Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIV): Der Kollaps der Leistungsgesellschaft

24 11 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was haben sie nicht alles versprochen. Wer sich eine Angel kauft, hat immer Fisch. Wer drei Fische fängt, muss nur drei Tage in der Woche raus aufs Meer, einen kann man noch verkaufen, und dann ist irgendwann ein Motorboot drin. Oder eine Angel für den Knalldeppen von nebenan, der bald als Teilzeitkraft Fische fängt. Zwei Motorboote, Fangflotte, Fischfabrik, Aktiengesellschaft. Die Fischmafia. Auswürfeln, wer Papst wird. Vielleicht der Knalldepp von nebenan. Sie haben uns nur nicht versprochen, dass die Aktienkurse immer steigen und immer Gewinne machen, Gewinne, Gewinne. Leistung, haben sie uns versprochen, müsse sich lohnen, wieder, weil sie vorher dafür gesorgt hatten, äußerst gründlich, dass sich Leistung eben nicht mehr lohnt, und das ist auch so geblieben. Dass sie sich nicht mehr lohnt. So wenig wie je zu zuvor. Es gibt nur noch Leistungslose, denen es so gut geht, dass sie die Leistungsträger als Leistungsverweigerer verhöhnen können, ohne zu riskieren, dass man ihren Gesichtsschädel in einem Arbeitsgang einebnet. Wenn etwas längst den Kollaps vollzogen hat, dann jedenfalls die Leistungsgesellschaft.

Diktaturen waren der westlichen Welt immer schon fremd, hier demokratisiert der Chef noch selbst. Nicht einmal die Diktatur des Proletariats vermochte sich Sympathien zu erkämpfen, von den sozialistischen Auswüchsen der ungewaschenen Neidhammel ganz zu schweigen. Was sich aber als angeblich frei aufspielte, der in Parolen vor sich hin dümpelnde Arbeits- und Sozialmarkt, hat nicht mehr viel mit dem eigentlichen Gedanken zu tun. Die Bäcker werden vertröstet mit einem Modell, das sie mit Krumen nährt, die vom Herrentisch fallen, windschief zurechtgeschwiemelt von den Herrenmenschen in ihren Herrensesseln, die die Vollbeschäftigung propagieren, zum Ausgleich mit dem halben Lohn, weil sich die abstrakte Wirtschaft sonst die vielen Arbeiter gar nicht leisten könnte. Man lässt die Alimentierung sinken durch Schleifen des Sozialstaats und träumt herbei, dass davon die Gehälter schon steigen werden. Aber es gibt ja auch Leute, die fest darauf vertrauen, dass Beten bei Vollmond Hirnschäden heilt.

Die Tellerwäscher werden keine Millionäre mehr, und das liegt daran, dass sie längst von der kapitalistischen Wirtschaft ausgespuckt worden sind, der sie sich angedient haben. Man macht ihnen rechtzeitig klar, dass ihre Ersparnisse längst aufgebraucht sein werden, wenn es der nächsten Generation einfällt, den Laden zu übernehmen – sie werden bemerken, dass die Gesellschaft auf ihre Leistungsbereitschaft, die ihnen angeblich Tag für Tag abverlangt wird, pfeift, denn es steht schon der nächste Tellerwäscher in der Tür, wenn dem alten die Puste ausgeht. Sie sind, auch in ihrer Motivation und ihrer Attitüde, ersetzbar geworden, Callcenter- und Krankenhausarbeiter, Pflegekulis, Müllwerker und der andere Dreck, auf den die Pickelfressen aus dem Vorstand so gerne süffisant herabschauen, wohl wissend, dass sie ihrem Nachwuchs diese Ferienjobs nie zumuteten, schon dann nicht, käme man da mit der Unterschicht in Kontakt. Bäh.

Die Schädelvollprothesen aus dem Thinktank, sie schießen in die weiche Masse, fordern vor allem Eigenverantwortung von denen, die sich am Boden der Entwicklung befinden – als hätte der gemeine Mann die Sorge, sich ein Depot mit Risikokapital zu verstopfen, den falschen Chablis zu besorgen oder die Metalliclackierung eine Spur zu weit ins Vulgäre zu wählen. Wo immer sich noch Leistung lohnt, hier jedenfalls nicht, und wenn, dann nicht für den, der sie zeigt. Dass sich das doppelbödige Versprechen, die Anstrengung möge dem selbstgefälligen Betrachter die Taschen blähen, nie bis an die Basis durchgearbeitet hat, spricht vor allem für die tapfer alles ignorierende Mitläuferschwadron, die gezielt Hirnlappen plättet und auf das Bessere hofft, weil sei selbst das Gute nicht zu schaffen vermag. Aus der Idee wird allerhand Getöse geboren, manches davon hat leider überlebt, einiges unter Uniformzwang. Wir haben es in Erinnerung.

Bomben wir die Gesellschaft platt, aus den Trümmern lässt sich bestimmt eine neue Welt basteln, und das auch unter Berücksichtigung der vorhandenen Mittel. Wir, der Souverän, müssen ja nur wollen, und da wir uns grundsätzlich nicht über den Weg trauen, weil nur wir weiterarbeiten würden nach dem Lottogewinn, nicht aber der Nachbar, genau deshalb setzen wir auf die falschen Anreize. Gäbe es Lohn, Rentenpunkte oder eine gute Sachprämie dafür, dem nächsten liberalen Torfschädel eins auf die Mütze zu geben, was wäre diese Nation wieder aktiv. So aber, wo man uns ins Leere laufen lässt, befinden wir uns in einem Hamsterrad, produktiv, aber nutzlos. Warum sollten wir es nicht einmal mit einer Revolution versuchen. Das hatten wir doch noch nicht.


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