Süßer die Glocken…

20 12 2017

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

möglicherweise bin ich ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber sah es in jedem Jahr so aus in meiner Behausung? Auf der Anrichte: Zimtsterne, auf dem Schreibtisch: Mandeln in Zartbitterschokolade, auf dem Teewagen: Spekulatius, auf dem Stutzflügel: Scarlatti, Händel, etwas Bach sowie Stollenkonfekt. Wohlverwahrt in der Küche lagern in Blechdosen Spritzgebäck und Mürbchen mit Zitrone, daneben Dominosteine und Lebkuchen. Ächzend schiebe ich mir eine Nuss im Nougatmantel in den Mund, nippe am Tee und bedenke, dass ja noch ein halbes Früchtebrot auf dem Tischchen liegt. Sie haben sich verabredet, ach was: verschworen haben sie sich, dass es wie ein Unfall aussieht. Am Zuckerschock werde ich das Zeitliche segnen. Sie haben in einem konzertierten Anfall die Süßigkeiten eines ganzen Landstrichs vor meiner Tür abgeladen, und das mit der denkbar unglaublichsten Ausrede. Sie machen eine Diät. Alle. Jetzt. Jetzt!?

Vermutlich haben sie alle simultan schecht geträumt, eine Personenwaage von oben gesehen oder eine Apothekenzeitschrift in die Finger bekommen. Normal ist das nicht. Wer würde sich so kurz vor dem Fest der Feste selbstverantwortlich kasteien? Ist doch schon der Advent als Fastenzeit aus der Mode gekommen, als reine Fressübung mit anschließendem Kampf gegen die Kalorien. Alles turnt und büßt und hungert, die guten Vorsätze im Hinterkopf, vor der Nase aber die erklecklichen Reste der vergangenen Weihnacht. Dickens, und der Name hat damit rein gar nichts zu tun, schickt sein Geister mit gemästeten Truthähnen, stattlichen Gänseleberpasteten und Bauernenten durch die Luft – das liegt schwer im Magen, weshalb die Träume in der Heiligen Nacht manchmal etwas abstrakt scheinen. Dazu also haben sie sich verabredet. Ich kaue unter Protest Aachener Printen.

Hildegard hat natürlich nichts damit zu tun. Sie isst ohnehin nichts mehr von dem, was ich ihr vorsetze, hat seit ihrem letzten Auszug deutlich an Masse abgenommen, was daran liegt, dass sie auch das, was sie selbst zubereitet, nicht mehr essen mag, und wird seitdem störrisch als flüchtiger Tischgast bei diesen und auch jenen Verwandten gesichtet, bei Tante Elsbeth zum Beispiel (unten mehr), als nörgelnder Tischgast, der sich nicht um den Appetit der anderen schert, solange er ihn nach Kräften verderben kann. Sie gönnt sich ja sonst nichts.

Sie also hatte angefangen, bereits im Herbst nach ihrer raschen Versetzung ins humanistische Gymnasium, und böse Zungen – in Madeira sollen die angeblich ganz passabel sein, aber wer rudert schon eigens nach Portugal dafür – wollten wissen, sie äße aus Prinzip nichts mehr, um stets eine standesgemäß schlechte Laune an den Tag legen zu können. Zuzutrauen wäre es ihr. Da wir uns nun seltener sehen – sie ruft nur noch einmal in der Woche an und teilt mir mit, dass sie das eine oder andere Buch, eine Handtasche, ein Tuch, noch eine Handtasche und jede Menge anderes Zeug unter meinem Sofa habe liegen lassen – ist das schwer zu kontrollieren. Was soll ich sagen: ich habe mich an den Gedanken gewöhnt. Man kriegt es mit Konfekt in den Griff. Mit viel Konfekt.

