Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXIV): Mittelaltermärkte

1 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Kunigunde schmollte. Da war sie nun mal vom Kurhessischen Kurtisanenverband als anerkannte Kemenatenputze in die Fläche geschickte Fachkraft für Eventgedöns, und dann sagte ihr der Büttel im Amt für Mühsal und Plage, dass ihre Dienstleistung für die nächsten Jahre nicht gebraucht würde. Oder vielleicht Jahrhunderte, keiner weiß das so genau. Sie fand sich nach wirrem Traum erweckt zwischen Dosenbier und Bockwurst, im Hintergrund dödelte ein Elektrozeugs nach alter Minneweise, und sonst hatten alle die Medikamentenausgabe verpennt. Es war in einer Kleinstadt im Spätfrühling, und es war Mittelaltermarkt.

Egal, soll sich die Industrie doch irgendwas aus den Synapsen quetschen, um Separatorenfleisch und billige Alkoholika unter die Masse zu jubeln, es wird nur nicht weniger langweilig, wenn man es im Gewand des historischen Reenactments in wehrlos zuckende Innenstädte quarkt, die ansonsten jedem Konsum willig die Beutel weiten. Auch Menschen haben ihren Stolz, wenigstens meinen verschüttete Sprichwörter derlei. Wie alle pseudotraditionellen Verkaufsaufmärsche schwiemelt das Gaukel- und Schaukelgerülps nicht mehr in den Waschbeton als drittklassige Stilbruchrechnung, die unterm Strich wenigstens die geplättete Meute anlockt und auf die großen Kalorien- und Stromverbrauchsfestspiele trainiert, vulgo: den Jahrmarkt zu Plundersweilern.

Was sich mit Wikingerpelz, fein venezianischem Zwirn oder Gugel in der City tummelt, ist dumpf riechender Abklatsch der TV-Umnachtung, die mit nachhaltigem Klebeeffekt das Bild der Scifi-Wilden zur Game-of-Klons-Ausscheidung gerinnen lässt. Einträchtig saufen Erik der Schädelspalter und Ratsherr Dummbold von Spackbacke ihre Limo am Ich-muss-noch-die-Kutsche-ausparken-Stand, denn lächerlicher geht’s einfach nicht. Schaube und Schamkapsel, Knebelbart und Kyriss aus rostfreiem PVC ballert sich das intellektuell gut belüftete Volk in die Birne, weil ihnen das Versandhaus für jeglich derley Schamott nur im Kleingedruckten verriet, dass es sich um Zubehör aus dem 15. Jahrhundert handelt. Weiter geht’s dann beim elenden Sprachgepansch, linguistischen Blödkolben mit Mustererkennungsschwäche, die vor zugegeben ottonischer Kulisse spätlutherisches Kanzleisprech vom Stapel lassen. Sey ein holdes Frauenzimmer in der Harrenden Schlange, so löhne sie zween Taler, dass sie der Gaukeley Freude rasch werde gewahr. In zünftigem Schwung den Schwatzbold mit der schlichten Axt seiner Beißer zu entledigen möge des Schergen Werk sein, sagt darob der Schwulst. Der Rest ist Lautverschiebung. Oder Kieferbruch.

Vor diesem Setting ergießt sich das Hauptwerk, der Zuber der Quellkörper, wie er dreist dem gemeinen Volke sagt: damals haben sie alle noch, Männlein und Weiblein, in einem Pool gelegen. Die dem rein körperlichen Gewerbe zuzuordnenden Abbildungen der Zeit übersieht man leicht, und noch heute verklärt sich die Epoche als ständiger Vollsiff im Vollsuff, sinnbildlich sichtbar im Zuber, der als Fettabscheider der bürgerlichen Gesellschaft physische Verhältnisse stolpern lässt. Schmiede und Bäcker, beide feuerbewehrte Gewerke, schwingen ihr Gerät in der kaufmännischen Sphäre, wo auch Töpfer ihr unehrliches Gewerbe treiben. Städtisches Gemäuer schwurbelt optisch, sozial und rechtlich in einer Erzählung herum, die von Maiden in Haube und Drachenschmalz zu tun hat, edlen Rittern mit Langschwert, Turnier auf den Tod und Bänkelsang, letzterer eine Erfindung des Spätbarock.

Es fehlen an dem Murks die Zahnlosen und deutlich Unterernährten, die verlausten Kinder und der Abdecker, der die Pestkranken in die Grube fährt. Es fehlen die warmen Jahre, in denen das Volk in kollektiver Hysterie religiösen Dummfug für bare Münze nahm und die überschüssige Kraft auf nationalbesoffene Plumpschlümpfe projizierte, deren einzig zukunftsgewandte Perspektive darin bestand, dass sie die Beklopptheit ihres Gefolges zur Errichtung eines Verwaltungsmolochs nutzten, der in seinen Ausläufern bis heute in der westlich dominierten Welt seine Zähne zeigt. Die anderen, die in Erwartung von Buchdruck und Reformation ihr kärgliches Vollkornbrot fristeten, wurden sicher im deutschen Sprachraum – wo man sich Bibelbla abgewöhnt hat – auf dumpfes Mittelmaß sozialisiert und gut abgerichtet, aber wer kann das schon sagen. Die Verklärung hatte ihre Lücken, und das muss die Geschichte tragen. Wie sonst würde das Zeitalter, das sich einer regelmäßigen Besichtigung stellt, mit den Realitätsallergikern genügend Gewinn machen. Vermutlich hat das Abendland aus aufkeimender Panik bereits eine betriebliche Altersvorsorge als allgemein verbildlichen Konsens ins Auge gefasst, schon aus einer Vorstellung von Solidarität, die dem kapitalistischen Scheißdreck der Neuzeit gründlich widersprach. Die neuen Rebellen wissen immerhin, wie sich wehren können. Sie sind sprachlich anders und stehen dazu, außerdem tragen sie Waffen. Tandaradei.

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