Wiederaufbau West

31 10 2017

„Nicht der Sturm, das ist doch in ein paar Tagen vorbei, dann zieht die Feuerwehr ab, man kann sich jahrelang mit den Versicherungen herumschlagen, weil die plötzlich merken, dass sie Kunden haben, aber da geht’s doch wenigstens mal voran! Also beim Sturm. Aber in der SPD?

Ja, hier ist auch alles kaputt. Die meisten hatten sich den Klimawandel ganz anders vorgestellt – den gesellschaftlichen, aber das ist dasselbe. Es wird eben nicht leichter, wenn man jederzeit damit rechnen muss, dass da eine Flut über uns schwappt, die alles mit sich reißt. Ein richtiger Kanzler hätte ja Gummistiefel getragen, aber Schulz zieht sich höchstens die Jacke aus. Überhaupt frage ich Sie, was wollen wir denn mit so einem Vorsitzenden anfangen, der einem vorher erzählt, warum man die Wahl auf alle Fälle gewinnt, und der hinterher genau weiß, warum wir sie verloren haben?

Kommunikationspolitik. Die SPD braucht jetzt mehr Kommunikationspolitik, das heißt doch: noch einen Festredner, der Lila vom Himmel verspricht, oder nicht!? Man kann doch nicht immer die anderen dafür verantwortlich machen, wenn man auf die Schnauze fliegt – stellen Sie sich mal vor, das wäre als Grundsatz der Hartz-Gesetze durchgekommen, dann hätten wir heute aber ein Grundeinkommen, dass dem Schröder die Augen tränen! Überhaupt Kommunikation, das kann doch nicht das Ende der Sozialdemokratie sein, dass sie jetzt erst bemerken, dass sie mit ihren Wählern seit zwanzig Jahren nicht mehr geredet haben? Ach so, das Ende war schon. Dann habe ich nichts gesagt.

Die machen da oben so weiter wie bisher, da wird ein konservativer Ausleger aus dem Wirtschaftsflügel durch einen konservativen Ausleger des Wirtschaftsflügels ersetzt – es gibt ja manchmal Überraschungen, zum Beispiel, dass die sich das überhaupt trauen – und dann hat sich auf einmal alles geändert. Hat es sich auch, weil ja von der Weiter-so-Strategie seit dem Wahlabend nie die Rede gewesen war. Dass diese Partei wie kaum eine andere für inhaltliche Konsistenz steht, das wird ja gemeinhin stark unterschätzt, und dann auch noch von den Falschen. Schade eigentlich.

Haben Sie sich eigentlich mal gefragt, warum die SPD gerade flächendeckend in die Knie geht? Die reden über die Veränderung, die das Land so dringend braucht, und werden trotzdem nicht Kanzler? Eben, die reden darüber, aber das wär’s dann auch gewesen. Die versprechen einen tief greifenden Prozess der Erneuerung, aber alles, was sich erneuern wird, greift tief in die… nee, lassen wir das mal.

Wir können doch nicht auf den Wiederaufbau West warten, bis die SPD mal wieder in einer Regierung vertreten sind, und zwar so, dass es den Namen auch verdient? Schauen Sie, das hier sind ja offiziell noch keine richtigen Orkane, das sind ein paar kräftig ausfallende Herbstwinde – der eine knickt ein, den anderen muss man umsägen, weil er es alleine nicht schafft, die Schäden sind alles andere als angenehm, aber zum Glück recht schnell beziffert – aber dann überlegt man sich doch auch mal, woher das alles kommt und was man beim nächsten Mal dagegen tun wird? Das mit den Gummistiefeln hatten wir schon, lassen Sie mich mit dem Kram gefälligst in Ruhe!

Kapitalismuskritik! das haben Sie doch auch gehört? Kapitalismuskritik, da hätte es mir fast die Schuhe ausgezogen! Kapitalismuskritik, das hört sich aus dem Munde eines Sozialdemokraten an, als ob der Metzger die Fleischwurst unter Naturschutz stellen will! Kapitalismuskritik! Haben Sie dem erzählt, dass das Geld nachwächst, wenn man es nur gründlich genug abschafft? Sie hätten es ihm vor zwei Jahren erzählen sollen, mit etwas Glück hätte er es nach einem Jahr verstanden. Erklären Sie dem Mann bloß nicht die soziale Marktwirtschaft, der ist imstande und will sie mit Neuwahlen durchsetzen!

