Schöner Schießen

4 05 2017

„Sie müssen gewisse Abstriche machen. Wenn wir am Standort in Nordrhein-Westfalen drei vegane und zwei vegetarische Hauptgerichte anbieten, dann müssen Sie sich in Afghanistan mit einem begnügen. Nein, wir haben da nicht täglich Quinoa. Ja, Sie können sich gerne beim Wehrbeauftragten beschweren, das ist ein freies Land. Davon werden unsere Lunchpakete auch nicht glutenfrei.

Immerhin sind wir jetzt eine Berufsarmee, da sollten sich gewisse Dinge etwas anders gestalten. Sie werden professionell betreut, schließlich sind wir Sie nicht nach neun Monaten schon wieder los, und unsere gesamtgesellschaftliche Rolle hat sich grundlegend gewandelt. Uns ist man nach neun Monaten ja auch nicht mehr so einfach los. Wir verfolgen jetzt das Konzept Nachhaltigkeit, da kann man sehr zukunftsorientiert operieren, wenn man politische Unterstützung dafür findet.

Klar, die findet man nicht immer. Aber auf der anderen Seite ist die Truppe jetzt auch ein ganz normaler Arbeitgeber geworden, der für die meisten einen Job bietet, den sie auch nicht mehr loswerden wollen, warum auch immer. Da müssen Sie nicht mal nachhaltig und mit Zukunft oder irgendwie was machen, das passiert halt. Wie eigentlich das meiste bei der Bundeswehr.

Aber das heißt eben nicht, dass man es sich nicht auch nett machen könnte. Sie beschweren sich wegen der ständigen Autofahrten, weil Sie daheim bei Ihrer Familie sein wollen? Dabei haben wir die Nachtmärsche aus disziplinarischen Gründen schon längst abgeschafft. Wochenenddienste gibt es auch kaum noch, da kommen ja immer die guten Sachen im Fernsehen, und wenn Sie eventuell noch bei der Familienplanung sind, in der Nacht zum Sonntag wird bekanntlich am nachhaltigsten geplant.

Deshalb auch verbesserte Betreuungsmöglichen für Kinder. Wir denken ganzheitlich, wir sind vor allem an der Frau interessiert – man merkt das bei dieser Verteidigungsministerin nicht sofort, aber wir arbeiten daran – und richten uns da auch gerne nach den Bedürfnissen der modernen Staatsbürgerin in Uniform. Die will nach einem harten Gefechtstag ihre Kinder zeitig aus der Krippe abholen, an den Wochenenden braucht sie schon mal Freiraum, um sich für den Cyberkrieg vorzubereiten, natürlich ist sie auch körperlich leistungsbereit und bildet sich in ihrer Freizeit gerne weiter, wenn sie erfahren will, welchem Ex-Geschäftspartner der US-Präsident aus sinkenden Umfragewerten als nächstem die Rübe wegblasen will, kurz: eine Arbeitnehmerin wie alle anderen auch, nur eben mit sehr hochwertiger Dienstkleidung aus strapazierfähigen Qualitäten, in zeitlosem Schnitt, pflegeleicht und formstabil.

Ich sehe das jetzt nicht in direktem Widerspruch zu unserer Männergruppe. Wir wollen schon den Gleichstellungsanspruch der Männer ernst nehmen, das erschöpft sich ja keinesfalls in logistischer Unterstützung für Luftschläge auf die afghanische Zivilbevölkerung, aber so ein bisschen Zeitgeist kann einem auch nicht schaden. Unsere Seminare Hipsterfrisuren unterm Stahlhelm und Schöner Schießen werden jedenfalls gerne gebucht. Zwar größtenteils von Frauen für ihre Männer, aber immerhin.

Gut, wir hören jetzt auch vermehrt Klagen über den Zustand der Truppe, weil die richtigen Sachen nicht mehr angeboten werden. Geflogen wird hier ja kaum noch, weil die Hubschrauber zu gefährlich sind – wenn Sie mit denen über eine Wasserleitung fliegen, dann zerlegen die sich selbsttätig in der Luft – und bei Raumtemperatur beginnen die Gewehre automatisch zu versagen. Hatten wir als friedenssichernde Maßnahme verkauft, aber das kam ja noch schlechter an als die Wahrheit. Da können Sie jetzt im Prinzip nur gegensteuern, wenn Sie im Manöver Papppanzer in die Landschaft dübeln, aber das birgt natürlich nationale Risiken, weil die IQ-Bodentruppen in der US-Regierung in jedem Klotz Massenvernichtungswaffen sehen.

Aber wir tun ja etwas. Was meinen Sie wohl, warum wir den Bundeswehreinsatz im Innern derart forcieren? Reisestrapazen minimieren, regionale Produkte und Dienstleistungen für die nachhaltige Wirtschaft bereithalten, kurze Wege für ökologisch wertvolle Beiträge zum Bruttoinlandsprodukt, man kann so viel machen. Die anderen stellen Ihnen vielleicht einen Automaten mit Mate-Limo in die Kantine, aber davon hat die nationale Sicherheit ja auch nichts. Um als Arbeitgeber konkurrenzfähig zu bleiben, muss man weiterdenken. Strategische Ziele formulieren, die Unternehmensvision für eine neue Aufteilung der globalen Konfliktzonen bestimmen – China gegen Korea, die USA gegen alle, Merkel gegen von der Leyen – das ist die Motivation, für die wir arbeiten. Ziele setzen, nicht nur militärisch, sondern aus der Gewissheit, dass wir auch morgen führen werden, mehr denn je. Deutschland dienen, aber dem Deutschland dienen, wie wir es uns in der Zukunft noch gar nicht…

Natürlich ist das Bullshit. Hören Sie mal, wenn sich jetzt schon so eine Knalltüte als syrischer Flüchtling ausgibt, weil die Truppe ihn nicht genug auslastet, was kommt als nächstes!?“

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