Staatsbürgerkunde

26 07 2017

„Wenigstens ein kleines bisschen könnte man doch aber die…“ „Nein!“ „Sie müssen doch die Kosten im Auge behalten.“ „Interessiert mich nicht.“ „Aber die Kosten haben immer Vorrang bei Ihnen? wann hat sich das denn bitte geändert?“ „Jedenfalls nicht mit Werbung. Ich werde das nicht zulassen.“

„Denken Sie doch auch mal an die Kinder!“ „Das war mein letztes Wort. Keine Werbung in den Schulen.“ „Sie sind wohl gegen Werbung, wie?“ „Sind Sie gegen Bier?“ „Nein, warum?“ „Ich auch nicht. Trotzdem hat es an deutschen Schulen nichts zu suchen.“ „Typisch, wieder so ein Spießer, der die innovativsten Ideen ausschlägt, nur weil er mit der Ethikkommission so ist.“ „Quatsch.“ „Uuh, wie qualifiziert!“ „Werbung ist schlicht mit den Aufgaben einer staatlichen Schule nicht zu vereinbaren.“ „Sie wollen den Religionsunterricht abschaffen? bitte, nur zu. Ist nicht meine Karriere.“ „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ „Es handelt sich in beiden Fällen um…“ „Manipulation, wollten Sie sagen?“ „Das haben Sie gesagt! das lasse ich mir von Ihnen nicht unterschieben!“ „Mit dem Unterschied, dass das eine den Kindern ein Weltbild vermitteln will, welches auch immer, und das andere lediglich Konsumanreize wecken soll.“ „Das macht doch der Religionsunterricht auch, oder zahlen Sie keine Kirchensteuer?“

„Jedenfalls nehmen Sie Ihre Gutscheine mal wieder mit, und dann machen wir weiter in Ruhe Unterricht.“ „Dafür erhalten Sie im Kaufi-Markt ein kostenloses Geodreieck, und für den hier sogar einen Wasserball. Das ist wichtig, in Deutschland können immer weniger Kinder schwimmen.“ „Ich mache bei Ihnen also einen Mindestumsatz von fünf Euro, und dann kriege ich so ein lumpiges Stück Plastik nachgeworfen.“ „Damit können Sie Winkel messen, Sie können rechte Winkel und…“ „Egal.“ „… linke auch, ich kenne mich da nicht so aus, aber auf jeden Fall ist das kostenlos und…“ „Wie gesagt, wir wollen es nicht.“ „Aber die Kinder holen sich ihre Schokoriegel sowieso beim Kaufi, da kann man doch mit der Kundenbindung gar nicht früh genug ansetzen.“ „Verstehe, Sie sehen Ihre Maßnahme als Gegenbewegung zur Servicewüste Deutschland.“ „Richtig, Sie haben es erfasst! Man muss das Konzept Staatsbürgerkunde nur etwas wirtschaftsfreundlicher gestalten, dann hat auch die Binnenkonjunktur etwas vom…“ „Vergessen Sie’s.“

„Das mit den Plakaten brauche ich Ihnen dann wohl gar nicht weiter zu erläutern?“ „Ich habe es mir durchgelesen.“ „Oh, doch?“ „Schwachsinn.“ „Was spricht denn dagegen? Gucken Sie mal: Mehr Spaß am Sport mit…“ „Es gibt noch sehr viel mehr Marken, wir brauchen dieses Sponsoring nicht an der Turnhallentür.“ „Und was ist mit der Sporthilfe?“ „Das ist gezielte Förderung der Spitzenkader.“ „Sie wollen die Kinder, die das Beste sind, was wir der Zukunft zu bieten haben, ohne die Segnungen einer…“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Gerade die einkommensschwachen Schichten müssen doch gefördert werden, das hat sich die Sozialministerin auf die Fahne geschrieben. Nicht erst diese übrigens.“ „Dass Nahles mehrere Fahnen hat, weiß ich selbst.“ „Nein, ich meine…“ „Wenn wir sinnvolle Produktunterstützung für die Kinder bereithalten, haben wir die Gewährleistung, dass wir Chancengerechtigkeit herstellen.“ „Aha. Sinnvolle Produktunterstützung für den Unterricht hätte es nicht getan?“ „Wie soll die aussehen?“ „Sie könnten in die Schulen beispielsweise Turngeräte hinstellen, die Lehrkräfte in Supervision schulen oder in Talentförderung.“ „Umverteilung, das ist alles, was Ihnen dazu einfällt?“ „Umverteilung?“ „Wenn sich die Kinder aus einkommensschwachen Schichten diese Turnschuhe leisten wollen, müssen sie sich halt ein bisschen dafür anstrengen.“ „Ich sehe, Sie nehmen das mit der Staatsbürgerkunde ernst.“ „Wir wollen eben das Beste aus den Kindern herausholen.“ „Richtig. Ihre Kohle.“

„Dann jedenfalls schon mal herzlichen Dank für das Gespräch, ich werde mir den…“ „Nicht so schnell, können Sie nicht Ihre Werbespots noch mal zeigen?“ „Ich dachte, Sie wären gegen Werbung in der Schule?“ „Bin ich auch. Das heißt aber nicht, dass man nicht Werbung für die Schule machen sollte.“ „Wie soll das funktionieren?“ „Sie können Ihre Reklame ein bisschen umschneiden, und dann werden die Filmchen halt für Fremdsprachen oder Erdkunde. Oder überhaupt mal dafür, sich in die Schule zu begeben.“ „Und mit welchem Nutzen? Denken Sie doch mal nach, die Kinder müssen doch einen konkreten Nutzen sehen, sonst spricht sie die Werbung gar nicht an.“ „Schulausbildung. Lernen. Weshalb man eben in die Schule geht und nicht auf der Straße hockt.“ „Und wie bekommen wir dafür Sponsoren?“ „Sie arbeiten nur sporadisch mit der Wirtschaft zusammen, stimmt’s?“ „Sollen wir die Schüler etwas nur als bewusste Verbraucher bilden?“ „Wäre ein Anfang.“ „Aber wie verkaufen wir dann Kekse und Klamotten?“ „Indem Sie die Kinder frühzeitig zu vernünftigen Staatsbürgern erziehen, die genug für die Binnenkonjunktur tun.“ „Super Idee! Und das kriegen wir vernünftig hin?“ „Selbstverständlich, unter einer Bedingung.“ „Ja?“ „Halten Sie die Banken raus.“

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