Das ist eben das Problem mit der Gründung einer neuen Existenz – Sie finden ein einigermaßen preiswertes Grundstückchen, das liegt vielleicht am Fluss, vielleicht auch direkt am Wasser, das ist deshalb so preiswert, weil es diverse Nachteile hat, die verkauft man Ihnen aber gleich als Vorteile, mit Ausnahme der Versicherung, die müssen Sie abschließen, die Prämien sind hoch, und dann wird Ihnen irgendwann klar: im Vertrag steht drin, dass die nie auch nur einen Cent werden zahlen müssen, weil sie sich dagegen abgeschottet haben. Und dann warten Sie, ob als erstes der Fluss über die Ufer tritt oder der Sturm kommt. Erdrutsch geht auch, aber das interessiert wieder die Versicherung nicht. Die wollen nur wissen, ob die Ihnen wegen eines nicht verschuldeten Schadens die Beiträge verdoppeln können. Und dann sitzen Sie da und denken sich: was hätte man anders machen können? Hätten wir vielleicht der Versicherung gegenüber klarer kommunizieren können, dass wir den Vertrag nicht aus Spaß geschlossen haben? oder dass wir uns auf das geltende Recht beziehen?

So, und jetzt machen Sie hier bitte man in den Ecken sauber. Der Fraktionsvorsitzende hat sich neulich schon beschwert, man kann hier ja gar nicht die Hosen herunterlassen. Arbeiterpartei hin oder her – solange wir hier Ihr Gehalt zahlen, kann man vom Fußboden essen, war das klar?“

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Leviten

30 10 2017

„… nicht mehr zeitgemäß sei. Deutsche Christen, die die Religionsfreiheit für sich in Anspruch nehmen wollten, sollten daher eine deutliche Distanz zur den in der Bibel formulierten…“

„… dass Männer, die einer menstruierenden Frau beiwohnten, nach Levitikus 20:18 zwingend mit dem Tode zu bestrafen seien. Problematisch sei, dass viele christlich motivierte Gruppen schon die Todesstrafe als eine religiös nicht zu vertretende…“

„… weiterhin für die Errichtung eines Staates der deutschen Rasse sei. Weidel werde keine andere Religion als den christlichen Fundamentalismus zur Durchsetzung ihrer…“

„… eine Hausfrau in Brandenburg mit einer Strafe habe belegen wollen. Es habe sich zwar ohnehin um eine Alleinerziehende gehandelt, die aber in Verkennung von Levitikus 19:19 ihren Balkonkasten gleichzeitig mit Schnittlauch, Petersilie und…“

„… die nach Hosea 9:3 verboten seien. Von Storch habe jedoch sowohl im Ausland als auch in der Dönerbude ein nicht der christlichen Kultur verpflichtetes Gericht zu sich genommen, was ihr nach sieben Jahren als Zwangsprostituierte die Begnadigung auf dem Scheiterhaufen des…“

„… alttestamentarische Strafen generell eher dem mosaischen Kulturkreis zuzuordnen seien. Die AfD sei nun gefordert, da sie gegen ihre eigenen Interessen den jüdisch-christlichen Kulturkreis gegen die islamische Zernichtung des…“

„… gemäß Levitikus 19:19 auch keine Kleidung aus mehr als einem Stoff tragen dürfe. Die Schussverletzung in Petrys Hinterkopf sei zwar nicht lebensbedrohlich, Gauland habe das Attentat allerdings durch ihr aus Baumwolle mit Lycra gefertigtes, stark an eine Burka erinnerndes Halstuch, mit dem sie bewusst die Herabsetzung der arischen…“

„… mehr als einen Samen im Feld ausbringe. Die Frage sei nun, ob das Abschlachten ihrer beiden Kinder im Namen des Herrn Jesus parallel, vor oder nach ihrer rituellen Vergewaltigung und dem…“

„… nur der biblischen Tradition verpflichtet seien. Diese sei im Gegensatz zu islamischen…“

