Berichterstattung

20 09 2017

Es war laut, aber schließlich standen wir auch im Eingang zum News Room. „Zweiköpfige Ziege“, schrie der Redakteur, „direkt aus Ankara!“ Eifrig rannte ein Praktikant durch die Schreibtische. „Die Außerirdischen sind in Bad Salzuflen gelandet“, keuchte er. Siebels grinste. „Ich habe Ihnen wohl nicht zu viel versprochen.“

Die Chefredakteurin ließ sich in den Chefsessel fallen. „Wir haben das beste Angebot“, erklärte sie. „Und irgendeiner muss es doch machen.“ „Und wenn Sie es einfach nicht machen würden?“ Sie blickte uns an wie ein waidwundes Wild, seufzte – es sollte so peinlich und aufgesetzt klingen, dass man es für niedlich halten musste, war dann aber nur aufgesetzt und peinlich – und richtete sich ein wenig unbeholfen auf. „Der Leser hat es sich in seiner eigenen Welt gemütlich gemacht, und das werden wir nicht mehr ändern. Wir können es dann nur noch beobachten – höchstens.“ „Indem Sie den Kassen beim Klingeln zuhören.“ Sie verzog den Mund. „Wie gesagt, einer muss es machen.“

Währenddessen hatte das Telefon beständig geklingelt. Sie nahm ein Gespräch an. Offenbar ging es um chinesische Raketeneinschläge, vielleicht waren es aber auch Raketeneinschläge in China – Genaueres würde man erst wissen, wenn sich herausgestellt haben würde, welche der beiden Schlagzeilen sich besser verkaufen würde. „Aber wir machen das nicht für uns“, verteidigte sie sich. „Wir arbeiten mit sehr vielen anderen Häusern zusammen, darum schreiben wir auch nur die Meldungen, statt eine eigene Zeitung herauszubringen.“ „Und es bewahrt einen vor einer Flut von Klagen“, gab Siebels ungerührt zurück. Er spuckte sein Streichholz nicht unelegant in den Papierkorb der Redaktionsleiterin. „Alles andere wäre sicher auch eine gewaltige Bremse für Ihre Kreativität.“

Auf dem großen Konferenztisch wurden derweil Meldungen sortiert. Offenbar stand die russische Invasion auf zahlreichen Saturnmonden unmittelbar bevor, aber das konnte man erst nach dem ersten von Steuergeldern finanzierten Kamelrennen im Kölner Dom mit Sicherheit sagen. Eine Meldung des Wetterdienstes verkündete, der vergangene Sommer sei einer der wärmsten und trockensten aller Zeiten gewesen. „Manchmal“, grinste Siebels, „manchmal wissen sie einfach nicht, bis wohin sie zu weit gehen dürfen.“ Auf einer Seite Text verlor der FC Barcelona gegen die C-Jugend von Rapid Konolfingen. Wahrscheinlich störte es keinen, denn die Redakteure hielten ihre Börsenspekulationen für echt.

„Wir brauchen einen guten Aufmacher für die führenden Kunden“, entschied die Chefin. „Wir könnten etwas über ein Atomkraftwerk bringen, oder fällt Ihnen zum Thema Terrorismus nicht auch etwas ein?“ „Warum nicht beides?“ Das pfiffige Nachwuchstalent erntete sofort Anerkennung. Man hätte die Konsumenten nicht besser verunsichern können als mit dieser Verbindung von Angst, grobem Unverständnis und Zweifel an den eigenen Überzeugungen.

„Im Grunde ist schon viel damit gesagt, dass sie es nicht selbst veröffentlichen.“ Siebels hatte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne gesteckt. „Das Medium ist die Botschaft. Bei Bedarf könnten sie sicher schon einmal richtige Meldungen mit ins Sortiment nehmen und darauf hoffen, dass keiner sie für bare Münze nimmt.“ Am großen Tisch hatten die Russen die Invasion auf den Jupiter ausgedehnt. Chinesische Schleuser beförderten koreanische Afrikaner übers Mittelmeer in die Antarktis. Die Butter wurde teurer, nachdem eine ausländischen Organisation enthüllt hatte, dass sie größtenteils aus Erdöl besteht. „Aber wer soll das glauben?“ „Die meisten glauben es gar nicht“, sagte Siebels. „Sie können nur das Gegenteil nicht ausmachen und halten es daher für noch viel unwahrscheinlicher.“

Die Chefredakteurin hatte endlich den Entwurf des Titels einer großen deutschen Tageszeitung ergattert. Nach übereinstimmenden Polizeiberichten waren drei Dutzend Jugendliche in eine Bank eingebrochen, hatten den Kassierer erheblich verletzt, den Tresor mit einem Sprengsatz geöffnet und darauf die Innenstadt von Göttingen verwüstet. „Der Bankeinbruch war in Celle“, merkte ich an. Siebels nickte. „Ihnen fällt das natürlich auf, aber sind Sie denn ein Maßstab für diese Art von Berichterstattung?“ Ich las weiter. In den frühen Morgenstunden war es zu einem Schusswechsel gekommen – „Dem Geräusch nach muss man von einer Panzerhaubitze ausgehen, mindestens aber von einem kompletten Grenadierbataillon!“ – und die Bundespolizei, die auch sonst alle Straftaten landfremder Schwerverbrecher unter den Teppich zu kehren hilft, hatte in einer hastigen Aktion alle Spuren des stundenlangen Kugelhagels unkenntlich gemacht. „Wenn man Anwohnern glaubt“, grinste er, „dann haben die sogar auf sämtlichen neuen Verkehrsschildern die Rostspuren aufgebracht, die schon vor dem Attentat da waren.“ „Es klingt zu realistisch“, grübelte ich. „Müssen wir jetzt wegen solcher Botschaften schon dem ganzen Medium glauben?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Schauen Sie noch mal hin. Noch mal. Noch.“ Mit fiel nichts auf, erst als Siebels den Finger darauf legte, stellte ich fest, der nächtliche Angriff würde erst in der kommenden Woche stattfinden. „Die Botschaft“, erläuterte Siebels, „ist größtenteils der Leser.“


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