Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXV): Helikoptereltern

8 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt hatte alles im Griff. Zwei Nachkommen waren im Vollkontakt mit der Säbelzahnziege zu Biomasse geworden, zwei weitere hatten sich mit gängigen Vorgartenpflanzen ins Nirwana gekaut. Die Gattin ließ die Brut kaum an den Steilhang jenseits der großen Schuttfläche, denn dort lauerten die wirklichen Gefahren: Sonnenbrand, Käferbiss und Brennnesseln ohne dreisprachige Warnschilder. Noch hielt die Reproduktion keine besonderen Erfordernisse bereit. Weiter so, das war die Devise. Aber schon bald sollte sich das Blatt wenden. Die Zivilisation ließ nicht mit sich spaßen. Dunkel rattert es am Horizont entlang: die Helikoptereltern.

Bereits der durchschnittliche Kinderspielplatz bringt Pädagogen an die Grenze der Hirnembolie. Im Windschatten modisch vermummter Latte-macchiato-Väter und teilbartfreier Hipstermütter bohrt die nächste Runde im Generationenvertrag Dellen in den Sand, hektisch beobachtet von auf primäre Pädagogik gedrillten Hysteriefachkräften, denen kein armageddonöses Szenario zu blöd wäre für eine prätraumatische Belastungssimulation. Alle sind sie überdurchschnittlich höchstbegabt, ohne Ausnahme für Frühkantonesisch und Fagott, den Bundesliga-Kurs und ein Diktatorentraining beim Dieselkonzern geeignet. Kinder, rülpst das üble Gewissen, an die Macht. Weil die meisten der als Eltern firmierenden Schädelvollprothesen sich nicht imstande sehen, das Ergebnis ihrer genetischen Laienexperimente zu akzeptieren, leidet eine ganze Generation unter ihren verquasten Vorstellungen von Perfektion, die dann doch wieder nicht reicht.

Die allzeit bereiten Verziehungsgerechtigten sind nach eigener Aussage in der Pflicht, das Balg möglichst schnell zu makellos funktionierendem Gesellschaftsmaterial reifen zu lassen: ohne jede Auseinandersetzung mit Umwelt oder Staunässe, Wind und Mückenstichen. In der Grundschule wirkt es ja noch putzig, wenn der Abkömmling mit dem SUV ins Institut gekarrt wird, weil auf den Straßen zu viel gefährlicher Autoverkehr herrscht, doch spätestens im Hauptseminar II über Riemanns wirre Vermutungen sind alle väterlichen Versuche als überwältigend niveaulos zu betrachten – sollte sich der Jungmann irgendwann einem signifikanten Anderen nähern, hier wohl Objekt klein a kursiv, sind Mangel und Begehren aus der Illusion des Bekloppten schnell zusammengeschwiemelt und erklärt. Der Fötus hat nach Maßgabe der Alten stets die embryonale Stellung einzunehmen, aus der die Ernährungsberechtigung erwächst, ohne Rücksicht auf Verluste. Was kann eine Konserve, was diese Blödkolben nicht könnten?

Man kann seinen Kindern jedenfalls nicht klarer kommunizieren, dass man sie für grundsätzlich voll verkackt per Design hält, unfähige Würstchen im Strafrock, die schon als Ausschuss auf die Welt gekommen waren, um sich hernach noch einmal stattlich zu blamieren. Das Grundbedürfnis nach Kompensation ist bei den Erzeugern offenbar derart dominant, dass man den Ablösungskonflikt sogar ohne Drogeneinsatz an die Wand möllert – an der Reife von Reis und Blüte erkennt der Bescheuerte dumpf den Fortschritt des eigenen Welkens, der unweigerlich in nicht mehr behandlungsbedürftige Formen des Schweigens mündet. Alles hat ein Ende, nur will das keiner hören. Das Blag als die letzte Aufgabe fürs gelungene Projektmanagement voller kritischer Fluchtpunkte ist auch nur eine eigene Form der Hilflosigkeit, die ausnahmsweise keinen eigenen Namen mit sich herumschleppt. Die wird flockig an die neurotische Kreatur vererbt wie eine Laktoseintoleranz, wie Leistungsdruck im Gewand einer gnadenlosen Auslese, der die Alten nicht ansatzweise mithalten könnten. Lediglich ihre missratenen Methoden prägen das Erlebnis von Entkräftung und Selbsthass, der sich entweder in billiger Stereotypie durch die Vita kotzt oder im einfachen Fall ein sauber zersägtes Ich hinterlässt. Beides kann auch amüsant sein, wenngleich nur in Ausnahmefällen.

Man kann diese Eltern nicht aus Versehen als personifiziertes Heftpflaster am Hosenboden der Nachkommenschaft sehen, sie schädigen noch über die eine Fruchtfolge hinaus jegliche Autonomie, die sie dem Flaschenwuchs opfern, die sterile Kopie der Knalltüten mit der Anlage nämlicher Blödheit. Glücklich ist, wer aus diesem Kindergarten mit roher Gewalt ausbricht, knöchelhoch verbrannte Erde hinterlassend, wo üblicherweise die Kombination aus Nägelkauen und Bettnässen ausreichen würde, um die Problemkinder zu identifizieren. Mit etwas Glück verebbt das im Burnout, weil es die Eltern der Sandkastenfreunde mit Securitate-Methoden durchfilzen und danach der Steuerfahndung zuführen muss. Mit etwas mehr Glück geht das über die Wupper, wenn sich die Söhne und Töchter ihre etatmäßigen Kopfläuse an der Theke abholen und das eigene Immunsystem die finale Grätsche macht. Die Natur würfelt nicht. Sie hackt ungehindert Kerben in die vorhandene Materie. Weil sie es kann.

Advertisements