„… es keine Handhabe gebe, die Periode der in Deutschland lebenden Frauen zu kontrollieren, geschweige denn sie als terrorrelevante Datei im…“

„… dass auch Gaulands Hundekrawatte aus Polyestermischgewebe bestehe. Er habe sich jedoch damit gerechtfertigt, dass christliche Maßstäbe grundsätzlich nicht für die gälten, die für sich die Religion des Christentums nicht in Anspruch…“

„… hinsichtlich des Ehebruchs von Pretzell und Petry keine zwei Meinungen geben könne. Die gemäß Levitikus 20:10 geforderte Todesstrafe beider Ehebrecher müsse spätestens mit der Geburt einer Leibesfrucht, die in Schande vor dem Herrn empfangen worden sei und deshalb auch kein Recht auf ein…“

„… und Menstruationsgruppen nicht sogleich mit terroristischem Hintergrund versehen würden. Es könne sich lediglich um eine individuell feministische…“

„… auch steuerrechtlich zu berücksichtigen sei. Der Verkauf einer Tochter in die Sklaverei gemäß Exodus 21:7 dürfe als Einkommen behandelt werden und sei damit eine…“

„… dass die Teilnehmer des AfD-Parteitages wegen ihrer Wochenendarbeit gemäß Numeri 15:35 vor den Veranstaltungsort zu führen seien, wo sie einer Steinigung durch die anwesenden Demonstranten der…“

„… von Storch mehrfach in Hosen gesehen worden sei. Nach Deuteronomium 22:5 müsse sie darum auch sofort…“

„… Exodus 20:4 eindeutig auch das Fotografieren verbiete. Wer sich für die Anfertigung eines Personalausweises ablichten lasse, sei demnach automatisch dem…“

„… jegliche politische Arbeit am Wochenende auch laut Exodus 35:2 einzustellen sei. Die Misshandlungen befänden sich demnach im Einklang mit der Schrift und könnten auf gerichtlichem Wege daher nicht…“

„… nach Prediger 9:8 ausschließlich weiße Kleidung tragen dürfe. Dienstliche Vergehen könne das deutsche Rechtswesen nicht tolerieren, weshalb die…“

„… sich wie in Levitikus 21:20 gefordert einer Kultstätte nicht nähern dürfe, wenn seine Augen von einer Krankheit befallen seien. Meuthen trage schon seit längerer Zeit eine Lesebrille, daher sei er gar nicht berechtigt, eine Kirche von…“

„… nach Levitikus 19:27 weder Haare noch Bart abschneiden dürften. Ein auf dem Erfurter AfD-Parteitag genannter Vorstoß, das deutsche Frisörhandwerk zu verbieten, sei allerdings nur sehr halbherzig im…“

„… im EU-Parlament beim Verzehr eines Hummers beobachtet worden sei. Das in Levitikus 11:10 klar geregelte Verbot müsse auch bei von Storch durchgesetzt werden, eine vorher zur Bewährung ausgesetzte Steinigung sei dagegen nicht mehr im Rahmen des…“

„… dass eine morgendliche Kopfsalbung mit Olivenöl nach Prediger 9:8 zwingend vorzunehmen sei. Obwohl sich die AfD-Basis weiterhin weigere, weil sie nicht in der Öffentlichkeit als Mitglieder einer schmierigen Populistenpartei wahrgenommen werden wollten, habe man an der Spitze der Bewegung bereits die…“





80 Millionen

29 10 2017

So hoch ist die Summe, die Albrecht Glaser, die erst beim der Bundespräsidenten-, dann bei der Bundestagspräsidentenwahl eingereichte Urinprobe der Nationalsozialisten die Stadt Frankfurt an Main gekostet hat. Vielleicht sehen wir ihn ja bald als Miss Germany oder Galopper des Jahres. Da wird er dann aber auch nicht gewählt, weil die Bilderberger ihrem Islamisierungsauftrag ja sonst nicht nachkommen würden. Wer profitiert davon? 80 Millionen. Alle weiteren Anzeichen dafür, dass die Weisen aus Zion alles im Griff haben, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • auswanderungsgesetz: Mir würde da ein AfD-Parteibuch zur Qualifikation reichen.
  • obergrenze iq: Gut, CSU reicht auch.
  • reichsburger metternich: Der Kongress tanzt.
  • österreich anschlussfähig: Sammelt Sellner deutsche Pissoirgutscheine?




