Der Nase nach

9 05 2017

Es roch ein bisschen muffig, aber das fiel nicht so ins Gewicht. Ansonsten hatten die Handtücher kein eigenes Aroma, und da ich sie nicht sah, weckten sie in mir auch nicht den spontanen Reiz, sie aus der Pappschachtel zu zerren und anzufassen. „Die Konzentration ist also gering genug“, sagte Blasche befriedigt. „Sie nehmen etwas wahr, wissen aber gar nicht, worum es sich handelt. Das sind ja die besten Startbedingungen.“ Er hatte recht; jedenfalls dachte jeder so, der ein Kaufhaus besitzt.

„Unsere Beduftungsanlage funktioniert nach diesem Modell.“ Er faltete einen größeren Plan auseinander und legte das Blatt auf den Tisch des Konferenzzimmers. „Hier speisen wir Konzentrat in den Luftkreislauf ein, der sich hier in den Röhren, und zwar auf jeder Etage, und dann haben wir hier die Heizung, aber das sehen Sie selbst.“ Ich nickte befriedigt. „Ich nehme an, dass Sie die Duftmengen vorher genau bemessen haben?“ Sein arrogantes Lächeln bemühte sich um Überlegenheit. „Wir sind Wissenschaftler“, sagte er in herablassendem Ton, „wir machen keine Fehler.“

Die Kartuschen waren unmissverständlich in roten Lettern beschriftet. „Ursprünglich hatten wir eine Art Antidepressivum getestet“, informierte mich Blasche. „Eine Mixtur aus Hormonen und Salzwasser gegen Herzschmerzen, wobei wir die Mischung stark variieren ließen. Die Probanden haben sich auch erheitert gefühlt von reinem Salzwasser.“ Ich überlegte nur kurz. „Sie haben die Testpersonen vorher über Ihr Experiment aufgeklärt, daher hat es gewirkt.“ Er nickte, hörte aber sofort damit auf. „Dann wollen Sie jetzt die Kunden Ihrem Kaufhaus auch von Ihrer Manipulation in Kenntnis setzen?“ Empört drehte er sich um. „So weit kommt es noch“, keifte er, „dann können wir denen auch gleich erklären, dass wir sie…“

„Denn mach ick ma Textil, wa!“ Der Assistent mit dem buschigen Schnauzbart knipste das knapp fingerlange Röhrchen in das Magazin ein und legte den Hebel um. „Wolln ma sehen.“ Auf den Monitoren war zunächst nichts zu entdecken, aber die Belüftungsanlage rauschte ordnungsgemäß. „Wir hatten noch ein paar Reste im Kreislauf“, murmelte Blasche. „Vielleicht sind die Kunden mit denen eher zu…“ „Da!“ Der Assistent starrte gebannt auf den Bildschirm. Mehrere Kunden liefen wie ferngesteuert auf die Rolltreppe zu. „Sie werden vermutlich in die Damenabteilung fahren“, sagte Blasche befriedigt, „wo unser Textilduftstoff wirkt.“ „Nee“, antwortete der Assistent. „Die is ja Erdgeschoss.“ Die Kunden jedoch bahnten sich mit Ellenbogen und Gerangel den Weg nach oben. Der Assistent schaltete um. Dutzendweise liefen die Leute auf einen großen Tisch mit Frischhalteboxen zu. „Haushaltswaren?“ Blasche war sehr erstaunt. „Dabei sind die Dinger nicht mal im Angebot!“ Die ersten Hausfrauen hatten den Tisch erreicht, der trotz eines ausreichenden Warenbestandes für jäh einsetzende Kampfhandlungen sorgte. Eine ältere Dame drosch im erbitterten Streit um eine rote Zwei-Liter-Schale mit luftdichtem Deckel mittels eines Taschenschirms auf eine Kontrahentin ein, obgleich sich mehrere der besagten Boxen auf dem Tisch fanden. „Vermutlich haben wir die falsche Mixtur in den…“ „Nee, die is richtig“, verkündete der Assistent. „Könnense ma kucken.“ Die Röhrchen selbst waren nicht verwechselt worden – aber möglicherweise die Füllung? „Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen“, bekannte ich, „Sie als Wissenschaftler machen doch keine Fehler.“

„Legen Sie das mit den Schuhen ein“, forderte Blasche hektisch. „Wenn wir das Haus damit beduften, haben wir wenigstens die Obergeschosse wieder frei.“ Der Assistent ließ die nächste Patrone ins Lüftungssystem strömen. Mehrere Minuten lang geschah so gut wie nichts – die Gefechtshandlungen flauten langsam ab, eine Dame hatte einen Einkaufswagen aus der Lebensmittelabteilung entwendet und zog Berge von Frischhaltedosen zur Kasse – dann aber lief die ganze Kundenschar zu den Süßwaren. „Das kann nicht sein“, ächzte Blasche, „das kann gar nicht sein – wir haben doch die Substanz genau dosiert, sogar die Raumtemperatur ist darauf abgestimmt!“ „Vielleicht stimmt etwas mit Ihren Kunden nicht?“ Grimmig blickte er mich an. „An Ihren Mixturen kann es doch wohl nicht liegen, oder?“ „Den Reisebüro-Duft“, schrie er, „schieben Sie sofort den Reisebüroduft nach!“ „Würd ick nich machen“, gab der Assistent zurück, „wenn die sich nämlich vermischen, denn…“ Blasche stampfte mit dem Fuß auf. „Reisebüro“, brüllte er, „ich will Reisebüro! Reisebüro!“ Was blieb dem Assistenten anderes übrig.

Man sah auf dem Monitor, wie Blasche die Verkaufsfläche durch eine Tür im Erdgeschoss betrat. „Gleich wirkt’s“, erklärte der Assistent. „Nur noch eine…“ Doch da hörte man auch schon ein gewaltiges Rumpeln. Die Wände wackelten bis ins Dachgeschoss herauf. Von allen Seiten rannten sie auf Blasche zu. Er wollte sich noch hinter einem Kleiderständer mit reduzierten Baumwollhosen in leichten Trendtönen – Apricot, Schilf und Flieder – in Deckung bringen, doch es war zu spät. Auch wenn es zusammen keine hundert Personen waren, sie stürmten alle auf Blasche zu und begruben ihn unter sich. „Großartig“, bekannte ich, „wirklich ganz fantastisch. Sie wissen wirklich, wie man mit Kunden umgeht.“

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