Gnadenlos

30 11 2017

„Bei einer Kohleausstiegsaufhebungsquote oder so, da hätten wir diskutieren müssen, aber so!? Bazis, das wollen wir doch nicht. Das müssen wir aus der Schusslinie räumen. Sonst geht diese Regierung genau so den Bach runter wie alle anderen davor!

Wenn wir als Christsoziale schon andere Parteien neben uns in einer Koalition dulden, dann müssen wir auch dafür Sorge tragen, dass wir die Zügel in der Hand behalten. Und da hat der Schmidt Christian alles richtig gemacht, verstehen Sie? Man kann nicht immer nachfragen, sonst ist es doch auch kein Alleingang mehr.

Also abgesprochen war es schon, nur mit Seehofer eben. Wir können nicht auch noch mit der SPD koordinieren, wo wir der Kanzlerin vors Knie treten. Das führt jetzt wirklich zu weit. Das läuft nicht mal als Sorge um Deutschland durch. Und das ist das Letzte, was wir gerade gebrauchen können.

Ein generelles Dieselfahrgebot außerhalb Bayerns, auf solche Ideen muss man erst mal kommen! Dafür braucht es die CSU! Wenn das die Sozen akzeptieren, dann sind sie einfach zu heiß gebadet, und wenn sie es nicht akzeptieren, dann läuft alles nach Plan. Wir brauchen hier eine Emser Depesche, sonst landen wir wieder in einer Konstellation, in der wir von Berlin aus regiert werden und nicht aus München. Das können wir uns nicht bieten lassen, damit wäre zumindest die nächste Landtagswahl vergeigt.

Das ist doch eine traumhafte Situation für den Schmidt Christian. Der hat eigentlich keine große Amtsbefugnis mehr, weil er seine politische Zukunft größtenteils hinter sich hat, fachlich hat er eh nichts zu melden, rausschmeißen kann man ihn nicht, es würde aber auch nichts bringen, weil der Schaden bereits entstanden ist, und jetzt warten alle gemeinsam, bis er vom Stuhl kippt. Also Seehofer ohne die Modelleisenbahn, wenn Sie so wollen. Und jetzt müssen Sie sich das mal praktisch vorstellen: der Schmidt Christian ist unsere absolute Allzweckwaffe. Mit dem kriegen Sie alles weg, was nach vernünftiger Regierungsarbeit aussieht. Und das ist derzeit eine Menge.

Den können Sie natürlich gegen das deutsche Reinheitsgebot einsetzen, aber jetzt stellen Sie sich mal vor, der fährt auf einmal dem Steinmeier in die Parade. Oder Gabriel, jedenfalls außenpolitisch. Also überall da, wo nicht Bayern ist, wir definieren die Außengrenze ja ein bisschen anders als der Rest des Landes. Jetzt stellen Sie sich mal vor, jemand wie der Schmidt Christian ruft bei der EU an und sagt zu denen: Buam, sagt er, seid‘s nicht bös, aber wir würden auch gerne raus. Bayxit oder so. Das ist nicht mit der Kanzlerin abgesprochen, welche Meinung sie da vertritt, dürfte auch klar sein, aber wenn das Vertrauen in die Bundesrepublik erst mal ordentlich angeknackt ist, was meinen Sie, was da in Brüssel passiert? Die werden sich alle auf den Bauch schmeißen vor dem Schmidt, in Wehklagen werden die ausbrechen, allesamt, und wenn sie uns dann richtig sauer sind, weil es nur Theaterdonner war, da wird Gabriel das ausbaden müssen, und wir sind fein raus.

Sie müssen ja wissen, der Mann ist eigentlich Experte für Außen- und Sicherheitspolitik. Der weiß, wie er sie aus dem Gleichgewicht bringt. Und das nutzen wir natürlich gnadenlos aus. Gnadenlos an die Macht – eigentlich ein Titel für einen guten Wahlkampfschlager, finden Sie nicht? Der ist so gut, damit könnte sogar der Söder Ministerpräsident werden. Dobrindt eher nicht, aber für Söder würde es reichen. Wahrscheinlich sogar für Aigner.

Im Verteidigungsministerium war der Schmidt Christian übrigens auch, und jetzt überlegen Sie sich mal, was man da theoretisch alles rausholen könnte. Diplomatische Verwicklungen, Irrungen und Wirrungen, und er ist als evangelischer Franke ins Kabinett gekommen. Der genießt derart viel Minderheitenschutz, den können Sie sogar auf Trump hetzen. Das ist immer ganz angenehm, wenn man sich die Leute zu verpflichten weiß. Man muss ihnen dann nicht immer alle Aufgaben diktieren, man gibt ihnen einmal kurz die Direktive, und dann drehen die Deppen durch. Wir haben den Schmidt dazu gebracht, die Grünen wegen des veganen Schnitzels anzupöbeln. Wahrscheinlich würde er auch in den Abendnachrichten erzählen, dass er sich nie die Füße wäscht, wenn man ihn nur deutlich genug an die Belange der Partei erinnert. Wir könnten ihn auch losschicken, dass er in der Öffentlichkeit behauptet, die SPD habe Lindner geschmiert, weil sie unbedingt in eine Koalition mit Merkel will. Dann kriegt er hinterher einen netten Aufsichtsratsposten oder wird in den Rundfunkrat entsorgt. Das muss ja auch nichts Schlechtes sein, wenn man so wie der Chef für die Landespolitik keine große Rolle mehr spielt.

Wie meinen Sie das, die SPD findet das klasse? weil eine geschäftsführende Regierung auf keinen Fall rechtlich bindende Entscheidungen für die Nachfolgerin trifft? Und die Sozen verlangen jetzt von der Kanzlerin, dass sie den Schmidt Christian kurz vor dem Ende noch zum Rücktritt drängt, was er aber nicht tun wird, weil er sonst ein Problem mit der Partei bekommt, und wenn sie es nicht tut, dann verlangen sie eine Kompensation von ihr? Am Ende noch auf Kosten der Christsozialen? Weil das den Preis nach oben treibt? Kann ich das mit den Grünen noch mal sehen!?“