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXVI)

28 10 2017

Wenn František pfeift in Braunseifen,
beginnen die Knechte zu greifen
nach Äpfeln und Birnen,
was in ihren Hirnen
trainiert wird von Aussaat bis Reifen.

Als Mirza, ein Priester in Ghom,
den heiligen Berg dort erklomm,
musst er laut mit Keuchen
die Vögel verscheuchen.
Er galt trotzdem als äußerst fromm.

Hat Soňa mal frei in Welbine,
so füttert sie gern eine Biene.
Mit der ist trotz Lachen
zwar kein Staat zu machen,
doch macht sie dazu gute Miene.

Wenn Gökhan mal ausgeht in Bilkent,
den man bisher nur in Zivil kennt,
sieht man Uniformen.
Das sollte ihn normen,
was man bisher so als sein Ziel kennt.

Spricht Eugen in Steinige Höhe:
„Wenn ich dort die Meinige sehe,
ist, was mir noch graut hier,
schon seltsam vertraut mir;
ich wünsche mir einige Nähe.“

Dass Hjalmar beim Pflügen in Grip
ein Band trägt und ein Nudelsieb,
liegt an seinem Glauben.
Der wird auch erlauben,
wenn er noch mehr trägt, als ihm lieb.

Wenn Lenka beim Rodeln in Butsch
den Hügel hinab so im Rutsch
die Armbanduhr fehlte,
auf die sie so zählte,
dann war die danach einfach futsch.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCI): Hass als Suchtmittel

27 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tief in den Schichten unseres Bewusstseins, wo nicht einmal Alkohol, Fußball oder Helene Fischer eine Heimstatt finden, klebt der Schmodder, aus Prinzip hartnäckig wie altes Kaugummi, ganz weit unten an der Sitzfläche, und jeder weiß: das bleibt. Wo das Hirn maximal auf Standby geschaltet bleibt und die Lebensäußerungen des Hominiden zum überwiegenden Teil aus Reflexen bestehen, Gefühl und Härte, ist die erste Regung des Daseins für das ganze Leben bestimmend. Es fällt auch nicht groß auf, da das Umfeld ähnlich fehlerhaft tickt. Die gesellschaftliche Ordnung entwickelt sich aus der irrationalen Absonderung dünn angerührten Schmodders, der in seiner Gesamtunterforderung durchaus sozial konstituierend wirkt, und nirgends funktioniert die Gemengelage ähnlich gut wie mit Hass als dominanter Substanz.

Denn Hass ist grundsätzlich massenkompatibel, insbesondere mit weichen Massen, die sich in die Lücken zwischen den Synapsen zu schwiemeln verstehen. Als hormoninduzierter Vorgang, der der Identitätsbildung vorausgeht, also wesentlichen Anteil an der Selbstdefinition des Beknackten hat, ist Hass gedankliche Stütze und Handlungskonzept in einem, Idee und Ausführung, die den tieferen Sinn dieser rätselhaften Existenz, so sie überhaupt hinterfragt wird, wenigstens ansatzweise zu erhellen vermag, wenn auch biblische Düsternis die Innenseite der Kalotte füllt. Reicht dies noch nicht aus, um Religion als systematische Erklärung des wirren Gerümpels um uns herum im universalen Maßstab zu sein, ist jeglicher Hass steigerungsfähig, hereinsteigerungsfähig gar, was dem Grundbedürfnis des glaubenden Bekloppten nach Hirnentlastung via Fundamentalismus sehr entgegenkommt. Die einfachere Variante, sich in Rausch zu versetzen, ist schließlich das gemeine Suchtmittel, denn alle Lust fordert Wiederholung, alle Wiederholung fordert Steigerung.

