Haus Deutschland

16 05 2017

„Guten Tag.“ Herr Gottlieb und ich, wir hatten dem nichts entgegenzusetzen. Schon deshalb nicht, weil der Portier uns die Hand hinhielt wie ein Messer. „Hier sind wir richtig“, murmelte Gottlieb, „das muss das Hotel mit der Leitkultur sein.“

Man hatte uns bereits an der Rezeption eine schriftliche Fassung der Hausordnung überreicht, den Zimmerschlüssel sowie einen freundlichen Hinweis, dass das Mobiliar in den Räumen nur zu Wohn- und Gebrauchszwecken benutzt werden dürfe. „Ich bin ja vieles gewohnt“, wunderte ich mich, „aber das scheint mir eher ungewöhnlich.“ Gottlieb wollte gerade etwas entgegnen, da trat uns freundlich, aber bestimmt der Fahrstuhlführer in den Weg. „Wenn ich bitte Ihren Zimmerschlüssel sehen dürfte?“ Den vorhandenen würdigte er keines Blickes, mich jedoch sah er äußerst kritisch an. „Sie sind offenbar kein Gast“, sagte er. „Bitte nehmen Sie die Treppe – die Aufzüge sind ausschließlich für unsere Gäste reserviert.“ „Aber ich bin doch Gast“, meldete Gottlieb seinen Protest an. „Ich werde jetzt diesen Aufzug benutzen und…“ „Wenn mich Ihre unmaßgebliche Meinung interessiert“, keifte der Liftmitarbeiter, „lasse ich es Sie wissen!“ Ungleich höflicher wandte er sich wieder mir zu. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, wir würden Sie gerne als Gast in unserem Hause begrüßen dürfen, aber jetzt nehmen Sie bitte die Treppe.“

Der Aufstieg ins zehnte Stockwerk war rasch erledigt – mein Begleiter hatte zwischendurch in der Wäschekammer sein Unterhemd gewechselt – und schon waren wie im opulent eingerichteten Zimmer angekommen. Die Teppiche waren frisch gereinigt, die Badewanne roch nach Seife. „Das ist guter Standard“, befand Gottlieb. „Sie müssen wissen, als Hoteltester ist man immer ein bisschen voreingenommen, aber hier werde ich doch sehr auf die Probe gestellt.“

Es dauerte nicht lange, bis das Zimmermädchen wenige Sekunden nach dem Klopfen den Raum betrat. „Wir legen hier sehr viel Wert auf Ordnung“, wie sie mich unaufgefordert zurecht. „Sie sollten die Handtücher jeden Morgen, wenn Sie einen Wechsel wünschen, auf den Rand der Badewanne legen, und zwar richtig zusammengefaltet. Ich habe nicht auch noch Zeit, Ihnen hinterherzuräumen.“ „Aber…“ Auch sie drehte sich ansatzlos zu Gottlieb um. „Unterbrechen Sie mich ruhig“, zischte sie. „Wenn etwas wie Sie nicht an seinem Leben hängt, braucht man mir das nicht zu erklären.“ „Ich hätte gerne einen Tee“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Einfach schwarzen Tee, etwas Zitrone, und vielleicht zwei Stück Zucker.“ Ich hatte nicht mit den Feinheiten der Hausordnung gerechnet. „Hier wird der Müll getrennt“, knurrte die Maid. „Das Etikett vom Teebeutel kommt in die Papiertonne, und für den Rest werden Sie hoffentlich die Hausordnung eingehend zurate ziehen, klar!?“ Gut, dass sie ohne die Bestellung aufzunehmen wieder abrauschte. Wir mussten nicht nachfragen, ob der Tee heut noch abzuholen zu sei, und wann und wo. Oder ob man eine Eingabe an der Rezeption zum Ziehen der Nummer hätte machen müssen. Also vor dem Einchecken.

Gottlieb seufzte. „Normalerweise mache ich ja immer touristisch gut erschlossene Ziele“, klagte er. „Dieses Jahr war ich auf Malta – ging so, nicht sehr luxuriös, aber erstklassiges Personal – und dann zweimal im Fünf-Sterne-Bereich. Asien und Amerika.“ „Sie wurden strafversetzt?“ Er schüttelte den Kopf. „Im Gegenteil. Bevor sie mich zum Abteilungsleiter machen, bekomme ich noch mal die richtig schlimmen Fälle. Das ist nicht ganz ungewöhnlich.“ Die Hausordnung brachte mich auf eine interessante Idee. „Kommen Sie“, sagte ich unternehmungslustig. „Nehmen wir den Aufzug.“

Der Garten war wie zu erwarten leer; kein Gast hätte es gewagt, sich an die ungedeckten, vor Schmutz starrenden Tische zu setzen. „Kommen Sie!“ Ich zog Gottlieb am Arm hinter mir her und nötigte ihn auf einen Stuhl. Widerstrebend setzte er sich. „Es steht nirgends, dass hier geöffnet ist.“ „Es steht auch nirgends“, wandte ich ein, „dass dies ein gesperrter Bereich ist.“ Und so dauerte es keine Minute, bis der erste Kellner zu uns kam. „Draußen nur Kännchen“, schnarrte er. „Schön für Sie“, warf ich ungerührt zurück, „wir nehmen zwei große Biere.“ „Aber draußen nur Kännchen“, murrte er. Ich blickte ihn über den Rand der Brille prüfend an. „Dann eben den Geschäftsführer.“ Gottlieb biss sich verzweifelt auf die Unterlippe. „Wir haben hier keinen Geschäftsführer.“ Ich lächelte leise in mich hinein. „Sie werden sich noch daran erinnern, wenn ich Ihre Bude innerhalb der nächsten fünf Minuten schließe.“ „Er hat keine Zeit für Sie.“ Der Tester gestikulierte heftig hinter seinem Rücken, doch ich sah es wohl gerade nicht. „Holen Sie mir den Manager“, beschied ich. Der Kellner straffte sich und sprach mit leise bibbernder Arroganz: „Ich beende dieses Gespräch!“ Gottlieb tupfte sich den Schweiß von der Stirn. Ich erhob mich langsam. Unvermittelt packte ich den Domestiken am Kragen und zog ihn mit beiden Fäusten zu mir heran. „Sie beenden also Gespräche“, flüsterte ich, „und ich vernichte Biografien. Noch Fragen?“ Ruckartig ließ ich ihn los.

„Nicht schlecht“, sagte Gottlieb lächelnd. „Nicht ganz schlecht.“ Er warf dem Liftboy den Schlüssel vor die Füße. „Drei Wochen Malediven, das kann sich durchaus sehen lassen.“ Er setzte die Sonnenbrille auf. „Jetzt muss ich es nur noch der Redaktion schonend beibringen.“

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