Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIII): Subjektive Intelligenz

19 05 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war einer dieser schwierigen Tage, an denen Uga nicht ganz mitkam. Die anderen hatten die junge Birke schon nach unten gebogen und die Kokosnuss justiert, er aber pfriemelte lustig an der Liane herum und ließ sich weder durch lauthals geäußerte Warnungen noch durch leises Knacken in der Knotenstruktur aus dem Konzept bringen. Die anderen sahen ihn binnen Sekundenbruchteilen durch die laue Frühlingsluft schwirren, dem Adler gleich, der sich sämtliche verfügbaren Knorpel an der westlichen Felswand zermarmelt. Man könnte es bedauern, aber eigentlich gibt es keinen Grund. Nichts ist so subjektiv wie die Intelligenz, ganz abgesehen von deren Wahrnehmung.

Mit der Dummheit ist es wie mit dem Tod: man selbst bekommt von der Sache nichts mehr mit. Für unbeteiligte Personen sieht das schon anders aus. Die Metakognition, jene Tätigkeit, bei der die eigene Intelligenz beurteilen soll, wie die eigene Intelligenz zu beurteilen sei, scheitert üblicherweise an der metakognitiven Erkenntnis, dass sie, die eigene Intelligenz, sich qua Transzendenz nie kognitiv wird erfassen können. Wie ein Mensch sein Gehirn nicht mit dem eigenen Gehirn und seine Sprache nicht in seiner Sprache wird beschreiben können, vermag er sich beim besten Willen nicht selbst auf den Scheitel blicken. Allein grottoid anmutende Versuche gehen mit einiger Verve als intellektuell gelungen durch, während sie in Wahrheit ihre Selbstgewissheit nur aus gründlich missverstandenen Einschätzungen und Gedanken zusammenschwiemeln. Jene von Dunning und Kruger ganz trefflich beschriebene kognitive Verzerrung zeigt, dass die Deppen nicht einfach dumm sind, sondern eben so dumm, dass sie zu dumm sind, um zu verstehen, dass sie Deppen sind.

Das Erkennen einer richtigen Lösung ist nicht schwierig: Stein trifft Scheibe, Faust macht blau – erst das Erkennen von Mängeln und ihrer möglichen Ursachen erfordert Rechenkapazität unter dem Pony. Wer weiß, dass er nicht weiß, ist immerhin schon einen gewaltigen Schritt weiter als der, der das nicht einmal erkennen würde, liefe es hupend über die Straße. Eben jene Metakognition ist der erste Schritt zur Besserung, stößt sie doch das Tor auf zur grundlegenden Erkenntnis, dass der Schaden innerhalb des eigenen Schädels lokalisiert ist.

Es liegt auf der Hand, ohne diese Erkenntnis geht es dem Blödkolben gut. Wer eben nicht weiß, wie dumm er ist, lebt entscheidend ruhiger, muss sich nicht mit seinen eigenen Defiziten plagen und schiebt deren Folgen nicht auf sich selbst. Von der eigenen Blödheit wie von einem Schleier sanft aus der Realität entfernt, die aus lauter Geisterfahrern besteht, so geborgen in der eigenen Inkompetenz braucht es nur einen Schritt bis zur Erkenntnis, dass an der Mangelhaftigkeit der Welt, insbesondere an den Folgen der eigenen Dämlichkeit, ausschließlich die anderen schuldig sein können. Der Stein trifft die Scheibe, also macht er sie kaputt. Das entlastet ungemein, denn wer derart Druck vom Kessel nimmt, schafft auch komplexe Prozesse – Atmen, aufrechter Gang, Grunzlaute, Mitgliedschaft in einer völkisch-nationalen Bewegung – mit dem zur Verfügung stehenden Weichteilrest schmerzfreier als unter normalen Bedingungen.

Der Schlaf der Vernunft gebiert manches Ungeziefer, Verstörungstheorien, die Überzeugung der eigenen Unverwundbarkeit oder schlicht die Annahme, unfehlbar zu sein. Ganze Spitzenämter werden aus diesem fadenziehenden Gemisch gehäkelt, manche lassen sich ohne einen soliden Hau an der Birne gar nicht erst führen. Die eigene Dummheit zu gefährden könnte also sogar einen enormen strategischen Nachteil bedeuten – kein Wunder, dass die meisten Bescheuerten mit dem Denken gar nicht erst anfangen wollen, denn wer holt sich freiwillig die Blaupause für schönes Scheitern ins eigene Hirn.

So bizarr alles auch klingen mag, die Lösung für das Auftreten dieser Diskrepanz ist ein Zeichen der kritischen Vernunft, wie sie letztlich nur von der Evolution ins Spiel gebracht werden kann. Mit sinkender Intelligenz steigt antiproportional die Blindheit des Bekloppten, der bereitwillig in die Vernichtung seiner arttypisch nicht notwendigen Basensequenzen einwilligt, um zu verhindern, dass jede Schädelvollprothese in den Genpool der Hominiden seicht. Bedauerlich genug, dass durch Zufall und Fremdverschulden ganz ordentliche Zweibeiner vor ihrer Zeit über die Wupper müssen. Da ist es ein Trost, dass wenigstens am unteren Rand die Natur noch eine Korrektur einflicht und nur die Hohlrüben entsorgt, die wirklich außer mit Schmackes abzuleben keinerlei sozialverträgliche Tat mehr hinkriegen könnten. Das Leben, es währt nicht ewig, und manchmal ist das für nicht direkt Beteiligte durchaus ein Trost, wenn die anderen das Ergebnis ansehen und sagen: dumm gelaufen.

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