Wo die Grenze zwischen Subjekt und Gesellschaft mählich verschwimmt, stellt sich das Gemeinschaftserlebnis schlagartig ein: scheiß Bayern, verdammte Radfahrer, nieder mit den Negern, der Schlagruf ist je nach Prägung und Vorgeschichte austauschbar, wo er reproduzierbare Verzückung verspricht. Die Grauzone der Strukturen im Schädel ist nicht viel mehr als ein Schwamm voll Nullinformation, jeder Verortung entzogen und als eine ewige Gegenwart erlebt, die totale Enthemmung und Selbstüberschätzung, die noch den dümmsten Ichling zumindest für den Augenblick festigt, auch sich selbst.

Und Hass integriert. Noch die dümmste Meute wächst zusammen, wo gemeinsam die ausgedachte Verletzung mit quasi-libidinöser Zielrichtung einer Heilung zugeführt werden kann. Gemeinsamer Hass schweißt enger zusammen als die tiefste Zuneigung, und die Bandbreite dessen, was dort entsteht, ist größer als jede positive Sinnstiftung. Der ritualisierte Hasskonsum, alleine oder in der Gemeinschaft unter fuchtelnden Fahnen, im Qualm der Stammtische, stützt schon durch das stumme Einverständnis, weder der andere noch man selbst sei süchtig, wie auch schwerst alkoholisierte Schwerstalkoholiker einander noch im Vollsuff jederzeit komplette Nüchternheit attestierten. Eine kollektive Leidenschaft entsteht gerade da, wo sich Hassende in den Armen liegen, und paradoxerweise entsteht Vertrautheit gerade da, wo sich die Parallelexistenzen gründlich verkennen.

Humanisten fordern den harten Entzug – nur eine zurechnungsfähige Gesellschaft funktioniere, sagen sie, wie eine zurechnungsfähige Gesellschaft sich ihre Funktionalität ausgesucht habe. Aber wer rechnet schon mit dem Affekt, wie er grün und gründlich hinter der Hecke lauert, von Dealern in schattiger Atmosphäre vertickt, Populisten und Fanatikern, die die Erleuchtung ausschalten, um ihr Geschäft besser zu betreiben. Die Menschheit neigt indes nicht zur Abstinenz, wenn es genug Gründe gibt, sich regelmäßig die Birne zuzuschütten, und oft reicht ein kleiner Anlass, Krieg vom Zaun zu brechen, Nachbarn die Bude einzubrennen oder Parteien zu wählen, die das für einen erledigen wollen. Die Suchtdienstleister sind wendig und verstehen ihr Metier, bieten sie den Süchtigen eine billige Entschuldigung für den Konsum. Der Klebstoff des Gesellschaftlichen, der auch die Hirne vernebelt, sucht sich einen moralischen Ausweg, erscheint als Genussmittel und damit gerechtfertigt. Keiner wird mehr das Verständnis bemühen müssen für arme, missverstandene Idioten, die Brandsätze schmeißen und Ausländer verprügeln, die tägliche Ration Hass ist im Zuge der Deregulierung von sozialen Verantwortlichkeiten längst legalisiert worden, denn ehrlicherweise geben wir zu: wir alle haben schon gehasst. Nicht auf professionellem Niveau, aber immerhin. Ein Schüsschen in Ehren kann niemand verwehren. Und solange jeder seine Grenzen kennt, besteht sicher auch kein Grund zur Sorge. Wo kämen wir denn da hin.





Klimaschutzziele

26 10 2017

„Aber ohne Verbrennungsmotoren!“ „Das sagen dann bitte Sie der Kanzlerin.“ „Warum ich?“ „Ihr Sitz im Parteivorstand ist bombensicher.“ „Er ist aber erst seit Kurzem im Bundestag.“ „Dann kann er’s ja sagen.“ „Dann machen Sie das aber mit der Mütterrente!“

„Klimaschutz geht nicht ohne Verbrennungsmotoren.“ „Hä!?“ „Wenn wir jetzt alle auf Elektroautos umsteigen, dann ist das Klima wieder voll okay.“ „Klingt logisch.“ „Dann brauchen wir aber auch keinen Klimaschutz mehr.“ „Entschuldigen Sie, das ist doch Quatsch!“ „Sie müssen das nur mal mit der Mütterrente machen, da sehen Sie alt aus.“ „Weil die Mütter nicht verbrannt werden?“ „Warten Sie’s ab!“

