Altar Schwede

3 10 2017

Das kleine, eben nur angedeutete Türmchen, das runde Eingangstor, es passte alles, zumindest stilistisch. Während ich vor diesem recht großen Schuppen stand – es nieselte, der Produktmanager war bereits zehn Minuten zu spät – fiel mein Blick auf die anderen Pavillons im Innenhof. Was mochte sich in ihnen nur verbergen.

„Wir hatten noch ein kleines Strategiemeeting“, entschuldigte sich Lars, „Du hast Dir sicher schon einmal einen Eindruck verschafft und Platz für Deine Ideen gefunden.“ „Zunächst“, antwortete ich und zückte den Schreibblock, „wüsste ich gerne, wie Ihre Firma auf diese Zielgruppe gekommen ist.“ In Haus 1 befand sich eine eher improvisiert aussehende Arztpraxis, die man eher in der Taiga zwischen zwei Wasserlöchern erwartet hätte oder in Nordrhein-Westfalen, aber nicht in der Innenstadt von Hamburg. „Du täuschst Dich!“ Ihm war diese Ansprache offenbar nicht abzugewöhnen, schon gar nicht durch freundliche Hinweise. „Das ist ein kleines Raumwunder, wir können unseren Ideen da freien Lauf lassen.“ Tatsächlich hatte der zehn Quadratmeter große Container drei wandmontierte Sitzgelegenheiten und eine ebensolche Klappliege, die ein unterfahrbarer Instrumentenschrank gut ergänzte. „Wir hatten im vergangenen Jahr eine Anfrage aus Vårsta“, verriet Lars, „dafür haben wir dann eine Autowerkstatt entworfen und diese Idee von unseren preisgekrönten Designern verwendet, weil es sich einfach anbot.“ Wahrscheinlich hatte es sich um eine Garage für Kleinstwagen gehandelt, aber so genau wollte ich es auch gar nicht wissen.

Die Amtsstube für das Schnellgericht in den östlichen Bundesländern war auch nur um ein paar Aktenregale entworfen – „Damit kriegst Du die Nazis in Deiner Nachbarschaft weg für unter hundert Euro!“ – und das Bürgerwehrbüro hatte außer einem abschließbaren Waffenschrank kaum Neuerungen zu bieten. Aber noch war da dieser Wellblechkasten im Hof. Fast widerwillig suchte der Angestellte den Schlüssel, drehte ihn im Schloss um und öffnete die Tür. Es war eine Kirche.

„Die Gemeinden werden immer kleiner“, erläuterte er, „oft brauchst Du gar kein festes Haus mehr dafür und greifst auf eine flexible Lösung zurück, wenn Du sie erkennst. Schau Dich um!“ Es sah alles so schlicht und abwaschbar aus, wie man es von diesem Konzern gewohnt war – keiner hatte sich mit mehr als der Funktionalität des Gebäudes auseinandergesetzt, aber das wäre zu verkraften gewesen. Störend waren vor allem diese schrecklich ermunternden Farben, Lindgrün und Weiß, die alle irgendein Erweckungserlebnis transportierten wie jede anderer Wohnküche auch. „Die Klappsitze sind in die Raumteiler integriert“, wies der Experte hin. „Das macht einen leichten und luftigen Eindruck. Probier es gleich mal aus und setz Dich hin.“ Es saß, eher: hockte sich dann doch wie in einem Fußballstadion wobei ich lange die dritte Liga nicht mehr besucht hatte. Lars hatte es bemerkt und lenkte mehr oder weniger geschickt ab. „Die Kanzel ist ein besonders schönes Stück“, schwafelte er, „sie passt auch gut in Dein Arbeitszimmer oder in Deine Küche. Oder vielleicht kombinierst Du beide Räume? Du hast die Wahl!“ Das kleine Ensemble aus einem gepolsterten Stehpult mit den ausklappbaren Trittstufen, Baldachinkonstruktion aus dem Bereich Kinderzimmer und lackierter MDF-Verkleidung (lindgrün, weiß) sah bezaubernd aus, wollte man in seiner Freizeit als Auktionator im Nebenerwerb den Bastelkellerschrott seiner Nachbarschaft gegen Bares unter den Anwohnern für eine Saison neu verteilen. Geistliche Gefühle indes kamen hier nicht auf.

„Wahrscheinlich hast Du den Klappaltar schon bemerkt“, wies mich Lars auf das seltsame Ding auf dem Ausziehtisch hin. „Die modulare Bauweise macht unsere Produkte preiswerter, so kannst Du immer genau das anschaffen, was Du brauchst.“ Die Innenseiten der Wandelkonstruktion waren noch nicht gegen sakrales Material ausgetauscht worden, so zeigten sie zwei Kätzchen und einen spektakulären, da geschönten Sonnenuntergang. Aber vielleicht versprach sich das Möbelimperium auch Bestellungen von einer Kirche, in der die Katzen die Stellung eines anbetungswürdigen Objekts innehatten. „Und das Beste ist, dass wir diesen Aufbau für jede Containergröße kostenlos berechnen und ihn komplett liefern. Ist das nicht göttlich?“ Er lachte schrecklich über seinen Witz; er lachte allerdings allein, das machte es erträglicher, und er merkte lange nicht, dass er alleine lachte, was die Angelegenheit doch erheblich in die Länge zog. „Wäre das etwas für Dich?“ Ich klappte den Schreibblock zu. „Kaum.“ Meine Augenbraue zog sich wie von selbst hoch. „Vermutlich werde ich auch so schnell nicht in die Verlegenheit kommen, eine Religionsgemeinschaft zu gründen.“

Umständlich schloss Lars hinter mir ab. Die Orgel, eine klappbare Attrappe aus recyceltem Weißblech in Weiß mit lindgrünen Akzenten, hatte mich doch ein bisschen beeindruckt. Doch nicht einmal in meinem Arbeitszimmer hätte man den Spieltisch aufstellen können. „Ich schicke Dir den Katalog gerne zu“, informierte mich Lars. „Wir haben viele neue Ideen für unser Produktsortiment, und es würde uns freuen, wenn Du uns mit Deinen kreativen Anregungen unterstützen würdest.“ Er hielt einen Augenblick lang inne. „Brauchst Du gerade einen Flughafen?“