Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXIX): Das Erlebnisgeschenk

14 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sicher mangelte es Ugas Weib entscheidend an der nötigen Kreativität. Nun feierte man seinerzeit eher selten tagesgenaue Geburtsdaten, doch konnte an Mondphasen und Sonnenstand einigermaßen gut nachvollzogen werden, wer wie alt war – nebenbei auch, wer noch wie lange bis zum Übergang in die ruhende Materie hatte, aber das ist eine andere Geschichte – und dies zog die entscheidende Frage für Sippe und Nachbarschaft nach sich: was gibt man jemandem, der angesichts epochaltypischer Güterknappheit eh schon alles hat? Die dritte Kette mit Eberzähnen? Noch einen Speer aus Hartholz mit bastumsponnenem Griff für die ergonomische Jagd? Pilze zum Lustigsein? Sie gaben sich redliche Mühe, allein es gelang ihnen nichts. Da hatte die Gattin den entscheidenden Gedanken: er allein sollte das Säbelzahnnashorn umnieten mit der alten Axt, am besten zum Wochenende hin, wenn eh alle in Grillfeststimmung waren. Die Sache sollte dann zwar schiefgehen – es gab Überlebende, allerdings nur in Gestalt des Säbelzahnnashorns – aber die Sache mit dem Erlebnisgeschenk war an sich gar nicht mal so schlecht.

Schließlich hatte man es dem stolpernden Typen mit der schartigen Machete angesehen, dass die Jagd ihm sichtlich Freude bereitet hatte, eine starke Erfahrung, die er mit der brutalen Wirklichkeit machen durfte, möglicherweise weniger schön als erwartet, auch nicht so romantisch-heroisch, wie es die alten Geschichten vor sich hin schwiemelten, blutiger, hier und da mit mehr Infektionen, Schmerz und splitterndem Gebälk verbunden, und sicher gab erst dies dem Manne das Gefühl, etwas empfunden zu haben. Wer sich Auge in Auge mit schnaubender Bestie sah, halb hilflos, halb heldenhaft, der erst kann wahrlich ermessen, wie der Eigenrausch der internen Botenstoffe die Synapsen ausknipst, herb und herzlich, dreckig und laut.

Vor allem dieses betreibt der maskuline Mensch – wer sonst sollte sich dieses Kindergekasper sonst wünschen – meist mit maschineller Unterstützung, bis der Gerichtsmediziner kommt, knatternd und selten niveauvoll, dabei doch erwartbar originell im Abgang, immer noch das Kinn voran, ob auf dem Bagger durch den Kies oder mit dem Kinn voran am Gleitschirm erst der Navigation folgend und dann dem Wuchs des Spannbetons. Die Nachfahren des Höhlenmenschen wollen partout von Sachen herunterhüpfen, über die Ebene brettern, Schneisen in die Flora kratzen oder einmal, einmal dem viel größeren Honk eine aufs Nasenbein zimmern. Wie sonst wäre der Gang der Zivilisation zu erklären, würde man ihnen Malen nach Zahlen, gewaltfreie Zivilistenküche oder achtsames Atmen beibringen. Die üblichen Kindheitsträume wie Lokfahren oder Mondlandung scheinen nicht mehr zu ziehen, das moderne Gegenstück, etwa die Fahrt auf den Wasserwerfer durch die Belegschaft der streikenden Fabrikarbeiter, bietet nicht den erwünschten Daseinsgenuss. Der Aspekt des Scheiterns ist nicht ausreichend repräsentiert, wiewohl er doch allem innewohnt, nur eben im Geschenk guckt ihm der Realitätsflüchtling nicht ins offene Maul. Zu gerne erlebt er den Tag als heizender Held, an dem man die Landschaft vorbeizieht – le sujet, c’est moi.

Dabei böte sich doch an, das Leben der jeweils anderen den Neugierigen als Abenteuer anzubieten. Wie schön, wüsche der geneigte Mann der Tat einen Tag lang Fäkalientags von innen, statt sich mit Steuerrecht zu beschäftigen, kletterte auf Windkraftanlagen oder stünde als Gemüseputzer tief im Bauch des torkelnden Passagierschiffs, ein Zwiebelspartakus, der noch höchst real davon träumte, nach der nächsten Schicht in den Sack zu hauen und sich die große Freiheit zu nehmen. Der wohlige Schauer der Erinnerung an den Adrenalinschub wird für den Rest des Lebens bleiben, ein entscheidender Einschnitt in der Vita der dekadenten Wohlstandsgören, denen es nicht mehr reicht, am Gummibändsel aus dem Helikopter zu baumeln, um sich die Pickel an der Skyline von Bad Salzuflen zu zerschmirgeln. Sie wollen mehr, und sie bekommen es, denn sie haben dafür gezahlt.

Eine neue Sklavenschicht hockt in den Gulags der Eventagenturen. Sie denken sich immer neue Höhepunkte aus, mit denen die Weichstapler ihre Existenzen zur Biografie umstricken können. Terroralarm in der Toskana, im Maserati durch Marokko, mit Doktor Kimble durch das wilde Kurdistan, Harry holt schon mal den Panzer und macht möglich, was bisher an der funktionierenden Impulskontrolle gescheitert war. Ist dies der Garant, dass nicht täglich Verstörte mit dem Sturmgewehr durch den Bundestag stolpern, dann haben die ereignisorientierten Stressoren dieser Gesellschaft schon einen großen Dienst erwiesen. Vielleicht klonen sie demnächst vorsintflutliches Getier, der spontanevolutionäre Schub wäre nicht zu verachten. Und wie träte man besser von der Bildfläche ab als mit dem Gesichtsausdruck der ultimativen Überraschung. So glücklich sind wir heute, aber das haben doch die wenigsten gehabt.

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