„Wenn wir die Mütter aus dem Familiennachzug integrieren, können wir das auf dem Arbeitsmarkt irgendwie nutzen?“ „Waren Sie nicht sonst immer strikt gegen die Hartz-Gesetze?“ „Da waren wir auch nicht in Koalitionsverhandlungen.“ „Man könnte die Integration auch einschränken.“ „Muss man nicht.“ „Finde ich auch.“ „Man könnte zum Beispiel auch gleich den Familiennachzug einschränken, dann wäre man aus der Nummer auch raus.“ „Und dafür haben wir die halbe Legislaturperiode gekämpft?“ „Staatsbürgerschaft oder so.“ „Irgendwas mit Vegetariern war auch noch.“ „Nee, das waren die Verbrennungsmotoren.“ „Dann muss die Kanzlerin jetzt nichts davon wissen?“ „Ist sie von der Mütterrente denn noch betroffen?“ „Wir würden uns damit befassen, auch wenn der Koalitionspartner das nicht will, aber dann wollen wir einen Ministerposten mehr haben.“ „Das ist ein Skandal!“ „Ja.“ „Gut, dann wären Sie ja in der Regierungspolitik angekommen, oder?“

„Können wir uns dann wenigstens auf eine solidarische Wirtschaftspolitik einigen?“ „Also Politik, die sich mit der Wirtschaft solidarisch zeigt?“ „Eher umgekehrt.“ „Dann vergessen Sie das mit der Koalition.“ „Moment, Sie können doch nicht…“ „Kann ich.“ „Nein!“ „Wohl!“ „Sie wollen doch auch eine Steigerung der Steuereinnahmen.“ „Dazu müssten die Unternehmen erst mal Steuern zahlen.“ „Ihre kommunistischen Ideen können Sie sich in die Haare schmieren!“ „Und wenn wir dafür die Steuern bei den Superreichen senken?“ „Damit die Unternehmen wieder Steuern zahlen? das klappt doch nie!“ „Im letzten Wahlkampf haben Sie doch damit geworben.“ „Ja, aber das war Wahlkampf.“

„Wollten wir nicht erstmal sondieren?“ „Das tun wir gerade.“ „War mir jetzt auch nicht aufgefallen.“ „Wenn wir schon verhandeln würden, wären wir erheblich konzilianter.“ „Warum nicht umgekehrt?“ „Dann haben wir ein Ziel vor Augen, hier müssen wir den Partner möglichst schon zu grundlegenden Zugeständnissen bewegen.“ „Und wenn man sich hier einfach mal informell verständigen würde, statt gleich die Claims abzustecken?“ „Dann könnten wir danach gar nicht mehr entspannt miteinander verhandeln.“ „Ihnen fehlt anscheinend auch der Alkohol?“ „Und ob!“ „Waren Sie beim letzten Mal überhaupt dabei?“ „Nur informell.“

„Und wenn der Seehofer kommt?“ „Dann laufen wir.“ „Hihihi!“ „Bleiben Sie halt mal ernst!“ „Wer hat denn die bescheuerte Frage gestellt?“ „Wir müssen doch damit rechnen, dass der in die Koalitionsverhandlungen nur eintritt, um alle bisher mit der Kanzlerin erzielten Ergebnisse mutwillig zu zerstören.“ „Also wie bisher immer.“ „Ja, aber diesmal hat er drei Parteien gegen sich.“ „Wen denn noch?“ „Naja, die Kanzlerin.“