À propos Konfekt. Anne hat mir eine virtuelle Abfuhr erteilt und die festübliche Menge belgischer Schokolade bereits vor dem Überreichen in aller Form abgelehnt. So sitze ich denn auf einem Kilo Meeresfrüchten, die sie möglicherweise nach einer angemessenen Frist gemäß §635 BGB als die ihr zustehende Nacherfüllung wieder in Anspruch nehmen, wenngleich der Paragraf die Weigerung offenlässt, wenn sie nur mit unverhältnismäßigen Kosten möglich ist. Sie wird sich nicht auf einen Herausgabeanspruch gemäß §985 berufen können, solange die Süßigkeiten noch in meinem Eigentum sind. Ich weiß, wer da auszuschließen wäre. Luzie, die seit eh und je die Kekse über den Tresen der Kanzlei schiebt, hätte sofort etwas gesagt, ist aber aus anderen Gründen am Essen gehindert; sie hat allerhand Ernährungsgewohnheiten ausprobiert, vegan und Steinzeit und frugivor und schließlich eine Melonendiät – man darf alles essen, nur keine Melonen – und stellt immer noch keinen Unterschied fest. Staatsanwalt a.D. Husenkirchen kann es nicht sein, der alte Herr schaut nur noch selten in die Kanzlei und zweifelt an dem, was er sieht. Anne vollführt zwischen zwei Mandanten Kopfstand und den heulenden Sonnenhund, oder wie jene Übung heißt, bei der man sich die Bandscheiben einzelb auskugelt.

Neulich hat Sofia Asgatowna, die ehemalige Raumpflegerin, bei überraschend zuckerlosem Tee verraten, dass es wegen der kleinen Tütchen und des obligaten Gebäcks zum Kaffee einen kleinen Aufstand gegeben hatte. Minnichkeit, genau der, hatte wegen einer Steuersache ihres Rates bedurft; statt sich aber vor einer empfindlichen Buße zu fürchten, schimpfte er die halbe Kanzlei zusammen, dergestalt, dass Luzie ihm diskret den Ausgang zeigen musste. So viel Lärm amcht man sonst nur um einen Eierkuchen.

Wie gesagt, Tante Elsbeth. Sie ist nicht nur schwerhörig und wird enorm schnell laut, sie hat auch ihr blendendes Gedächtnis behalten. Keine ihrer zahlreichen Marotten ist ihr seit dem letzten Jahr entfallen, und zum 99. hat sie ihre Mahlzeiten ein bisschen verändert. Die Kleinigkeiten, die sie zu speisen pflegt, werden immer kleiner, dafür um so exquisiter. Der von ihr vor mehreren Monaten aus guter Quelle (muss ich sagen, von wem?) besorgte Vorrat an Wurstkonserven lagerte nun geraume Zeit in ihrem Keller, bis sie sich ermannte und das ganze Zeug per Express an meine Anschrift schickte. Müßig zu sagen, dass ich vor lauter Plätzchen erst einmal nicht in die Verlegenheit kommen werde, kriegsfeste Fleischwaren zu verbrauchen, aber sollte es in absehbarer Zeit einen Vulkanausbruch samt anschließender Inflation geben, ich bin in Sicherheit.

Wer übrigens gemeint hätte, Doktor Klengel hätte den Schlankheits- und Entschlackungswahn zu verantworten, der irrt. Nichts läge ihm ferner. Auf den Malerreisen im Rheinischen neigt er zu deftiger Kost, ab und an freilich auch auch mit dem ihm eigenen Appetit auf Muscheln. Jeden Versuch, ihn am Wurstkonserveninferno zu beteiligen, hat der ehemalige Allgemeinarzt höflich, aber doch sehr resolut zurückgewiesen. Was soll man da noch machen. Ich strecke meine Waffen.

Kester muss sich nicht mehr um Diäten kümmern, er ist mit allerhand Spinvektoren beschäftigt, habilitiert fröhlich vor sich hin und kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, sich mit Plätzchen zu beschäftigen. Vermutlich wird er seine nächste warme Mahlzeit beim Nobelpreis-Bankett einnehmen.

