Natürliche Intelligenz

29 05 2017

Es sah aus wie ein ganz normales Radio, nur eben mit viel mehr Knöpfen, Schaltern, Reglern und Anzeigen. „Hier beispielsweise stellen Sie das Niveau ein“, erklärte Doktor Wässerlein. Sie schob einen der Regler langsam hoch, worauf der Ton sich deutlich veränderte. „Ich verstehe“, sagte ich, „das ist der Schieber für die Lautstärke.“ „Nein.“ Sie zog den Regler wieder herunter. „Für das Niveau.“

Der Schaltplan war schon kompliziert genug. Immerhin meinte ich, das Gerät begriffen zu haben. „Sie regeln die Lautstärke herunter, wenn bestimmte Themen kommen?“ Der Eindruck, sie litte unter einem leichten Schmerz, zeigte mir recht deutlich, dass ich wenig kapiert hatte von dem Apparat. „Wir haben es hier mit einer grenzgenauen semantischen Filterfunktion zu tun“, präzisierte sie. „Dabei haben wir unterschiedliche Themen, das stimmt.“ Die bunten Knöpfe zeigten Außen- und Innenpolitik an, Terrorismus, das Sportinterview und vieles mehr. Wie auf einem Mischpult ließen sich diese Kanäle auf- und abschalten, so dass ein eingespeistes Signal bearbeitet werden konnte. „Zur Prüfung verfügen wir über ein umfangreiches Korpus von mehr als fünfhundert Stunden Radiomaterial, Kommentare, Moderationen, jede Menge Talkshows sowie Politikergerede.“ Sie schaltete den ersten Kanal ein; das vertraute Gefasel drang über den Kopfhörer in meine Ohren.

Doktor Wässerlein hatte einen Drehknopf ins Auge gefasst. Sie bewegte ihn langsam im Uhrzeigersinn. „Jetzt passen sie mal auf.“ Die Politikerinterviews in meiner Hörmuschel setzten wieder ein. „Wir sind wie auch unsere politischen Partner dem Votum des Wählers, dem wir an dieser Stelle nochmals… Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Entwicklung sich in den… In dieser Hinsicht muss sich etwas ändern, und wir werden alle dafür Sorge trage, dass sich etwas ändern wird, das habe ich auch der Bundeskanzlerin…“ Plötzlich brach der Ton weg. „Herausgeschnitten?“ Sie ignorierte meine Frage. „Gefiltert.“ Langsam drehte sie den Knopf bis zum Anschlag. Wunderbare Stille. „Das Gerät überlagert die Schallwellen mit ihrem Gegenteil. Dadurch werden sie gelöscht.“ Das klang logisch.

Auf dem Plan war das Phrasenumkehrmodul deutlich gekennzeichnet. „Wir haben hier noch jede Menge anderer Bauteile“, erläuterte Wässerlein. „Passen Sie auf.“ Eine Welle wirtschaftspolitischen Geschwafels spülte durch den Kopfhörer, die dann von Reden zur inneren Sicherheit abgelöst wurde und in ein längeres Statement zum Arbeitsmarkt mündete. „Achtung!“ Schon brach sich der Ton wieder, hier und da verschluckte sich ein Minister an der eigenen Zunge, das Gefasel bröckelte, am Ende herrschte wieder Schweigen. „Wir blenden kontextabhängig sämtliche fremdenfeindlichen Aussagen auf, die in solchen Zusammenhängen benutzt werden, wenn es gerade keine vernünftigen Argumente gibt.“ Jetzt erst fiel mir auf, dass der Arbeitsmarkt-Beitrag größtenteils auf zwei Behauptungen basierte: die vielen Ausländer, die nur zu uns kommen, um sich in der sozialen Hängematte auszuruhen, nehmen uns die Arbeit weg. „Sie nutzen dafür sicherlich künstliche Intelligenz?“ Doktor Wässerlein schüttelte abermals den Kopf. „Wir nutzen natürliche Intelligenz“, erläuterte sie mit mildem Lächeln. „Damit filtert man die künstliche Dummheit der Rede aus, schon vergessen?“

Die Anlage ließ manche Spielerei zu. Der Stuss- und Unfugfilter verwandelte das Gespräch mit einem Spieler unmittelbar nach dem Pokalendspiel in ein angenehm säuselndes Hintergrundrauschen, die Wiederholungseliminierung beendete eine Talksendung über Steuersenkungen nach weniger als einer halben Minute, da inhaltlich jetzt nichts Neues mehr kommen konnte. „Durchaus reizvoll“, bekannte ich. „Aber muss ich dann nicht immerzu an den Knöpfen drehen, während ich das Radio eingeschaltet habe?“ Sie regelte ein bisschen rauf und runter. „Das Gerät wird einfach vorher auf Ihr Profil programmiert, und dann lassen Sie es einfach laufen.“ Sie zeigte mir die Knöpfe, mit denen man schnell die wichtigsten Filter kombinieren konnte. „Nichts aus den USA, keine Lügen, keine Aussagen von geistig zurückgebliebenen Arschlöchern.“ Ich würde von jetzt ab wieder gefahrlos Nachrichten hören können.

„Meinen Sie denn, dass es einen Markt für diese Apparate gibt?“ Ich setzte den Kopfhörer ab und legte ihn auf den kleinen Beistelltisch. „Natürlich. Sonst würden wir sie gar nicht erst entwickelt haben.“ Doktor Wässerlein legte den Hauptschalter um, schob die Regler in die Ausgangsposition und klappte den Deckel über die Metallkiste, in der sich alles befand. „Aber das ist ja erst ein Prototyp, der noch verbessert werden muss. Vor allem werden wir das Gerät kleiner machen. Sehr klein.“ Sie zeigte mir das Bild von einem Knopf, den man ins Ohr hineinsteckte wie eine Hörhilfe. „Steuern können Sie das dann über eine App.“ „Und das wird dann tatsächlich gekauft?“ Doktor Wässerlein nickte. „Stellen Sie sich das mal vor: Wahlkampfreden von Politikern, Gehaltsverhandlungen mit dem Chef, und nichts als Ruhe!“

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