Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXII): Betroffenheit

11 08 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alarm! Weltuntergang! Wir müssen uns dem Thema mit der nötigen Sensibilität nähern, weil das macht etwas mit uns! Schön, dass wir mal über den ganzen Schmodder geredet haben. Einfühlsam und verletzlich packen wir die Handgranaten zurück in die Küchenschublade – warum eigentlich? – und finden das dufte, wie wir auf uns selbst eingehen. Das mit dem gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein und die Identifikationskiste, das ist auch irgendwie voll schön, wie wir uns so total einbringen können, und schon haben wir da ein Problem: wir sind betroffen. Nein, wir sind nicht betroffen. Aber wir wollen es sein. Wir sind jetzt betroffen, und wehe, wenn nicht!

Weil die verdammte Stallwärme längst aus der Sprühdose kommt, dieses Erfahrungsding in einer selbst verschuldeten Parallelexistenz der Knalltüten aus dem Hintergrund. Weil die Beknackten in alles, alles ihre verfluchten Nasen reinstecken müssen, was nicht schnell genug den Hammer rausholt. Im Allgäu wächst kein Mais? Friedensdemo! der Erstschlag muss her! Die bigotte Bizarrerie der Berufsaufgeregten duselt offiziöse Gefühle in die Gegend, und das aus gutem Grund. Mitnichten sind sie ansatzweise informiert über das, was sich in diesem Wirklichkeitsdingsi tut, also sprachröhren sie ihre verwirrte Gestrüppversion der Tatsachen in die ansonsten unbeteiligte Außenwelt, in der festen Überzeugung, jeder Halbaffe habe sein Leben lang auf ihre Absonderungen gewartet.

Der Flow, wissenschon. Irgendwann suppt alles in die untere Etage durch, auch Brackwasser sucht sich seinen Weg, und das weiße Rauschen kennt schon aus Prinzip kein Mitleid. Dass derart massive Kontingente an Hominiden ohne nennenswerte Anzeichen von Existenz auf diesem Planeten vor sich hinvegetieren, das hätte man auch nicht ahnen können. Allein die psychosozialen Folgekosten hat mal wieder keiner auf dem Schirm gehabt. Alle sind betroffen, kräht’s ideologisch durch Bodennebel und Sumpflandschaft, wer würde sonst mit uns reden? und wozu auch?

Wenn alle Hunde heulen, die nachweislich nicht getroffen wurden, ist die Angelegenheit kurz und geschmacklos geklärt. Die Kaugummivokabel aus den absaufenden Siebzigern ist das Motiv, sich zum Sprung in der Schüssel schnell einen eigenen Jargon zurechtzuschwiemeln. Das Medium ist die verkorkste Botschaft, eine gründlich vergammelte Hohlhupe nach der anderen engagiert sich in der Späteifel für den Vietkingkong oder muss mal ganz gewaltfrei ausdiskutieren, ob die Beziehung in der analytischen Sicht sich vom Gleichgewicht her in die Auseinandersetzungsebene integrieren lässt. Den Quadratquark kann man auch verlustfrei rück- oder seitwärts sprechen, er wird dadurch nicht weniger überflüssig.

Vom Mitgefühl des Mitbetroffenseins – der von den bösen Bullen wegen nur eines Scheckbetrugs verhaftete Kumpel hatte eine schwere Kindheit, man selbst kam aber auch aus Bad Gnibtzschen, da zwängte sich die Parallele quasi auf – kleckerte es ansatzlos in die Mitberührtheit des so gut wie schon engagierten Tuns, kurz: wenn es einen Grund gibt, hüpfen wir mit von der Brücke. Duzer dümpeln durchs Land, was weiland waren Wut und Trauer, ist jetzt ganz unten angekommen. Die degenerierte Spezies wuchert direkt in die Plage des aktuellen Jahrtausends, den besorgten Bürger – das eine ist er nicht, das andere noch viel weniger – in seinem bis dato unbestrittenen Revier, der unhinterfragten Beklopptheit. Auch er lässt viel Müll unter sich, man hat ihn nur nicht auf der Rechnung, da man keine Ambitionen hat, diesen sportlichen Ansatz um den intellektuellen Nulldurchgang nicht mehr als nötig zu gefährden. Auch sie reißen die Fresse bis zum Anschlag auf, wo nur Geruch herauskommt. Auch sie haben nichts zu sagen, da sie nicht, nie, nicht betroffen sein können – auf ihrer Straßenseite leben keine Dinosaurier, also quaken sie ihre ganze, verschissene Inkarnation lang über nichts anderes – und gehen ihrer Mitwelt in toto auf die Plomben, dass es seine Bewandtnis hat. Sie müssen sich als Randfiguren mit Geplärr ins Zentrum hebeln, sonst wäre ihnen das Nutzlose ihrer vegetativen Versuche längst aufgefallen. Je lärmer, desto wichtig.

Haben sie nicht alle irgendwann mit dem Filzer an der Klowand angefangen und sich dann darüber geärgert, dass sich niemand für ihr peinliches Selbstmitleid interessiert? Hat ihr geistiges Hobeln an der Grasnarbe je den Gedanken gestört, sie seien als Verbrauchsmaterial der bourgeoisen Schicht im vorauseilenden Gehorsam gut geschulte Deppen? Haben diese Empfindlichkeitsmasochisten je den Eindruck erweckt, die eigene Lage auch nur im Ansatz zu kapieren?

Ein kleiner Traum bleibt: Adorno nimmt die Handgranaten aus der Schreibtischschublade und schlenzt eine nach der anderen auf die Bühne. Bis sie davon alle voll total betroffen sind. Irgendwie.

Advertisements