Sigunes Therapeut hat ihr ajurvedische Heilkost nahegelegt. Seitdem detoxt sie in einem fort, knurpst Achtsamkeitsmüesli mit repressionsfrei in Informationswasser getränkten Wildbeeren, die in der Jutetasche vom Eine-Welt-Markt neben dem Parkhochhaus in die erste Etage getragen werden, und als Vata-Pitta-Mischtypen mit ungezügeltem Verdauungsfeuer bevorzugen sie beide eine Art Knoblauch-mit-Knoblauch-Ernährung, die als Zusatz nur noch Zwiebeln und grüne Blätter mit bitterem Geschmack zulässt. Wer den Quell aus Lebensfreude und innerer Gelassenheit, strömender Liebe von universellem Ausmaß und einer großen Harmonie mit dem eigenen Wohlbefinden sucht, geht bitte woanders hin, hier ist es nicht. Sie sehen nicht so aus, als wären sie glücklich. Das mag wohl täuschen, aber ich habe beschlossen, es nicht zu hinterfragen. Vielleicht stecke ich ihnen eine Packung Schokoladentäfelchen in den Briefkasten und lausche dem mutmaßlich lautstarken Disput, der ob dieser zuckersatten Versuchung vom Zaun brechen wird. Der Mensch lebt ja nicht von Früchtebrot allein.

Was mir die beiden Brüder aus dem legendären Landgasthof sofort bestätigen werden. Hansi, der jüngere und seines Zeichens Servicechef, hat dem älteren Bruno, dem Fürsten Bückler einmal, will sagen: ein einziges Mal das Thema Wellnessküche näherzubringen versucht. Einmal. Petermann, Entremetier und die rechte Hand des Küchenzauberers, hatte das Frittieren des Kellners in Aussicht gestellt, der Rest der Brigade das Menü in Gefahr gesehen und Bruno den Appetit der Gäste. Ich möchte mir das nicht einmal vorstellen müssen, vor allem nicht, wenn aus der Reserve noch ein 1995-er Wupperburger Brüllaffe nebst 1993-er Gurbesheimer Knarrtreppchen kredenzt werden. Wie das zu Salatblatt an Magerquark passt, erschließt sich mir nicht spontan, und ich mag mir nicht von einem Körperfettbeauftragten die Kalorien auf die Rippen zählen lassen. Wir werden am Weihnachtstag wie alle Jahre zuvor in den Landgasthof einkehren. Die Vorfreude nimmt zu.

(Was macht man eigentlich, wenn man ohnehin von Lichtnahrung lebt? Schrauben die Leute sich Energiesparbirnen in die Weihnachtsbeleuchtung? Meine Sorgen möchte ich haben.)

Herr Breschke! Wie konnte ich den rüstigen Pensionär bloß vergessen!? Ja, er war der Mann der tausend Wurstdosen – ich neige bisweilen zum Understatement, immer noch besser als zur Übertreibung – wobei er sie, wie zu erwarten war, als Schnäppchen von seiner Tochter bekommen hat. Bei Mengenrabatten jeglicher Art trübt sich das Denken des ehemaligen Finanzbeamten kurz ein, bevor er Dummheiten macht. Die erste Lieferung war für die Gattin bereits mit größerem Aufwand verbunden gewesen, sie musste auf die Schnelle den Flur freiräumen, um den Inhalt eines kleinen Transporters auf dem Boden zu verstauen. Horst Breschke war (rechtzeitig? das stünde noch zur Debatte) mit Bismarck, jenem treuen Dackel, in die Uhlandstraße spaziert, er kam erst nach Einbruch dieser Bescherung zurück und fand seine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Es handelte sich, wir müssen das nochmals erwähnen, um die erste Teillieferung schnittfester Fleischzubereitung, die sich durch passablen Geschmack auszeichnete – dass Bismarck die Lyoner verschmähte, mag an seiner Gewöhnung an Tierfutter gelegen haben, man weiß es nicht – und durch eine Haltbarkeit, mit deren Hilfe sich Weltuntergänge plötzlich nicht mehr ganz so katastrophal ausnahmen. Der Plan, elf Zwölftel direkt an Verschwörungstheoretiker liefern zu lassen, scheiterte an Kleinigkeiten großer Zahl. Möglich, dass Herr Breschke seinereits ihnen nicht ganz geheuer schien. Der einheitliche Aufdruck auf den Weißblechbehältnissen führte zu folgendem Rechenexempel: bei gleichbleibendem Verbrauch würde die Menge bis zum Alter von 139 Jahren reichen, und das für beide. Um nun aber in diese biblischen Bereiche vorzustoßen, hat sich Herr Breschke nun entschlossen, seine Ernährung auf mehr Pflanzenkost umzustellen und die Wurst als einzigen Fleischanteil zu belassen. Praktisch hat sich nicht viel verändert, Breschkes speisen wie ehedem. Zusätzlich, sie wollen ihr Haus ja in absehbarer Zeit wieder für sich selbst haben, eine Dose Wurst pro Mann und pro Tag. Es hält Leib und Seele zusammen, und wozu will man ohne diese ein gesegnetes Alter erreichen. Der Mensch lebt ja nicht von Brot allein.

