Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIII): Die öffentliche Verwahrlosung

17 11 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ja, es gab andere Zeiten. Sie haben Paläste gebaut im Zuckerbäckerstil, Dome, Brücken, hier und da Flughäfen, die innerhalb weniger Jahrzehnte vollendet war, schrecklich schöne Autobahnen als Dual-use-Produkte – das Wirtschaftswunder wollte ja verteidigt sein, und wenn nicht in der Praxis, so konnte man wenigstens in der Theorie damit Kohle scheffeln – und alles, was das ökonomische Herz halbwegs befriedigte, denn es war damals noch auf Nachhaltigkeit aus, wie es seit Menschengedenken der Fall war. Kein Renaissancefürst hätte sich eine Kirche to go in die Stadt schwiemeln lassen, kein Potentat bröselnde Monumente, deren Lebensdauer der Architekt überstanden hätte. Sittlichkeit zeigte sich auch im Wert des Gepränges, das nebst einiger repräsentativer Ziele vor allem der allgemeinen Nutzung ausgesetzt war. Wer aber würde sich schon in einem von Grund auf versaubeutelten Areal wie Ninive oder Castrop-Rauxel über Risse im Beton aufregen. Von hier aus spreitet sich die öffentliche Verwahrlosung ins Land hinein.

Mehrfach haben sich Sozio- und andere Paten der publiken Wissenschaft über die zerbrochenen Fensterscheiben verbreitert; ist erstmal eine kaputt, dauert es nicht lange, bis der Reste der Fassade, des Straßenzugs, des Quartiers, des Landkreises und schließlich die komplette Nordhalbkugel aussieht wie frisch von den Vandalen geplättet. Je mehr aber geschieht, desto eher gewöhnt sich der gemeine Mob an die Verhältnisse, findet das ubiquitäre Gebröckel schon fast normal, ja malerisch, und ist geneigt, den Verhältnissen die Schuld zu geben am Niedergang – je mehr um ihn herum in Schutt und Asche sinkt, desto weniger stört es offenbar den Wut- und Spießbürger, der spontan wie die Kontinentaldrift auf schütteren Schotter schaut, der das Gleisbett mählich verlässt und sich in den fußläufigen Zonen des Infrastrukturrandgebietes niederlässt, als wäre es nichts. Man impft dem Volk ein, es müsse sparen, was nur heißt: wir brauchen die Kohle für allerhand Firlefanz, zum Entschulden der Zocker, neue Wummen und viel Sicherheitsbla, aber nicht für die Schulen, die man im maroden Zustand ja auch viel schneller erkennt. Distinktion, impft man uns ein, geht postmoderne Wege. Wohin die Wege führen, verschweigt man aus Peinlichkeit.

Sorgfältig umnachtet quackelt ein Staat aus reiner Schlafmützensubstanz von moralischem Zwang, wo doch letztlich nur der Fetisch einer auf Gedeih und Verderb festgenagelten schwarzen Null konstituierend ist. Die Achterbahn folgt gerne der Schwerkraft, denn hier verspricht es dem sicher im Sattel Sitzenden den besonderen Kitzel, und die Fahrt ist teuer. Warum auch sollte man sich das als Normalbürger leisten können.

Genau hier setzt an, was die Haltung ebendieses Bürgers ausmacht: nichts. Er hat einfach keine. Indem er die Fußgängerzone behandelt wie sein eigenes Wohnzimmer – es handelt sich tatsächlich um dasselbe Benehmen, nur kann der Bescheuerte nicht in der Halbzeit aufstehen und barfuß zum Kühlschrank schlurfen – trägt er wesentlich dazu bei, wie sich das Ensemble zu rational befreite Zone wandelt und nach kurzer Zeit schon äußerlich so wirkt, wie man sich innerlich den sozial Exkludierten vorzustellen hat. Er fühlt sich wohl im Fluidum des Kaputtbaren, ja er feiert den Verfall, den er anders kaum kennt. Dass er sich in diesem Dreiklang aus materiellem, sozialem und allgemein kulturellem Tiefstand regelmäßig um ein fahrlässig herbeigeführtes Szenario handelt, dessen hässliche Fratze die zur Flucht aktiviert, die verantwortlich sind für das Verhängnis, ist kein Geheimnis und wird gewöhnlich auch nicht verschwiegen; es ist aber als Sachzwang kostümiert allezeit präsent und dient der Monstranz, mit der die Politik uns weismachen will, wie schlecht es der Welt gerade geht – wer würde angesichts dieses Trauerspiels nicht freiwillig auf eine schönere Stadt verzichten, auf klappende Brücken und fahrende Züge?

Der Staat versagt nicht als Idee, sondern in der Erscheinung seines Personals. Es lässt sich einlullen in der Vorstellung, demolierte Straßen seien die unabdingbare Folge eines im Durchschnitt großartigen Landes: wenn so die untere Kante ist, wie viel Gold mag dann in der oberen Schicht auf den Scheiteln der hochweisen Eliten lasten? Keiner bezweifelt das, der zurückkehrt aus der kruden Gleichung, die unten mit Unterrichtsausfall und miserablen Bedingungen für Heerscharen von Müll- und anderen Pflegekräften beginnt und schnell unterm Strich in den öffentlichen Sektor selbst einsickert, als gäbe es noch etwas wie Solidarität im Menschenbild der Mächtigen. Ach was, es gärt lustig vor sich hin, denn erst jetzt ist unter dem dünnen Firnis der Zivilisation sichtbar: es ist, als würde man die Verrohung der Eliten hier dialektisch gespiegelt sehen, demontiert bis zur Abrissreife, ekelhaft und todgeweiht. Welch eine Ironie, dass man sich in den Ruinen der neuen Welt den besseren Menschen so nahe fühlt. Vielleicht ahnt man, Geschöpf das man doch ist, gerade hier, ob es nicht doch Nachhaltigkeit gibt, aber anders, als man es für möglich hielt. Ganz, ganz anders.


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