Gesichtspunkte

25 10 2017

Das Büro lag wie von unsichtbaren Mauern umgeben am Ende eines langen Korridors. Stumpf reflektierten die Wände ein müdes Licht, von dem man nie genau wusste, aus welcher Richtung es schien. „Der Geschäftsführer erwartet Sie jetzt“, teilte mir die Stimme einer Radioansagerin mit, die offensichtlich im Verborgenen saß und mich beobachtet hatte, wie ich in dieser Etage ohne Fenster und Sitzgelegenheiten herumstand, wohl wissend, dass ich beobachtet würde, und in dem Bewusstsein, dass sie wussten, dass ich es wusste.

„Wir haben Sie schon erkannt“, begrüßte er mich. Was auch sonst hätte er hier sagen sollen. Ich setzte mich. Er spielte aufreizend gelassen mit einem kleinen Schlüsselbund, das er am Ring über den Tisch zog. „Ich muss Ihnen ja nicht sagen, dass wir hier unsere Erkundigungen über die Besucher einholen, wir arbeiten nun einmal im Sicherheitsbereich und können uns keine Fehler erlauben. Es wäre möglicherweise fatal.“ Ich nickte. „Möglicherweise.“

Der große Bildschirm an der Wand zeigte den Fußgängerverkehr des nahe gelegenen Bahnhofs. Auf dem Vorplatz hasteten gelbe, grüne und blaue Striche, Quadrate und Gitternetze durch die Gegend, Netze, die sich allmählich aus den Linien bildeten, manchmal auch rote Linien, die zu roten Flächen anschwollen, bevor kleine Kästen mit Zahlen und Buchstaben neben ihnen erschienen, kryptische Anzeichen einer anonymen Bedrohung, die erkannt worden war, bevor sie selbst ihre Erkenntnis hätte erkennen können. „Wir arbeiten seit längerer Zeit mit einem gemeinsamen Vorrat an Daten, die wir aus einigen älteren Projekten zusammengeführt haben.“ Er vergaß zu sagen, woher die Daten stammten; vielleicht hatte er es aber auch gar nicht vergessen. Jedenfalls gab der Bildschirm allen diesen Menschen ein Gesicht, ob sie es wollten oder nicht. Was indes von diesem Gesicht übrig blieb, bemerkte keiner von ihnen; sie wussten wohl, dass sie beobachtet werden, doch es war ihnen in diesem Augenblick nicht bewusst, dass eine Maschine sie in Schubladen steckte, grün und gelb und rot, die über ihr ganzes Leben würden entscheiden können, möglicherweise auch nur über die folgende Nacht, was aber letztlich auf dasselbe hinauslaufen würde.

„Es handelt sich um Punktzahlen“, konstatierte ich. Er nickte. „Wir bewerten die Personen nicht“, erläuterte er. „Wir stufen sie nur ein. Wer sich anhand seiner Daten als gefährlich erweist oder als gefährlich erkannt wird – das kann unterschiedlich sein, muss es aber nicht – soll erkannt werden, und das leisten wir.“ Dabei blickte er ohne jeden Anflug von Gefühl auf den Bildschirm, wo ein halbes Dutzend roter Gesichter teilnahmslos durch die Menge gingen, erkennbar keine Mörder oder Taschendiebe, aber auf Geheiß der allwissenden Maschine als gefährlich anzusehen. Sie warteten auf den Bus, kramten in ihren Handtaschen, kauften eine Zeitung am Kiosk, das war das Gefährlichste.

Wo das Punktekonto gespeichert war, ließ sich nicht einfach sagen. Vermutlich waren es viele verschiedene Dateien, aus denen sich Ansichten über die Personen gegenseitig überlagerten und verstärkten, es war nicht ganz klar, wo nur zusammengezählt und verrechnet, wo multipliziert wurde, jedenfalls wuchs mit jedem Tag ein Konto von Punkten, die ein Gesicht begleiteten, und es schien Folgen zu haben für die Menschen. „Wir beantworten die Herausforderung abgestuft. Man wird nicht gleich von der Polizei beobachtet, aber die Daten werden frühzeitig ausgewertet, falls eine Handlung notwendig sein sollte.“ „Das heißt“, wandte ich ein, „Sie werten die Daten frühzeitig aus, damit Sie sich sicher sein können, dass eine frühzeitige Auswertung gerechtfertigt ist?“ Vielleicht hatte er auch nur meine Frage nicht verstanden.

„Wir zeigen uns natürlich auch erkenntlich“, fügte er mit einem süffisanten Lächeln hinzu. „Manchmal lässt es sich nicht verhindern, dass wir Maßnahmen ergreifen müssen, die der Entwicklung Rechnung tragen.“ „Sie belohnen doch nicht etwa auffällige Personen?“ Er grinste. „Keinesfalls.“ Die Bilder, die ihn in einem früheren Leben als Gefängnisdirektor zeigten, waren noch sehr präsent. „Wir denken mit. Wenn das Konto einer potenziell gefährlichen Person Anlass zur Besorgnis gibt, dass sie sich nicht mehr in die Gesellschaft integrieren möchte, erleichtern wir ihr den Ausstieg.“ „Wäre es nicht besser, ihr die Integration in die Gesellschaft zu erleichtern?“ Er schwieg.

Das Telefon hatte gesummt. Sehr leise. Ein Notfall, der keinen Aufschub duldete, die Sache war technisch, also sehr ernst. „Ich würde Ihnen gerne noch mehr erklären“, bat er, „aber Sie müssen mich jetzt entschuldigen. Seien Sie sich nur sicher, dass wir ganz in Ihrem Auftrag arbeiten und Ihnen gerne jede Frage beantworten werden – nur eben nicht jetzt.“ Er verließ wortlos den Raum, die Tür stand offen, die Unterredung war beendet. Auf dem Bildschirm liefen noch immer Menschen durch einen Tunnel, hielten auf dem Fußgängerüberweg an, kauften Zeitungen. Ich ging durch den langen Korridor, erreichte schließlich den kahlen Vorraum, passierte die Schleuse und trat hinaus auf den belebten Vorplatz. Hier war ich in Sicherheit. Sie sorgten sich um mich, das hatte ich begriffen, und nichts sprach so dafür wie der kleine Schlüsselbund in meiner Hosentasche.

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