Nur einer wird wieder fehlen, wie alle Jahre. Siebels, die graue Eminenz der deutschen TV-Unterhaltung. Rechtzeitig zum Fest steigt er in den Flieger, lässt sich irgendwo in die Karibik hieven und dreht im Eilverfahren fünfundzwanzig Folgen Schicksalsklinik der Träume ab, was einem Haufen Statisten ihr Weihnachtsgeld sichert und dem Vorabendprogramm seinen miserablen Ruf. Gut, dass ich das nicht mehr sehe. Irgendeine Form der Enthaltsamkeit braucht man, und ich kann nicht sagen, dass ich dadurch etwas vermisse.

Es bleibt der von mir geschätzte Kollege, der am Freitag seinen Zorn ungezügelt in die Welt schreibt. Gernulf Olzheimer hat sein Honorar noch nie erhöht, nicht einmal gebeten darum, geschweige denn Verhandlungen angemahnt. Diese schlanke, inzwischen durchaus hagere Gestalt kommt nicht von ungefähr, ich vermute, dass er sein Geld lieber für geistige Nahrung ausgibt, statt am gedeckten Tisch zu sitzen. Solange er voller Schaffenskraft die Feder schwingt und zwecks seelischer Balance die Äxte, solange bin ich guten Mutes, dass er weiter in meinem kleinen literarischen Salon bleibt, aus freien Stücken und mit dem Anspruch, diese Welt ein kleines bisschen weniger dumm zu hinterlassen, als er sie betreten hat. Seien wir gespannt.

Jetzt also werde ich, Buchhalter meiner eigenen Produktion, den Ausstoß des vergangenen Jahres in Klarsichthüllen stecken, im Archiv einen weiteren Jahrgang abschließen und mit etwas Distanz, die man zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zeitläuften gewinnt, eine Betrachtung nach hinten werfen, aus der ich die Perspektiven für eine neue Zeit gewinnen möchte. Manches hat sich in den vergangenen Monaten geändert, einiges zum Guten, doch eben nicht alles. Leben heißt loslassen. Es bringt einem keiner das bei. Nun also nehme ich nach gewohnter Art einige Tage Weihnachtspause, und am Mittwoch, den 3. Januar 2018, geht es dann weiter. Wie bisher.

Allen Leserinnen und Lesern, die dies Blog fast oder fast ganz immer und regelmäßiger als unregelmäßig oder doch nur manchmal oder aus Versehen gelesen, kommentiert oder weiterempfohlen haben, danke ich für ihre Treue und Aufmerksamkeit und wünsche, je nach Gusto, ein fröhliches, turbulentes, besinnliches, heiteres, genüssliches, entspanntes, friedvolles und ansonsten schönes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches Neues Jahr.

