Ein Tässchen mehr

13 07 2017

Sie hatte etwas besorgt geklungen. „Er übertreibt ja gerne einmal“, sagte Frau Breschke, „aber diesmal mache ich mir ernsthaft Gedanken. Jedenfalls hat er sofort den Gartenschlauch ausgewechselt, und dann wollte er die Scharniere ölen.“ Und das am selben Tag – das erforderte sofortiges Einschreiten.

Der alte Herr empfing mich mit einer gewissen Fahrigkeit. „Ich müsste eigentlich nur dort oben die Schelle auswechseln“, erklärte er und wies auf die Dachkante. „Die Regenrinne ist an sich noch intakt und wird sicher keine Schwierigkeiten machen.“ Er wippte hektisch hin und her, maß mit dem Daumen die Distanz nach und stellte vermutlich eine grobe Berechnung an, wie lange er zum Erklimmen der Leiter brauchen würde. „Diese Klempner“, teilte mir Horst Breschke mit, „das ist ja gar nichts. Die nehmen Geld für jede Kleinigkeit.“

Immerhin hatte jemand sämtliche Fugen, die die Steinplatten der Auffahrt zur Garage voneinander trennten, auf einem quasi-chirurgischen Niveau gesäubert, vermittels eines spritzwasserbetriebenen Gerätes oder aber auf die herkömmliche Art, die ein Küchenmesser und sehr viel Zeit erfordert. Ein flüchtiger Blick auf die Kellertreppe, der auch das Corpus delicti offenbarte, zeigte deutlich, dass sich der Hausherr auch diese Zeit genommen hatte, ein Umstand, der nicht eben häufig vorgekommen war. „Das war an einem Vormittag fertig“, bekräftigte er, „kaum der Rede wert. Darf ich Sie auf eine Tasse Kaffee einladen?“ Da allerdings wurde ich doch misstrauisch.

„Kaffee verlängert das Leben“, verkündete Herr Breschke; den kopierten Zeitungsartikel – eine Wochenendbeilage des örtlichen Anzeigenblattes hatte er selbstverständlich griffbereit in der Küche liegen. „Es hat eine Langzeitstudie gegeben, die sich mit dem Verbrauch von Bohnenkaffee und den gesundheitlichen Folgen beschäftigt hat. Seitdem nehme ich gerne mal ein Tässchen mehr.“ Im Hintergrund schmurgelte die Brühmaschine, die den braunen Sud warm hielt oder es doch versuchte. „Und das trinken Sie nun?“ Er nickte. „An sich sind wir Teetrinker, ich und meine Frau.“ Genau das hatte ich in Erinnerung, vor allem angesichts seiner Versuche, für den Besuch einen ordentlichen Kaffee zuzubereiten. „Aber was tut man nicht alles für die Gesundheit!“

Der pensionierte Finanzbeamte nuckelte an der Tasse. „Natürlich sollte man auch nicht zu viel zu sich nehmen“, gab er zu bedenken, „aber mehr als drei Kannen pro Tag kriege ich sowieso nicht herunter.“ Das streng riechende Gebräu verfestigte meinen Eindruck: hier war kein Könner an Werk. „Meine Frau bleibt lieber beim Tee, und das ist ja auch gut so. Stellen Sie sich mal vor, wie viel Kaffee ich sonst kochen müsste!“ Er nippte wieder, Schluck um Schluck.

„Drei Tassen am Tag“, entzifferte ich aus dem kopierten Artikel. „Kann es sein, dass Sie den Beitrag gar nicht richtig gelesen haben?“ Breschke griff gerade hektisch zur Hundeleine, aber von Bismarck, dem außergewöhnlich eigensinnigen Dackel, war nicht viel zu sehen. Sicher lag das Tier auf dem Fernsehsessel und wartete, bis der Anfall des Zweibeiners sich erledigt hatte. „Ich müsste noch die Fensterscharniere ölen“, stöhnte er, „meine Frau wollte das so.“ „Ich verstehe.“ Wehleidig sah er mich an. „Früher habe ich sie immer eine Woche warten lassen, und dann bin ich in den Keller gegangen, um das Ölkännchen zu suchen, weil mir nie einfiel, dass es ganz hinten auf dem obersten Bord steht.“ Sein Blick hatte etwas zutiefst Waidwundes an sich. „Diese furchtbare Unruhe – ich kann doch jetzt nicht täglich den Teppich mit dem Klopfsauger bearbeiten, den Geschirrspüler ausräumen oder…“ „Bewahre“, fiel ich ihm ins Wort. „Wollen Sie Ihre glückliche Ehe aufs Spiel setzen? Das kann man doch nicht riskieren!“ Seufzend sank Breschke auf den Küchenstuhl. „Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwas muss doch jetzt geschehen.“ Ich nickte mitfühlend.

„Sehr viel besser.“ Frau Breschke roch an der Kanne, während ihr Mann im Garten gerade den Zaun richtete. „Nicht mehr so kräftig, und natürlich sehr viel weniger, aber das ist schon in Ordnung. Und der Kaffee ist auch erträglich.“ Ich trank einen kleinen Schluck; es schmeckte recht erträglich, wenn man sich vorstellte, eine Kanne davon zum Frühstück zu vertilgen. „Nachbar Gabelstein war stinkwütend, dass unser Rasen so gepflegt aussieht, und die neuen Schellen hat Klempner Kußmaul prompt angeschraubt. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll!“ Eben bückte sich Breschke, rupfte eine Butterblume aus dem Gras und legte den Pinsel beiseite. Schon hatte er ein anderes Kraut auf dem Rasen entdeckt und dabei den Zaun gänzlich aus dem Sinn verloren. Sie kicherte. „Gut, dass Sie noch diesen ohne Koffein hatten.“

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