Denkzettel

12 04 2017

„Man darf ja nichts sagen!“ Frau Breschke hob abwehrend die Hände. „Am Anfang hat er diese grünen Tabletten genommen, die Apothekerin hat sie ihm aufgeschwatzt, aber sein Gedächtnis wurde nicht besser.“ „Und dann?“ Sie seufzte. „Er wusste nicht mehr, wo er sie hingelegt hat.“

Der alte Herr knipste mit der Rosenschere an einem seiner Stöcke herum. „Ich hatte es ihr doch vorige Woche gesagt“, klagte Horst Breschke, „wir müssen bis Donnerstag, nein: Freitag, und dann ist der Abholtermin für den Strauchschnitt, und heute finde ich den Zettel auf dem Tischchen.“ „Was aber schon in der vergangenen Woche fällig gewesen wäre“, gab ich zu bedenken. „Ihre Frau wollte den Service anrufen, aber Sie haben die Nummer mit der Bestellung nicht gefunden.“ Er gestikulierte wild. „Weil der Zettel weg war“, ereiferte sich der pensionierte Finanzbeamte. „Wie soll ich denn die Abholung bestätigen, wenn der Zettel weg ist?“ „Er lag neben dem Telefon“, wandte ich ein. „Ich werde dieses Jahr die Rosen ein wenig stärker schneiden“, erklärte er. „Außer mir kümmert sich ja niemand um den Garten.“

Offensichtlich hatte Breschke in den letzten Wochen eine Menge liegen lassen; Pakete wurden nicht abgeholt, eine Rechnung nicht bezahlt, das Opernabonnement für die Dame des Hauses – teils besuchte sie die Aufführungen, teils ließ er sie auch alleine ins Theater gehen – wurde erst im letzten Augenblick verlängert, weil das Singspielhaus die treuen Gäste selbst angerufen hatte. „Ich kann mir doch nicht für jede Kleinigkeit einen Knoten ins Taschentuch machen!“ Entrüstet stieß er das kleine Rosenschäufelchen ins Beet. „Und dann stellen Sie sich diese Peinlichkeit vor! Ich komme zum Frisör, möchte mir die Brille putzen, sehe den Knoten und weiß nicht, was damit gemeint ist – was soll ich denn da sagen?“

Die Gartenkralle war allerdings unauffindbar. „Und ich hatte sie hier auf die Kellertreppe gelegt!“ Was auch stimmte, zumindest zur Hälfte – die kaputte, deren Stiel sich schon vor längerer Zeit gelöst haben musste, lag noch dort und harrte ihrer Entsorgung. „Vielleicht“, merkte ich an, „haben Sie aber schon vor drei Wochen eine neue gekauft?“ Breschke guckte über den Treppenabsatz in den Kellerraum. „Ich will das nicht ausschließen“, gab er grimmig zurück. „Aber ich hatte sie doch extra hier auf die…“ „Deshalb ist sie auch im Regal“, sagte ich und zog das Werkzeug von der Stellage. „Meine Frau weiß einfach nicht mehr, wo ich die Sachen hinlege.“ Er putzte sich mit erstaunlicher Sorgfalt die Brille. „Manchmal habe ich fast den Eindruck, sie wird vergesslich.“

Zwei Stunden intensiver Gespräche hatte es gedauert, dann sah er es endlich ein: hinfort würde es nicht mehr ohne Gedächtnisstütze gehen. „Sie brauchen einen Denkzettel“, ermunterte ich ihn, „dann fällt Ihnen vieles leichter.“ Noch war er zögerlich, doch das sollte sich ändern. „Wie wäre es“, begann ich, „wenn Sie sich die wichtigen Dinge gleich aufschreiben?“ Zufällig fand ich den Notizblock in der Tasche, den Frau Breschke von der Apothekerin mitbekommen hatte. „Morgen hole ich die Cholesterinpillen vom Doktor ab“, verkündete er, indem er es auf die Liste schrieb. „Da sind Sie in der Stadt“, bestätigte ich, „und könnten auch gleich ein neues Formular für den Strauchschnitt beantragen.“ „Gute Idee“, bestätigte er, „und die Grundwassergebühr für das laufende Quartal – wir haben ja seit vierzig Jahren einen Grundwasserstreit mit der Kommune, aber das wissen Sie ja sicher längst – kann ich dann auch gleich unter Vorbehalt einzahlen.“ Tief befriedigt sah er über sein Rosenbeet. „Die linke dort“, verriet er mir, „kann noch einen guten halben Meter höher werden. Aber das geht natürlich auf Kosten der Blüten.“

Immerhin hatte er unterdessen die Rosenschere wiedergefunden; sie lag anstelle der Kralle auf der Kellerstellage, und die Suche war recht gut vonstatten gegangen. „Ich habe bei der Stadt angerufen“, verkündete er anderntags, „das Formular war übrigens noch gültig – ich musste ihnen nur die Nummer geben, die auf dem Antrag stand.“ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch gleich, dass Frau Breschke ein kariertes Kostüm aus der Reinigung abzuholen hatte, und dies auch schon seit einer Woche. „Es ist aber auf derselben Ecke wie die Apotheke. Ich parke in der Brunnenstraße und kann zu Fuß in Richtung Holbeinplatz, und dann wollte ich da noch etwas.“ Er kratzte sich am Kopf. „Schuhe?“ Er schüttelte den Kopf. Auch mit dem Sonderangebot aus dem neuesten Prospekt vom Feinkosthändler hatte es nichts zu tun. „Ich komme nicht darauf“, stöhnte er, „und dabei war ich so sicher. Warten Sie!“ Angestrengt blickte er in den Garten hinein und konzentrierte sich. „Ich hatte es doch eben noch auf der Zunge.“ „Setzen Sie sich nicht zu sehr unter Druck“, riet ich ihm, „sonst erreichen Sie nur das Gegenteil.“ „Warten Sie“, sagte Breschke aufgeregt, „gleich – ja, ich hab’s!“ Triumphierend zog er einen Zettel aus der rechten Tasche seiner Strickweste. „Da haben wir es doch: in der Besteckschublade!“ Und so folgte ich ihm, wie er schnurstracks die hintere Treppe hinauf ins Haus lief, durch das Balkonzimmer und den Flur direkt in die Küche, wo er den Zettel aus der Lade fischte. „Notizzettel. Wir brauchen dringend ein paar Notizzettel.“ Breschke legte das Blatt auf den Besteckkorb zurück. „Gut, dass mir das noch eingefallen ist.“

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