihn damals den feschen Horsti genannt haben? Meine Schwester war damals auf dem Lyzeum, sie hatte sich extra einen Bubikopf schneiden lassen, damit er…“ „In einer Reihe, und oben an die Mauer kommen dann Aubrietien!“ Hastig stellte er die Töpfe in die Schubkarre. „Kommen Sie, kommen Sie!“ Und schon watschelte er hinweg.

Sie sah ihm lange nach. „Ich erinnere mich ja noch an ein Gartenfest bei Husenkirchens, ist das Ihnen ein Begriff?“ Ich musste überlegen. „Er hat jedenfalls damals seine spätere Frau kennengelernt, und dann wurde er auch bald Oberinspektor.“ Sie seufzte. „Und jetzt werden Sie sich hier in seiner Nachbarschaft niederlassen?“ Sie lachte wiehernd. „Ach Gottchen – nein!“ In der Ferne lud Horst Breschke in gebotener Uneile die Pflänzchen aus, als wögen sie je Topf einen Zentner und wären aus Porzellan. „Gabelstein, das ist ein Schlawiner. Erst hatte er der Bank sein Haus angeboten, dann musste er es versteigern. Und was mein Hubert war, der hat mir so einige Ersparnisse hinterlassen. Er kann bis auf Weiteres wohnen bleiben, aber ich erwarte, dass er keine Scherereien mehr macht.“ „Wir werden dafür sorgen“, versprach ich. „Er wird sich gar nicht mehr rühren, ich habe das so im Knie.“

„Das war damals noch ganz anders“, stammelte Breschke. „Sie wissen doch, dass das Haus damals einem Doktor Schneider gehört hatte? Aber er war ja kinderlos und musste – überhaupt gehört hier gar kein Bodendecker hin!“ Er wirkte verärgert. „Nur keine Sorge“, beruhigte ich ihn. „Noch haben wir den guten Gabelstein und seine Gartenzwerge.“ Bismarck schnürte die Hecke entlang und blickte auf die nachbarlichen Blumenbeete. Was für ein schöner Tag.

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