Psychologische Kriegsführung

16 11 2017

Das Ding gab keinen Mucks von sich, und das war auch sehr gut so. Herr Breschke hatte die Alarmanlage, jenen unablässig heulenden Apparat, auf gutes Zureden seiner Frau, dann auf den leicht gereizten Bescheid der Nachbarschaft wieder abgebaut. „Aber irgendwie muss man sich doch schützen“, verkündete er, „es wird doch letztens so viel eingebrochen.“

Die Fenstergriffe waren frisch poliert, der Sperrriegel hinter der Eingangstür ebenso geölt und daher leichtgängig. Der Hausherr wollte es den Dieben nicht eben einfach machen. „Schräg gegenüber bei Schneidereits haben sie einen Stein in die Fensterscheibe geschmissen“, berichtete er, „und als die Familie nach vorne lief, müssen die Einbrecher das Fahrrad aus dem Garten entwendet haben.“ „Aber wenn sie nur im Garten waren“, überlegte ich, „hat es sich ja nicht um Einbrecher gehandelt.“ Das leuchtete ihm nicht ein, der alte Herr beharrte auf seine Theorie. „Sie haben dafür das Grundstück betreten müssen, das ist ja quasi wie eine Art Einbruch. Das hat mir der Doktor Schneidereit selbst so gesagt.“ Woraus ich schloss, dass die Angelegenheit mindestens zwanzig Jahre zurückliegen musste; der alte Zahnarzt der Familie hatte kurz danach das Zeitliche gesegnet. „Das Rad fand sich zwar wieder an, aber die Scheibe war hinüber – stellen Sie sich das mal vor!“

Das kleine Gitterchen hinter dem Kellerfenster war ebenfalls frisch gestrichen. „Man muss auch auf die kleinen Dinge achten“, meinte Breschke. „Der Einsteigedieb, der sieht, dass hier Sorgfalt angewendet wurde und erstklassige Technik, wird bestimmt unverrichteter Dinge umkehren.“ Das schien logisch; jenes Gitterwerk war durchaus stabil und ließ sich nicht einfach mit der Kneifzange entfernen. Sollte der Einbrecher eine dressierte Katze durch dies Fenster in den Keller schleusen wollen, denn mehr gab die zwanzig mal zwanzig Zentimeter große Öffnung nicht her, sie würde bereits an den Metallstreben scheitern. „Vielleicht wäre es auch ratsam, die Tür abzuschließen.“ Der pensionierte Finanzbeamte schaute mich verwirrt an. „Aber warum das?“ „Wer auch immer durch dies Fenster in den Keller gelangt, ist über die Kellertreppe sofort im Erdgeschoss.“ Er rieb sich das Kinn. „Und wenn ich abschließe“, überlegte Breschke, „wird der Einbrecher im Keller nach einem geeigneten Werkzeug suchen und die Tür aushebeln – nein, das wäre ja ein zusätzlicher Schaden, ich weiß nicht, ob das die Versicherung so einfach zahlt?“

Ein eher provisorisch gemeintes Schild hatte der Alte bereits am Vortag am Zaun befestigt. Warnung von dem Hunde stand darauf, und mit einem Restchen Bindfaden war es an den Latten vertäut. „Das macht sicher Eindruck“, gab ich zu. Er nickte. „Die meisten werden bereits durch diesen einfachen Hinweis abgeschreckt“, meinte Breschke. „Das klärt die Situation bereits im Vorfeld.“ Bismarck, der also angesprochene Haus- und Wachhund, spazierte ungerührt die Auffahrt entlang in Richtung Rosenbeet. Er würde keinen Bösewicht hereinlassen, so viel stand fest.

„Ich würde übrigens auch diesen Schlüssel entfernen.“ In der Pflanzschale vor dem Eingang, unterhalb der herbstlichen Hortensienreste, glänzte ein Sicherheitsschlüssel in der Vormittagssonne. Das Ding war regelrecht einladend drapiert, man hätte es wenigstens in die Erde stecken oder unter einem flachen Stein verbergen können. „Das ist doch der Trick“, erläuterte Horst Breschke. „Der Schlüssel ist vielleicht ein wenig auffällig, aber wissen Sie, was passiert, wenn man ihn ins Schloss steckt?“ Da die Warnanlage nicht mehr existierte, fiel mir nichts ein. „Gar nichts“, feixte er. „Der Schlüssel passt nämlich in kein Schloss, nicht mal in die Garage und erst recht nicht zum Auto. Das wird den Einbrecher so ärgern, dass er wieder abzieht.“ In Sachen psychologische Kriegsführung konnte ich vermutlich eine Menge von ihm lernen.

Unterdessen hatte ein junger Mann die Pforte geöffnet und kam stracks auf die Tür zugelaufen. Die Tatsache, dass er eine blau und gelbe Jacke mit entsprechendem Emblem trug und unschwer als Briefträger zu erkennen war, ließ Breschke jedoch sofort aufatmen. „Einschreiben für den Herrn“, rief er und hielt ihm einen Umschlag hin, „und dann habe ich noch eine Büchersendung.“ Während Herr Breschke seine Unterschrift leistete, kam Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, gemächlichen Schrittes aus dem Garten zurück in Richtung Haustüre. Der Bote schaute erschüttert nach dem Hund. Er bekam weiche Knie, ein leises Zittern in seinen Händen zeigte an, dass er eine starke Abneigung gegenüber Hunden haben musste. Geradezu fluchtartig verließ er das Anwesen. „Er ist ja ein braver Hund“, sagte Breschke und streichelte dem Dackel übers Köpfchen, „aber Sie sehen, er macht Eindruck. So leicht kommt uns hier keiner ins Haus hinein.“

Er brachte mich noch bis ans Gartentor. „Morgen werde ich dann eine neue Birne in die Lampe schrauben“, erklärte Breschke, „dann wird in dieser Jahreszeit jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit…“ Da fiel es auch ihm auf. Das Schild war verschwunden. „Wie ist das nur möglich? Mir ist gar nichts aufgefallen!“ Ich sammelte ein Ende Schnur vom Gehweg auf. „Sie sollten Ihr Haus viel besser sichern“, befand ich. „Vielleicht lassen Sie Bismarck öfter mal in den Garten.“


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: