Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXII): Leitkultur

12 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wahrscheinlich war es einer der Abende, an denen erst der Schnaps zu schnell leer war und dann doch noch eine Flasche auftauchte. Tapfer hatte sich die versammelte Nacktmullzucht alles in die Birne gebembelt, was von lästigen Angewohnheiten wie aufrechtem Gang, artikulierbarer Muttersprache oder Atmen als ISO-zertifiziertem Prozess direkt in die Freiheit von sämtlichen Gedanken führte. Hier wurde keiner überfordert, intellektuell schon gleich gar nicht. Ein Rest Pinselreiniger mag eine tragende Rolle bei der Begriffsbildung gespielt haben, das Gegenteil lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls hieß der Schrott dann Leitkultur und roch dementsprechend.

Es ist ein biologistischer Begriff wie Parasit und Schmarotzer, und er zeichnet seine Verwender wie der Rest aus der Schädelvollprothese aus als das, was sie eingestandenermaßen sind: brauner Dreck. Die Benutzung heißt Ehre für Treuepunktesammler, falls gerade die Preise für Hakenkreuztattoos im Gesicht wieder anziehen, denn es geht auch billig, wenn man sich zum Zielgruppenkuscheln mit den anderen Arschlöchern Abgrenzungsbegriffe wie Abendland herauslegt, gern in der Variante christlich-jüdisch – als wäre ansatzweise christlich, was diese zivilisatorische Ausschussware mit dem jüdischen Teil unter dem eingekoteten Mäntelchen der Geschichte getrieben hat. Der Ächzstaat müht sich ab, dass die Fangzähne seines Sprachgebrauchs ad usum Adolphini keine Sau bemerkt.

Sie verkaufen es als Wertekonsens, und doch ist es eine hastig zusammengeschwiemelte Wirrnis von Klischees, Händeschütteln und Bratkartoffeln, Jäger aus Kurpfalz und miserabler Allgemeinbildung. Die Knalldeppen, die von einer in langen Jahrhunderten zusammengewachsenen Kultur salbadern, haben im Dreißigjährigen Krieg den Schulbesuch für müßig erklärt und sich nur noch mit Landserheftchen wach gehalten. Da sie den üblichen Sott aus der gelben Ecke im Schnee, eine aus Ethnizität gespeiste nationale Identität, mit feucht-völkischem Getöse tatkräftig unterstützen, brauchen sie sich hernach über Brandsätze nicht zu wundern. Aber vielleicht ist das auch gut so, wenn selbst für Erstsemester der Geschichtswissenschaft nicht mehr als ein peinlich berührtes Grinsen herausspringt, während sich die Reichsideologen aus Glaubwürdigkeit gegenseitig an die Weichteile packen.

Wie diese Steilvorlage für die Rechten, die den Begriff mit jeder beliebigen Jauche anfüllen, zu immer neuen Raumkrümmungen führt, in denen Hautfarbe, Religionszugehörigkeit der Eltern oder Bildungsabschlüsse eine tragende Rolle spielen, das sucht seinesgleichen. Letztlich ist das alles nicht viel mehr als ein im Wahlkampf aufgepumptes Druckmittel angeblich verfassungstreuer Eliten gegenüber einer postulierten Unterschicht, für die Bier und Schweinsbraten als xenophobes Theater plötzlich nicht mehr ausreicht. Auch hier, geübt und gebimst durch die Generationen, war plötzlich der Stein schuld, bevor in einem letzten Schritt von freiheitlicher Rhetorik die Fensterscheibe selbst die Verantwortung trug für ihren Schaden als der Volks-Wirtschaft. Wer mehr wissen will, blättert durch die Buchführung des vergangenen Jahrhunderts, das keinen Sollwert schuldig blieb. Vernunft wird vor Religion gestellt – mit dem jüdisch-christlichen Erbe verbinden sich historisch ganz andere Haufen von Schutt und Scheiße, als man sie heute zu sehen bereit wäre.

Aber wen in der klinisch bekloppten Zielgruppe interessiert das noch. Die Fahnehochhalter fordern im Zeichen ihrer Identitätskrise Toleranz als Mittel, um Toleranz als Schwäche zu bezeichnen, einer der gröber gestrickten Kniffe der Moorleichenlehrlinge, und erfinden gemeinsam mit den Stützen ihrer eigenen Parallelgesellschaft den Assimilationsdruck als Peitsche gegen alles Andersartige. Ob auch der Japaner jetzt ironiefrei Lederhose tragen muss? Wird der Neger je in den Schwarzwald integriert? Man weiß es nicht, hofft aber kollektiv, dass die Parallelgesetzgebung nicht für Katholiban und andere grundrechtsfeindliche Terrororganisationen gilt. Denn fremdenfeindliche Gewaltherrschaft, das wissen wir aus absolut sicherer Quelle zeigt ja stets, dass die vermeintlich Integrierten untauglich für die Leitkultur sind. Ob damit freilich alle Hessen oder gleich die ganze Bundeswehr gemeint ist, das will niemand wissen.

Es kommt der Tag, da waren wir schon immer gegen alle Rothaarigen, die vor dem Fernseher nicht ausreichend brandenburgisch aussahen oder altkatholische Gürkchen aßen. Hymne, Fahne und andere Staatssymbole werden uns nicht darüber hinwegtäuschen können, was die Führer jener Tage zur Minderheitenfrage sagen: wer integriert ist, bestimmen wir. Wie gut, dass wir wenigstens die Vergangenheit bis dann hinter uns gelassen haben werden.

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