Beste Grüße und Aufwiederlesen

bee

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Noch höhere Gewalt

19 12 2017

„… nicht zurückfordern wolle, obwohl der Konzern offensichtlich Steuern hinterzogen habe. Dies diene der Rechtssicherheit in der Europäischen…“

„… das Tempolimit zwar offiziell beibehalte, bei Kontrollen jedoch eine individuell mit den jeweiligen Verkehrsteilnehmern auszuhandelnde Lösung als Win-Win-Situation für die…“

„… als Wirtschaftsspionage bezeichnet werden könne. Die strafrechtliche Relevanz ergebe ich aber erst bei der Feststellung, welche Nationen an der aufgedeckten Handlung…“

„… müsse für eine juristischen Beurteilung der Einzelfälle erst nachgewiesen werden, ob es sich beim Vermeiden von Steuerzahlungen tatsächlich um einen wirtschaftlichen Vorteil für die…“

„… viele multinationale Konzerne ihre Niederlassungen aus der EU abzögen, wenn sie gezwungen würden, sich an die rechtlichen…“

„… nicht einseitig betrachtet werden dürfe. Sollte sich für Luxemburg oder Irland ein Vorteil aus der Vermeidungspraxis ergeben, so sei es nicht gerecht, dafür die Verantwortung und den rechtswidrigen Vorteil bei Unternehmen wie…“

„… seien Steuerzahlungen auch mit enormen Kosten verbunden. Eine wirtschaftsfreundliche Politik müsse dieser Entwicklung Sorge tragen und so zur Stabilisierung des…“

„… die Umweltgesetzgebung der einzelnen Staaten auch dadurch erleichtern könne, dass nicht umweltverträgliche Dieselfahrzeuge durch eine Ummeldung in einen anderen EU-Staat schnell und ohne bürokratischen…“

„… dass die Vorteile einer flexiblen Steuervermeidungspolitik auch nach dem Brexit weiter verfolgt würde. Dies diene nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs einer vertieften Integration der verbleibenden…“

„… wolle Luxemburg als führende Steueroase der EU Maßstäbe setzen, die der Gesamtentwicklung der Rahmenbedingungen der G20-Staaten einen guten…“

„… die Drogenpolitik der einzelnen Staaten nicht angetastet werde, da sie mutmaßlich nicht zur Stabilisierung der wirtschaftlichen…“

„… müsse die Netzneutralität EU-weit verteidigt werden. Luxemburg werde als erster Staat die volle Souveränität der Netzanbieter für den sozialverträglichen Ausstieg aus der…“

„… stelle aber nicht in Frage, dass Steuerhinterziehung weiterhin als schwere Straftat anzusehen sei, die mit der vollen Härte des…“

„… mehr unternehmerische Freiheit gewähre. So wolle man in einem Pilotversuch eruieren, wie viel Steuern die Konzerne freiwillig an die Finanzverwaltungen der jeweiligen…“

„… in Italien zu einer Panne geführt habe. Der Fiskus habe 100 Millionen Euro gefordert, die nach einem Gerichtsurteil auch versehentlich an den…“

„… Rückforderungen für Steuerschulden aus den USA nicht verrechnet werden könnten. Juncker habe dies sehr bedauert, werde aber zeitnah mit den transatlantischen Finanzpartnern die fiskalische…“

„… könne sich vorstellen, dass Steuerschulden eher in den Privathaushalten eingetrieben würden, da es viel mehr Angehörige der Mittelschicht als Großkonzerne in der…“

„… auch Cum-Ex-Geschäfte nur noch da erlauben wolle, wo diese bisher strafrechtlich zu beanstanden seien. Dies diene der Vereinheitlichung der europäischen…“

„… müsse die EU auch darauf vertrauen können, dass sich die Mitgliedsstaaten nicht als noch höhere Gewalt dem…“

„… die italienische Justiz durchaus als Vorbild ansehe, da sie wirtschaftsfreundliche Züge trage, die fiskalisch relevanten Teile aber lieber in…“

„… einen Teil der Steuerschulden eintreiben wolle, indem die Angestellten von Amazon oder Starbucks mit verstärktem Fahndungsdruck auf die aktuellen…“

