Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXC): Besserwisser

20 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das war Ugas einzige Passion. Nicht die Jagd, wo er als chronischer Danebenzieler meist nichts riss, zum Ausgleich aber oft auf die Fresse kippte und von den Gefährten durchs Dickicht aus der Trampelzone der Wollnashörner gezogen werden musste, meist im letzten Moment, was den Schmerz am Oberkörper nicht minderte, das Überleben aber deutlich wahrscheinlicher machte. Uga bedankte sich bei den anderen mit Unterweisungen rein theoretischer Natur, also altklugen Sprüchen, und fand sich in froher Waidmannsrunde wieder, bis ein Mammut in Griffweite war. Noch lange erzählte man sich kichernd Heldengeschichten, in kleiner Runde mit moralischem Unterton, dass niemand den mochte, der so jäh unter dem Unpaarhufer ins dürre Gras der Savanne gebissen hatte. So schnell der Besserwisser gekommen war, so schnell verstarb er auch wieder.

Natürlich muss ein jeder Klötenkönig heute sein Einzugsgebiet abstecken, da die Karte langsam zu dicht mit Fähnchen gespickt scheint. Der gemeine Spender von Antwortgranulat auf jede beliebige Frage des Lebens, der leckende Rohre verdengelt, aus dem Stand Kubikwurzeln zieht und zeitgleich die Geschichte der kambodschanischen Keramik in fünfhebigen Jamben rappt, hat ausgedient. Er verfügt über ein gerüttelt Maß an Meinung über die eigene Ahnung, damit wäre die geistige Aneignung auch abgeschlossen. Anfallsartig grätscht er in die soziale Interaktion, tapfer die eigene Ignoranz ignorierend, die ihn blindlings überkommt, sobald er schon das Mundwerk geöffnet hat. Doch nicht dem Spezialisten gehört die Welt, der Siegertyp erschließt sich allenfalls neue Sphären des Egos für seine Schussversuche. Er hat es auch nötig.

Denn nicht die überquellende Intelligenz ist die Triebfeder für den geistigen Dauerbefruchter, er leidet unter einem chronischen Defizit. Keiner hört ihm zu, so dass er bizarre Ausschussware in die Publikümmer schwiemelt, was seine Ausstrahlung auch nicht besser macht. Tapfer macht er seine empirische Unterfütterung selbst, hat schon Bienen angebaut und Kohlrabi gefüttert, Berge erklommen mit nichts als Rucksack und Harpune, Schränke gesägt aus gekochten Spaghetti, Republiken im Nahkampf gegründet und dem Frisör unfallfrei gesagt, wie er einem die Haare schneiden soll. Teufelskerle allesamt, die sich da auf die Hinterbeine stellen, aber das war auch nicht anders zu erwarten. Die Besserwisser sind eine Armee des verkannten Heldenmutes; kühn jodelt’s in den luftleeren Raum, denn wer will damit schon konkurrieren.

Das Interwebnetz hat der alten Wasserleiche Kompetenz neuen Auftrieb verliehen, sie dümpelt nun aufgebläht in der trüben Brühe herum und markiert schwerelose Beweglichkeit. In kaum einer Viertelstunde promovieren sich Teilchenphysiker zu Staatsrechtlern und verallgemeinern en passant noch den Satz von Kronecker-Weber auf beliebige Zahlkörper. Wo immer die Absonderungen von Hirnschrott auf geistig nicht gesegnete Genossen treffen, sind die Schulfuchser knietief in ihrem Element und entlarven sich doch dadurch. Wehe, es nahen sich Widerspruch oder Nichtachtung, sie reizen nur heftiger das Gefühl der Überlegenheit in der Ichattrappe des geistigen Hütchenspielers.

Nicht Meisterschaft, die Schwäche ist sein und damit die Neigung zu peinlicher Präpotenz, sich selbst in den Vordergrund zu spielen als Symptom einer durchaus neurotischen Verdübelung in Kopfhöhe. Er will nicht zugeben, dass er mit den einfachen Dingen des Daseins, Hammer, Flasche und Fisch, und gibt sich also den Anstrich, er allein sei in der Lage, Kathedralen aus Schmierkäse zu errichten, wenigstens theoretisch, und nichts könne ihn daran hindern, am wenigsten die Wirklichkeit. Nichts hält den mit jeder Plempe gewaschenen Gernegroß davon ab, sich in geradezu historische Dimensionen zu stellen, um der eigenen Bedeutung gerecht zu werden. Wer es einmal erkannt hat, stellt großflächig Wahndreiecke auf, kurvt entschieden um den Zerrspiegelfechter herum und lässt ihm mit seiner Rechthaberei im Regen stehen.

Meist wächst in demselben Grad wie die Dummheit das Gefühl der eigenen geistigen Größe; wie ja auch die Intelligenz immer gerecht verteilt ist, da jeder mehr als alle anderen davon erhalten zu haben meint. Im Besserwissen kulminiert die Anlage, der kompletten Mitwelt simultan auf die Plomben zu gehen, zum Feldzug gegen die eigene Lebensgrundlage, und nicht eben selten brennen die Sicherungen allen durch, die oft und lange unter dem Bescheidgabeterror des obersten Hohlpflocks gelitten haben. Wer die grundlegendsten Maximen der Kommunikation missachtet – reden ohne zu wissen, und ohne zu wissen, wann man besser nicht reden sollte – wird zum Schweigen gebracht. Wohl dem, der dann die Klappe hält.