Überraschend verboten

25 04 2017

„Das muss ansteckend sein.“ Luzie guckte mich über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Oder er schluckt Sachen, die man besser nicht schlucken sollte.“ Im Beratungszimmer saß ein älterer Herr in einem viel zu engen, viel zu grauen Jackett. Aufgeregt mustere er seine Umgebung. Anne musste jeden Augenblick kommen.

„Ich bestehe auf meinem Recht“, sagte Herr Kötter ganz entschieden, jede Silbe betonend, und unterstrich seine Ansicht noch einmal mit dem in die Höhe gestreckten Zeigefinger. „Ich bestehe auf meinem Recht, und Sie werden es durchsetzen, sonst werde ich für den Bestand meiner Ehe nicht mehr garantieren können. Sie wissen, worum es sich handelt.“ Anne blickte ihn konsterniert an. Sie hatte eine leise Ahnung, dass auch dieser Besuch ihres Mandanten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein würde, aber sie wusste noch nicht, mit welchen. Aus einer grauen Mappe reichte ihr Kötter ein handgeschriebenes Blatt. „Ich habe Ihnen die rechtlichen Regelungen einmal herausgesucht, Sie werden das natürlich wissen, aber das erspart Ihnen das Nachschlagen.“ Sie warf einen Blick auf die steilen, wie ins Papier gekratzten Zeilen. „Ich hatte mir so etwas bereits gedacht“, murmelte Anne. „Das ist schwierig, nicht zu sagen vollkommen unmöglich.“

Mit größtmöglichem Umstand nahm Herr Kötter einen winzigen Schluck aus seiner Teetasse. „Wir haben in absehbarer Zeit den Tag unserer Silberhochzeit zu feiern. Meine Frau auch.“ „Ich hatte etwas in diese Richtung vermutet“, gab Anne trocken zurück, „vermutlich ist Sie mit Ihnen verheiratet?“ „Absolut korrekt“, nickte er. „Das entspricht vollkommen den Tatsachen, weshalb ich mich ja auch bei Ihnen befinde. Sie müssen diese Ehe retten, und zwar vor meiner Frau. Sie hat durch eine widerrechtliche Maßnahme vor, diese Ehe in der Blüte ihrer Jahre zu zerstören, und das darf ich nicht zulassen. Sie wird mir eine Reise nach Venedig schenken.“ „Sie werden doch mitfahren?“ Verärgert winkte er ab. „Darum geht es doch gar nicht“, schimpfte er. „Sie verstößt damit gegen die grundlegendsten Rechtsvorschriften, und ich kann das nun einmal nicht dulden. Sie will mich mit der Reise überraschen! Ist das zu fassen?“

Aufgeregt lief Kötter vor dem Fenster hin und her. „Da es sich bei unserer Ehe nun einmal um ein Rechtsgeschäft auf Gegenseitigkeit handelt, muss ich das rechtzeitig regeln. Ansonsten könnte ich Schwierigkeiten bekommen.“ „Ich vermute, mit Ihrer Frau.“ Er sah mich pikiert an. „Ich wusste, dass Sie die Rechtslage überhaupt nicht begreifen. Meine Frau will mich überraschen, das geht doch nicht! Möglicherweise wird unsere Ehe durch diese Überraschung mit der Reise quasi annulliert, und dann sitze ich auf den Kosten für die Feier, die Ehe ist kaputt, und vom Gerede will ich gar nicht erst anfangen. Da muss man doch etwas tun können.“ Er stürmte aus dem Zimmer und begab sich auf die Toilette. Ich las mir seinen Schriftsatz in aller Ruhe durch, allein ich verstand ihn nicht.

