Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXI): Moralische Panik

5 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang war es vermutlich ein Zwerg mit roten Haaren. Lederjacken kamen später, Pilzköpfe erst danach. Vielleicht war der eine oder andere Typ schon seltsam dunkel, man kann ja nie wissen. Aber die moralische Panik suppte erst dann über die Gesellschaft, als die sich schon für aufgeklärt hielt.

Es ist so einfach. Wer sich selbst nicht sofort als Beleidigung für den Durchschnitt begreift, sucht sich eine möglichst artfremde Eigenschaft wie Schmalztolle, Hautfarbe oder Migrationsstatus, erklärt sie zum quasi-heterogenen Gruppenmerkmal und bezeichnet sie als bedrohlich – so bedrohlich, dass man ihr unterstellen kann, die moralische Ordnung einer ganzen Zivilisation untergraben zu wollen. Im guten Fall entwickelt sich eine hübsche Raserei, die nach einzwei Anschlägen in dumpfes Brüten abkippt, aber keine Hysterie, die weite Teile der Bevölkerung energetisch überfordert. Nur die soziale Kontrolle soll verstärkt werden, und zwar mit einer pfeifenden Rückkoppelung auf negative Werte, damit alles wieder so wird, wie es nie war.

Die Zutaten sind bereitet für eine überwältigend niveaulose Inszenierung, die die Medien für den Mistgabelmob erledigen. Was objektiv auch beim schlechtesten Willen niemals bedrohlich ist und nichts sozial verschiebt, etwa langhaarige Burschen oder Erwerbslose, gerät in den Hallraum einer auf Moral montierten Maschine, die Lärm erzeugt, um ihn gewinnträchtig zu verkloppen. Alle sind sie dran, Verbrecher aus verlorener Ehre, Personen, die andere Drogen konsumieren als die Oberschicht, schließlich: der Fremde. Die Mechanik vergrößert, vergröbert und verzerrt, verkauft ihr eigenes Drama und schwiemelt aus vorhandenen Versatzstücken die Lüge zurecht, die zum konsistenten Weltbild gestapelt wird, gut verlastbar, ein Mitnahmeprodukt für den Einzelhandel. Was der Apparat auskotzt, bewirbt er mit der eigenen Schallentfaltung: zur Absatzsteigerung entwerfen Ressentimentsorgane dystopische Zustände aus der Fertigbackmischung. Sie prognostizieren den Weltuntergang, wenn nicht gar Steuererhöhungen oder die Eroberung der westlichen Welt durch böse Neger, wenn es in Bad Gnirbtzschen drei Einbrüche pro Jahr gibt. Die Stützen der Gesellschaft hängen sittlich gestärkt über dem elektrifizierten Gartenzaun, Waschweiber der eigenen Totenhemden, aber untenrum.

Was da knirscht, muss zwanghaft kultiviert sein, also entwerfen die Fachblätter für soziale Exklusion eine esoterisch anmutende Symbolik. Was früher bösartige Kutten waren und die spitzen Schuhe des Satans, ist uns heute die direkt im Höllenfeuer geschmiedete Burka, Abzeichen des Butzemanns höchstselbst, das in Europa so gut wie nie gesichtet wurde, nur an der weiblichen Begleitung saudischer Geschäftsfreude, die ihre Waffendeals gerne selbst durchziehen. Wie jede Allegorie lebt auch dieses hastig zusammengezimmerte Hassfigurenkabinett von der Verkürzung und gleichzeitiger Ignoranz ihr gegenüber. Nur zu gerne greift der stinkende Sumpf aus Politik und besorgten Bürgern die Zutaten für eine Schockstarre auf und schnitzt sich daraus eine repressive Grundhaltung, alles, jeden anprangernd, um nach Belieben eine Hexenjagd improvisieren zu können. Natürlich spielt die Schuldumkehr dabei eine herausragende Rolle. Wie auch sonst sollte der brave Bürger den Bimbos Brandsätze in die Bude schmeißen, wenn diese durch marktkonformes Verhungern in ihrer rohstoffreichen Heimat diese eklatante Störung des öffentlichen Friedens hätten verhindern können.

Die Getöseproduzenten suchen sich sorgfältig aus, worüber sie berichten, bestimmen Wortwahl, Inszenierung, Bilder, dramatische Strukturen und Themenmanagement. Damit machen sie sich zum Anwalt der öffentlich-rechten Sache; welches Schmierblatt fragt nicht in akkurat einstudiertem Affekt, ob das Volk neben Einwanderern leben will, weil denen ja bekanntlich alles zuzutrauen ist. Die schrille Abwärtsspirale aus Schuldzuschreibung und Tollwut beißt sich in den eigenen Arsch, dreht sich immer schneller und verliert irgendwann die selbst postulierte Mitte. Mit tödlicher Sicherheit kommt es unter klammheimlicher Freude zu den gewünschten Gewaltausbrüchen, aber daran ist das Opfer schuld. Besorgte Bürger speicheln sich selbst ein Feindbild zurecht, grenzen sich im Krampf von allem ab, was ihnen symbolisch nicht entspricht oder entsprechen sollte, und wissen: wir sind anders. Mit letzter Kraft hat sich der Bourgeois in die Ecke gemalt, er steht mit dem Rücken zur Wand. Endlich sicher!

Natürlich erkennt der objektive Beobachter die ans Lächerliche grenzende Disproportionalität, die zwischen Lederjacke oder Kopftuch und dem Fortbestand des Rechtsstaates herrscht. Aber wen interessieren schon Fakten, wenn jemand endlich mal den Mut zur Wahrheit hat. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen oder, weil anständige Leute diese Worte nicht in den Mund nehmen dürfen, lesen wollen. Wo wären wir achtbaren Leute nur ohne einen Täter-Opfer-Ausgleich.

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