„Wir wollen die Stromsteuer jedenfalls senken.“ Mist!“ „Wieso?“ „Wir wollen die komplett abschaffen, da bleibt keine Verhandlungsmasse mehr übrig.“ „Verdammt!“ „Und wenn wir uns jetzt mit der Mütterrente ganz konträr positionieren würden?“ „Vergessen Sie’s.“ „Bitte!“ „Sobald Sie uns sämtliche Klimaschutzziele aus dem Koalitionsvertrag streichen wollen, kommen wir ins Geschäft.“ „Auch bei erneuerbaren Energien?“ „Da erst recht. Wir erwarten von Ihnen eine komplette Blockadehaltung und eine Drohung mit sofortigem Verhandlungsabbruch, und zwar unmittelbar nach dem Durchbruch bei den wichtigen sozial- und wirtschaftspolitischen Zielen.“ „Das können Sie nicht machen!“ „Unser letztes Wort.“ „Sie sind doch verrückt!“ „Die Wähler werden ihn lynchen, auch wenn er drei Tage später nach einem wahren Verhandlungsmarathon mit dem Wunschergebnis vor die Presse tritt.“ „Egal.“ „Das ist das Ende meiner politischen Karriere!“ „Hätten Sie halt nicht die Wahl gewonnen.“ „Sie brauchen also einen Buhmann, richtig?“ „Sie haben es erfasst.“ „Und es geht bei Ihnen nicht eine Nummer kleiner?“ „Gut jetzt, streiten Sie sich nicht. Wir haben wichtigere Punkte auf der Tagesordnung!“ „Sagt wer?“

„Also gut, Mütterrente gegen Steuersenkung.“ „Plus Verbot der Massentierhaltung.“ „Also das ist doch jetzt…“ „Sie bringen die Verhandlungen ja schon zum Scheitern, bevor sie richtig begonnen haben!“ „Machen Sie doch auch so.“ „Okay, aber dann nur unter einer Bedingung.“ „Die da wäre?“ „Das Ministerium für…“ „Abgelehnt!“ „Sie werden mich jetzt nicht zum…“ „Egal, abgelehnt.“ „Wir brechen hiermit die Sondierungsgespräche ab!“ „Wir auch!“ „Jawoll, weg mit dem Dreck!“ „Endlich!“ „Gut, dann werden wir mal ernsthaft. Beim Immissionsschutz hatten wir uns folgende Aufweichungen gedacht.“ „Klingt gut.“ „Können wir mit leben.“ „Das hält sich im Rahmen.“ „Wir hatten uns darauf schon eingestellt.“ „Gut, das ist eine Gesprächsgrundlage?“ „Absolut.“ „Ganz klar.“ „Fein. Herr Kollege, machen Sie dann weiter mit den Verbrennungsmotoren?“





Gesichtspunkte

25 10 2017

Das Büro lag wie von unsichtbaren Mauern umgeben am Ende eines langen Korridors. Stumpf reflektierten die Wände ein müdes Licht, von dem man nie genau wusste, aus welcher Richtung es schien. „Der Geschäftsführer erwartet Sie jetzt“, teilte mir die Stimme einer Radioansagerin mit, die offensichtlich im Verborgenen saß und mich beobachtet hatte, wie ich in dieser Etage ohne Fenster und Sitzgelegenheiten herumstand, wohl wissend, dass ich beobachtet würde, und in dem Bewusstsein, dass sie wussten, dass ich es wusste.

„Wir haben Sie schon erkannt“, begrüßte er mich. Was auch sonst hätte er hier sagen sollen. Ich setzte mich. Er spielte aufreizend gelassen mit einem kleinen Schlüsselbund, das er am Ring über den Tisch zog. „Ich muss Ihnen ja nicht sagen, dass wir hier unsere Erkundigungen über die Besucher einholen, wir arbeiten nun einmal im Sicherheitsbereich und können uns keine Fehler erlauben. Es wäre möglicherweise fatal.“ Ich nickte. „Möglicherweise.“

Der große Bildschirm an der Wand zeigte den Fußgängerverkehr des nahe gelegenen Bahnhofs. Auf dem Vorplatz hasteten gelbe, grüne und blaue Striche, Quadrate und Gitternetze durch die Gegend, Netze, die sich allmählich aus den Linien bildeten, manchmal auch rote Linien, die zu roten Flächen anschwollen, bevor kleine Kästen mit Zahlen und Buchstaben neben ihnen erschienen, kryptische Anzeichen einer anonymen Bedrohung, die erkannt worden war, bevor sie selbst ihre Erkenntnis hätte erkennen können. „Wir arbeiten seit längerer Zeit mit einem gemeinsamen Vorrat an Daten, die wir aus einigen älteren Projekten zusammengeführt haben.“ Er vergaß zu sagen, woher die Daten stammten; vielleicht hatte er es aber auch gar nicht vergessen. Jedenfalls gab der Bildschirm allen diesen Menschen ein Gesicht, ob sie es wollten oder nicht. Was indes von diesem Gesicht übrig blieb, bemerkte keiner von ihnen; sie wussten wohl, dass sie beobachtet werden, doch es war ihnen in diesem Augenblick nicht bewusst, dass eine Maschine sie in Schubladen steckte, grün und gelb und rot, die über ihr ganzes Leben würden entscheiden können, möglicherweise auch nur über die folgende Nacht, was aber letztlich auf dasselbe hinauslaufen würde.