„… auch die deutsche Verwaltung einbeziehen wolle. Der Deutsche Bundestag habe sich dafür stark gemacht, die Parteieinfinanzierung zum Vorbild für alle anderen…“

„… nicht nur Steuervergünstigungen für die Angestellten auf den Prüfstand stellen wolle. Man müsse auch nachdenken, ob Steuersenkungen für die Mittelschicht grundsätzlich schädlich seien, da von ihnen keine Wachstumsimpulse für die Reichen und die international…“

„… sich die lokalen Wirtschaftsbetriebe durch Quersubventionierung der Konzernsteuern auf sehr soziale Weise beteiligen könnten, Arbeitsplätze im Ausland zu sichern und damit die Globalisierung in positiver…“

„… keine Extrawurst gewähre. Es sei nicht richtig, dass Steuerhinterziehung grundsätzlich nicht verfolgt würde, die Mitgliedsländer besäßen lediglich die volle Souveränität bei der Durchsetzung ihrer rechtlichen…“

„… gegen Steuerflucht sei. Das Ziel der EU-Politik sei dabei allerdings vorrangig, eine Steuerhinterziehungsflucht zu…“

„… dass der massive Personalabbau in der Steuerfahndung jedoch in keinem kausalen Zusammenhang stehe mit den Entwicklungen auf dem Binnenmarkt in der…“

„… keine branchenspezifischen Lösungen anbiete. Zwar wolle Luxemburg auch keine Rüstungskonzerne, Geldwäscheorganisationen oder mafiöse Strukturen aktiv an den Standort locken, es gebe andererseits auch keine Bestrebungen, Gelder dieser Wirtschaftszweige aus dem BIP zu…“

„… für Abgabentransparenz sorgen wolle. Die EU-Staaten seien bestrebt, allen Konzernen die genaue Summe ihrer zu leistenden Steuerschuld schriftlich zum jeweiligen…“

„… die Ansiedlung dieser Wirtschaftsbetriebe letztlich immer der Allgemeinheit diene, da sie durch Steuern und Abgaben für eine Stärkung des sozialen und…“





Die schönste Zeit des Jahres

18 12 2017

„Kontinentales Frühstücksbüfett mit Extras, alle Zimmer mit Wannenbad und Kabelfernsehen, voll klimatisiert, Whirlpool, Wellnessbereich, Fitness, Schwimmbad, natürlich beheizt, das kriegen Sie ja mittlerweile überall auf der Welt. Teilweise sind wir hier in Deutschland ja auch schon ganz gut darin. Deshalb muss ich das ja nicht auch noch anbieten.

Die Leute wollen sich etwas gönnen, die wollen etwas erleben, neue Erfahrungen machen, da sind wir ganz vorne auf dem Markt. Der Tourismus ist ein verlässliches Geschäft, man muss ihn nur immer wieder neu erfinden, und das ist ja das Schöne daran: keine Herausforderung unserer Zeit bleibt ohne eine angemessene Antwort. Wir haben unser Konzept gefunden, und jetzt kommen die Kunden.

Katastrophengebiete? Ich bitte Sie! Das Geschäft hat sich sozusagen von selbst erledigt. Früher hätte man noch Reisegruppen nach Japan schicken können, wegen Erdbebengrusel. Aber die fliegen heute einfach mal für eine Woche nach Tokio, all inclusive, Sushi, Geisha, Sony, und wenn’s ruckelt, kümmert es keine Sau. Da muss schon ein anderes Kaliber her. Erdrutsch in Nepal, das hätte man groß aufziehen können, aber nur wegen Nepal. Die Einwohner sind eh arm, das gibt uns Europäern so ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit – Sie kennen das vielleicht von Afrika her, da brauchen die Leute keine Heizkosten zu bezahlen, können sich aber trotzdem keine warme Mahlzeit am Tag leisten. Das ist total doof, wenn plötzlich in Italien die Hänge abbrechen. Wer fährt denn nach Nepal, wenn er in Norditalien sehen kann, wie der Klimawandel uns plattmacht? Der Katastrophentourismus ist kein Geschäftsmodell für die Zukunft, das kann ich Ihnen schon mal verraten. Und wenn jetzt alle Leute auf der A7 ihr Handy dabei haben und filmen, wie ein Tanklaster ins Stauende brettert, dann wird auch keiner mehr nach Italien fahren. Zu wenig Action. Schockt einfach nicht mehr. Nein, Katastrophentourismus ist out. Wir sind auf Reisen in totalitäre Staaten gekommen.

