Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVI): Die Hochzeit als Hochleistungsevent

15 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Grunde war die ganze Sache früher recht einfach. Hans und Grete Mustermann schmissen ihre Klamotten zusammen, kauften sich zusätzlich ein halbes Dutzend Pressspanregale mit aramäisch-hieroglypher Aufbauanleitung, Sechskantschlüssel und Verbandskasten, zogen in eine Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Butze am Stadtrand oder im angesagten Szeneviertel, machten das mit der Reproduktion, warteten auf das Nachlassen des Bindegewebes und sahen den Nachkommen zu, wie sie den ganzen Schmodder nachturnten. Nur die Liebe zählte. Bis sich die Brut bildungsbürgerliches Gezicke lieferte mit- und unter- und gegeneinander, indem sie sich erinnerten, dass vergangene Jahrhunderte und zu Recht ausgestorbene Kreaturen sich die Mütter aller Materialschlachten lieferten, wenn ihre Blagen in den heiligen Bund der Ehe traten. So auch heute, wo die Hochzeit zum Hochleistungsevent wird.

Was hier und dort noch als verschämter Tausch von Blick und Ringen nebst Weingeruch in einer winzigen Dorfkirche durchgeht, im kleinsten Kreis und damit quasi sozial stigmatisiert, wäre in einer durchschnittlichen Beziehung zweier in Arbeit und Kegelverein integrierten Steuerleister nebst obligat auftretender Kollateralbekinderung kaum noch zu bewerkstelligen. Natürlich kann man die Kollegen – alle, auch Miss Mundgeruch aus dem Vertrieb und die dicke Tante aus Bad Gnirbtzschen – nach der standesamtlichen Trauung zu körperwarmem Prosecco und abgezähltem Käsegebäck einladen, aber sich als Kannibale zu outen wäre im Vergleich dazu einfacher. Man macht das in einer total süßen Holzkirche in der Eifel, in der Mongolei oder auf Sardinien, die Braut in einen Schlauch aus original florentinischer Krötenseide eingenäht, verziert mit drölfzig Schrilliarden Pailletten, mundgeklöppelt aus zentraltaiwanesischen Goldfischschuppen. Der Bräutigam, so er denn nötig ist, trägt Maßfrack, aber nicht ironisch, und bietet zehn Sorten Bourbon an, um die Nervosität der wichtigsten Gäste nicht schon vor dem Vollzug überkochen zu lassen.

Abgefeimter Pausenclowns, denen der Job als Investmentbanker noch zu viel mit Moral zu tun hatte, schleichen durchs Land, veranstalten Messen für Beutelschnitt und Hirnfasching, und bringen die ohnehin von Hormonrausch und Gruppenzwang in die Ecke gedrängten Hochzeiter endgültig zum Wahnsinn. Mindestens unter Wasser, wenn nicht als Mottohochzeit „Robin Hood meets Star Wars“ mit einer Motorrollerfahrt durch die Lüneburger Heide im Tiefschnee muss der allerschönste Tag abgehen. Hundert Brieftauben mit kostenloser Vogelgrippe, Feuerwerk, ein Zentner Altmetall qua Schlössern an jeder in den Landkreis geklotzten Brücke, während die Gäste vor dem Elf-Gänge-Menü aus Tütensushi und einem Horizontalmeter Tiefkühltorte noch eine Nackenmassage durchmachen. Aus derlei Gesülz schwiemelt sich das Paar den begehbaren Albtraum in die Biografie, den Tag, der absolut unvergesslich sein wird. Mit einem Verkehrsunfall hätte das auch geklappt, und da gucken wenigstens mehr Leute zu.

Denn mit nichts mehr, nicht mehr mit dem mobilen Champagnerstand, Schunkeldisko to go oder einer Schlägerei vor dem Traualtar, aber als Musical, kann man noch Eindruck schinden. Die Schraube der inflationären Entwicklung ist längst durchgedreht, nach fest kommt lose, nach müde doof, und mit keiner Veilcheneiswürfelbrause kann man den Durchschnittsgast noch davon überzeugen, dass er die zwölf Stunden nicht besser mit der Fernbedienung solo im Bett verbracht hätte. Trotz Jahrgangswurfreis und veganen Luftballons. Es war alles schon einmal da, und das nicht ohne Grund. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, in der Erwachsene sich mit ihrem Mandalamalbuch vor der Globalisierung abschotten und eine Eheschließung in Achterbahn mit anschließendem Minigolfturnier für angetrunkene Monosynapsen für geistig gesegnet halten. Im Indien des 16. Jahrhunderts wäre keiner auf derlei Quark verfallen.

Demnächst werden sie ihr preziöses Gepopel mit Kutschenrennen im Zirkuszelt, Gleitschirmflug vom Ulmer Münster, Donutwettfressen vor einem brennenden Kinderheim, von Christo verpackten Gästeklos oder Nacktbaden im Klärwerk fortsetzen, immer auf der Suche nach der beknacktesten Idee des Jahrhundert, die ein störungsfrei arbeitendes Gehirn angewidert verdrängt. Romantizismus pur trieft aus der Hochglanztristesse, die doch nur inszeniert wird, um als Fotostrecke, besser noch als zusammengehauenes Video Neider und Nachwelt von der Leistungsschau der Geltungsneurotiker zu überzeugen, dass die Sippen vor lauter Geld nicht mehr laufen konnten und ihnen kein ordentliches Abschreibungsmodell eingefallen war. Noch die individuell gefertigten Schokoladenkekse an der Kaffeetafel mussten mit Blattgold auf Blinkmodus schalten, damit sich der letzte Proll wie zu Hause fühlte. So feiert sich nur die echte, wahre Liebe. Warum auch immer man für zweidrei Jahre Tisch und Bett dieses Gehampel veranstalten muss. Für eine anständige Scheidung ist dann nämlich kein Geld mehr da. Sagt einem ja auch keiner.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s