„Es handelt sich um Punktzahlen“, konstatierte ich. Er nickte. „Wir bewerten die Personen nicht“, erläuterte er. „Wir stufen sie nur ein. Wer sich anhand seiner Daten als gefährlich erweist oder als gefährlich erkannt wird – das kann unterschiedlich sein, muss es aber nicht – soll erkannt werden, und das leisten wir.“ Dabei blickte er ohne jeden Anflug von Gefühl auf den Bildschirm, wo ein halbes Dutzend roter Gesichter teilnahmslos durch die Menge gingen, erkennbar keine Mörder oder Taschendiebe, aber auf Geheiß der allwissenden Maschine als gefährlich anzusehen. Sie warteten auf den Bus, kramten in ihren Handtaschen, kauften eine Zeitung am Kiosk, das war das Gefährlichste.

Wo das Punktekonto gespeichert war, ließ sich nicht einfach sagen. Vermutlich waren es viele verschiedene Dateien, aus denen sich Ansichten über die Personen gegenseitig überlagerten und verstärkten, es war nicht ganz klar, wo nur zusammengezählt und verrechnet, wo multipliziert wurde, jedenfalls wuchs mit jedem Tag ein Konto von Punkten, die ein Gesicht begleiteten, und es schien Folgen zu haben für die Menschen. „Wir beantworten die Herausforderung abgestuft. Man wird nicht gleich von der Polizei beobachtet, aber die Daten werden frühzeitig ausgewertet, falls eine Handlung notwendig sein sollte.“ „Das heißt“, wandte ich ein, „Sie werten die Daten frühzeitig aus, damit Sie sich sicher sein können, dass eine frühzeitige Auswertung gerechtfertigt ist?“ Vielleicht hatte er auch nur meine Frage nicht verstanden.

„Wir zeigen uns natürlich auch erkenntlich“, fügte er mit einem süffisanten Lächeln hinzu. „Manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass wir Maßnahmen ergreifen müssen, die der Entwicklung Rechnung tragen.“ „Sie belohnen doch nicht etwa auffällige Personen?“ Er grinste. „Keinesfalls.“ Die Bilder, die ihn in einem früheren Leben als Gefängnisdirektor zeigten, waren noch sehr präsent. „Wir denken mit. Wenn das Konto einer potenziell gefährlichen Person Anlass zur Besorgnis gibt, dass sie sich nicht mehr in die Gesellschaft integrieren möchte, erleichtern wir ihr den Ausstieg.“ „Wäre es nicht besser, ihr die Integration in die Gesellschaft zu erleichtern?“ Er schwieg.

Das Telefon hatte gesummt. Sehr leise. Ein Notfall, der keinen Aufschub duldete, die Sache war technisch, also sehr ernst. „Ich würde Ihnen gerne noch mehr erklären“, bat er, „aber Sie müssen mich jetzt entschuldigen. Seien Sie sich nur sicher, dass wir ganz in Ihrem Auftrag arbeiten und Ihnen gerne jede Frage beantworten werden – nur eben nicht jetzt.“ Er verließ wortlos den Raum, die Tür stand offen, die Unterredung war beendet. Auf dem Bildschirm liefen noch immer Menschen durch einen Tunnel, hielten auf dem Fußgängerüberweg an, kauften Zeitungen. Ich ging durch den langen Korridor, erreichte schließlich den kahlen Vorraum, passierte die Schleuse und trat hinaus auf den belebten Vorplatz. Hier war ich in Sicherheit. Sie sorgten sich um mich, das hatte ich begriffen, und nichts sprach so dafür wie der kleine Schlüsselbund in meiner Hosentasche.