Intelligente Technik

18 05 2017

„Sehen Sie hier ein Stäubchen?“ So sehr ich auch sah, sah ich nichts. Herr Breschke triumphierte. „Der Teppich ist nicht nur rein, sondern auch äääh… sauber.“ Das hätte man von einem neuen Staubsauger in der Tat nicht erwarten können. Er war wirklich ein großer Kenner der postmodernen Haushaltstechnik.

„Die Leistung ist wirklich enorm“, schwärmte Breschke. „Und dabei ist er ja wirklich sehr klein, man weiß gar nicht, wohin er den ganzen Staub pustet.“ Ein flüchtiger Blick auf die Bücherregale half diese Frage zu beantworten, aber darum ging es ja gerade nicht. Seine Tochter hatte wieder einmal ein Angebot durchreisender taiwanesischer Händler nicht ausschlagen können – am Preis hatte es, wie so oft, wirklich nicht gelegen – und dann einen der zeitgemäßen Bodensauger erstanden, die man nicht mehr am Teleskopstock durch die Etage stoßen musste, verbunden mit Kabelgewirr und lahmen Armen, ohrenbetäubendem Lärm und ständig vollen Papierbeuteln, die noch dazu für einen unverständlich hohen Preis kontinuierlich zu ersetzen waren. Der kreisrunde Sauger, so wie er in der Broschüre abgebildet war, hatte alle diese Mühe abgeschafft und geradezu paradiesische Zustände ausbrechen lassen. „Wobei“, merkte Horst Breschke an, „wobei man auch sagen muss…“

Einen Nachteil hatte der Sauger: er blieb seit Tagen verschwunden. „Ich habe ihn verloren“, beichtete er. „Und meine Frau weiß es noch gar nicht.“ Das erklärte einiges, unter anderem das aktuelle Staubaufkommen. „Man muss das Ding regelmäßig aufladen“, erklärte Herr Breschke, „und da ich ihn zum Lernen der Saugwege immer wieder in die Ladestation im Flur gesteckt habe, kann er nun so gut wie überall sein.“ Er grübelte angestrengt nach. „Nein“, schloss er, „nicht überall. Ich habe ihn ja nur im Erdgeschoss eingesetzt.“ „Das vereinfacht die Angelegenheit ungemein.“ Er blickte mich zufrieden an. „Ich wusste, es würde sich bezahlt machen.“

Bismarck lag dösend auf dem Fernsehsessel. Der wohl dümmste Dackel im weiten Umkreis, dessen einzige Leistung es war, seinem Herrn an der Leine zwischen den Beinen herumzulaufen, hatte den Verlust des Saugroboters schadlos überstanden, mehr noch: es machte ihm nichts aus. „Er mochte ihn nicht“, erläuterte Breschke. „Ich weiß auch nicht, woran es gelegen haben kann, vielleicht an diesem unangenehmen Surren, auf jeden Fall mochte er ihn überhaupt nicht.“ „Ein sehr gute Hinweis“, erklärte ich. Doch Breschke schüttelte den Kopf. „Machen Sie sich keine großen Hoffnungen“, seufzte er. „Ich habe ihn auch schon gefragt, er weiß es nicht.“

Im Garten also konnte er nicht sein, der Einsatz war stets bei geschlossenen Türen erfolgt. Ebenso war ein Verlust im oberen Stockwerk ausgeschlossen. „Das heißt, wir müssen im Erdgeschoss suchen.“ „So weit waren wir schon“, bemerkte ich. „Wäre es nicht denkbar, dass er in irgendeiner Ecke feststeckt und ohne ausreichende Ladung gegen eine Wand drückt, anstatt sich aus der Klemme herauszumanövrieren?“ Er schüttele den Kopf. „Ich kann mir das nicht vorstellen.“ Die aus dem Taiwanesischen in eine Art steinzeitliche Bilderschrift übersetzte Bedienungsanleitung, die leicht an Höhlenmalereien gemahnte, schwieg sich in vielen wichtigen Punkten aus, ließ aber keinen Zweifel daran, dass es sich um ein intelligentes Gerät handelte. „Wenn es intelligente Technik ist“, überlegte der pensionierte Finanzbeamte, „dann kann es doch nicht in irgendeiner Ecke hängen bleiben, oder?“ Für Notfälle dieser Art, jedenfalls lehrte uns das eine durchaus dramatische Folge hieroglyphenartiger Bilder, die ein Szenario von dräuendem Ungemach zeigte, gab es an der Ladestation einen Schalter, der den Sauger in einen Alarmzustand versetzte, in dem er ein beständiges Piepsen aussandte, und zwar so lange, bis man es an der mobilen Saugeinheit wieder abschaltete. „Der Nachteil ist“, stellte ich fest, „man muss dazu auch einen Schalter am Sauger betätigen.“ „Ja sicher“, nickte Breschke. „Man kippt diesen Schalter hier hinten am Sauger, und schon weiß man, wo er ist, und kann den Schalter wieder kippen. Die Hersteller werden sich schon etwas dabei gedacht haben.“ Mir fiel beim besten Willen nicht ein, was. Aber das lag bestimmt an meiner fehlenden Erfahrung mit Haushaltsgeräten der neuesten Generation.

„Ich habe eine Idee.“ Bismarck guckte mich mit einer Mischung aus Überraschung und völliger Ahnungslosigkeit an, als ich ihn unversehens vom Sessel herunterhob. „Such“, befahl ich ihm. Er blickte mich mit komplettem Unverständnis an. „Sehr gut“, konstatierte ich. „Wir gleichen einfach die Intelligenz dieses Saugers mit der Intelligenz des Hundes ab“, bedeutete ich Herrn Breschke. „Die Ergebnisse sind eindeutig.“ Verwundert, aber mit der gewohnten Widerstandslosigkeit ließ sich Bismarck in den Flur transportieren, wo er mit ratloser Miene um sich blickte. Erst in der Küche packte ihn sichtbares Unbehagen – kommentarlos lief er zum Ausgang und dackelte wieder auf den Sessel zu. „Na also“, stellte ich befriedigt fest, sah unter die Küchenanrichte und zog den Roboter von der Wand. „Aha.“ Langsam begriff Breschke. Er knipste den Schalter an der Rückseite der Saugscheibe an. Deutlich vernehmbar piepste es durch den Raum. „Ich glaube“, sinnierte er, „wir haben ihn gefunden.“ Er setzte das Gerät wieder auf den Küchenboden. „Wie gut, dass die moderne Technik es einem so leicht macht.“

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s