„Er bezieht sich auf einen entlegenen Paragrafen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch“, stöhnte Anne. „Es gibt dieses Überraschungsverbot tatsächlich, aber es bedeutet etwas ganz anderes. Man darf in einem Vertrag niemanden mit einer vollkommen unerwartbaren Regelung überraschen, denn diese würde auf der Stelle nichtig.“ „Verstehe“, sagte ich. „Wenn ich Dir ein Fahrrad verkaufte, und im Vertrag stünde, dass Du nur mittwochs damit fahren dürftest?“ „Genau“, antwortete sie, „der Kauf wäre gültig, aber fahren darf ich damit natürlich immer, nicht nur mittwochs.“ „Gleichwohl“, schloss ich, „überrascht wärest Du doch, und das wäre nicht einmal verboten.“

Kötter hatte sein Jackett noch nicht einmal zugeknöpft, als er das Zimmer wieder betrat. „Ich nehme an“, fragte er und knöpfte das Jackett wieder auf, da er sich setzen wollte, „Sie haben inzwischen eine Lösung gefunden? Gibt es einen Präzedenzfall dafür? Und wie kann ich mich jetzt verhalten, ohne die Ehe zu gefährden?“ „Haben Sie denn überhaupt einen Ehevertrag?“ Entrüstet sah er Anne an. „Aber selbstverständlich“, polterte er. „Ich werde doch eine so wichtige Sache wie eine Ehe nicht nur mit einer mündlichen Abmachung schließen. Was denken Sie nur von mir?“ Annes Hände pressten sich gegen die Tischplatte; ihre Fingerknöchel waren von hektischem Weiß. „Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie diese Reise bereits mit Ihrer Eheschließung in den Kontrakt aufgenommen haben. Oder sollte ich mich da irren?“ „Reden Sie doch kein dummes Zeug“, rief er verärgert. „Ich habe diesen Brief in der Post vorgefunden, er war versehentlich an uns beide adressiert, und darin fand ich die Bestätigung des Reisebüros. Venedig. Zwei Personen. Verstehen Sie jetzt?“ „Moment“, bremste ich Kötter. „Ihre Frau hatte Ihnen noch nichts gesagt?“ Er schüttelte verdutzt den Kopf. „Und Sie haben den Brief, gleichwohl er an Sie adressiert war, trotzdem geöffnet und den fraglichen Inhalt durch Lesen in Erfahrung gebracht?“ „Was wollen Sie von mir“, knurrte Kötter, „das habe ich Ihnen doch…“ „Sie selbst also“, unterbrach ich ihn, „haben diese Überraschung herbeigeführt, an der Ihre Gattin nur mittelbar beteiligt war. Ich darf von einer Mitwisserschaft ausgehen, weshalb sie bis zu einem gewissen Grad haftbar, wohl aber keinesfalls allein schuldig wäre. Die Verantwortung für diesen Verstoß, mag er fahrlässig herbeigeführt worden sein, liegt bei Ihnen. Ihnen ist klar, was das bedeutet?“ Er schluckte trocken. „Ich wäre damit schuldig am Scheitern meiner Ehe“, fragte er heiser, „und müsste im Falle einer Auflösung auch die Kosten tragen?“ Anne nickte. „Die Rechtslage ist da eindeutig“, sagte sie. „Sie könnten natürlich den Gerichtsweg einschlagen und sich selbst verklagen, aber das wäre ein langwieriges Verfahren. Sie würden ohnehin als unterlegene Partei auf den Kosten sitzen bleiben.“ „Kann man da denn gar nichts machen?“ Flehentlich sah er von einem zum anderen. „Sie sind ja nun schon überrascht“,tröstete ich ihn, „verzichten Sie auf die Klage und treten Sie im Zuge eines Täter-Opfer-Ausgleichs die Reise an. Dann bin ich mir relativ sicher, dass Ihre Frau auf weitere Rechtsmittel verzichten wird, und die Ehe hat weiterhin Bestand.“ „Sehr gut“, jubelte Kötter, „so machen wir das! Hervorragend! Ich wusste, Sie würden eine Lösung finden!“

Anne knetete ihre Hände. „Wenn ich jetzt auch noch wüsste, was man diesem Kauz an Gebühren abrechnen kann?“ Ich legte das von der Feder zerfurchte Blatt auf ihre Mappe. „Dir wir schon etwas einfallen. Überrasch mich!“

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