Ach, Ägypten… das ist doch lächerlich, da beherrschen ein paar Islamisten an irgendeiner Regierung vorbei das Land, und wenn Sie an der Hotelbar zum Frühstück Schnaps bestellen, fragt Sie der Kellner, wie viel Sie wollen. Nordkorea, das ist unsere Preisklasse. Da gehen Sie aus dem Hotel raus, natürlich unter Aufsicht der Regierung, und stellen fest: überall Diktatur. Kein Auto aus diesem Jahrtausend zu sehen, nur große Plakate mit dicken Männern, die den Fortschritt verkünden. Keiner will mit Ihnen sprechen, weil Sie Ausländer sind. Zum Frühstück gibt es trockenen Reis, dünnen Tee und Kohl mit historischem Seltenheitswert. Und die Nachrichtensprecherin verkündet wie eine Walküre, dass die neuen Atomwaffen Ihre Heimat wegpusten, wenn es dem Führer gefällt.

Was meinen Sie, was wir für einen Zulauf kriegen aus den neuen Bundesländern! Die haben ja noch genügend Erfahrung aus der DDR, und dann kommen die Jüngeren, die wollen erst noch einen faschistischen Staat aufbauen und können hier schon einmal die Fassade sehen. Sehen Sie das als Hindernis? Also ich nicht. Wer einen faschistischen Staat mit aufbauen will, wird immer nur Fassaden sehen, bis es zu spät ist. Und das hat nichts mit Nachdenken zu tun. Wer denken kann, baut keinen faschistischen Staat auf.

Allein die Militärparaden! Wir hatten neulich einen älteren Herrn aus Sachsen-Anhalt, der hat uns angerufen, mit tränenerstickter Stimme hat der uns erzählt, was er erlebt hat. Die Fahnen und der Stechschritt und die vielen, vielen Raketen, denen man ansah, dass das alles Schrott ist. Der war so gerührt, er hat sich gefühlt wie damals in Rumänien unter Ceaușescu. Träumchen! Und für die anderen, also die Fraktion, die eigentlich gerne so richtig stramm rechts wären, aber aus Karrieregründen aufs Grundgesetz schielen müssen, denen sagen Sie: Sicherheit. Sie sind nirgends so sicher wie in einem totalitären Staat. Sie verleben dort die schönste Zeit des Jahres, abgeschirmt von den politischen und sozialen Spannungen, die Sie schon zu Hause nicht mehr sehen können, Sie haben jederzeit einen Aufpasser, der sich auf Schritt und Tritt um Sie kümmert, nehmen aber nicht als Überwachung wahr, weil Sie den Mann ja sehen. Außerdem verstehen Sie kein Wort von dem, was er sagt, es hört sich aber wichtig an. Also alles total klasse.

Natürlich betreiben solche Länder Waffenhandel und sind in internationale Konflikte verwickelt. Dann dürften Sie allerdings auch nicht mehr in die USA fliegen. Oder in Deutschland wohnen. Und das System wird auch nicht durch Tourismus am Leben erhalten. Wenn Sie davor Angst haben, sollten Sie auch nicht nach Ägypten fahren, weil Sie sonst den Islamischen Staat mitfinanzieren. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber Sie wollen doch das echte Abenteuer, oder? den Thrill, dass Sie die Reise unbeschadet überstehen und dabei richtig Spaß gehabt haben? Das ist unsere Marktlücke. Da geht die Reise hin, vertrauen Sie mir. Und was meinen Sie, was wir für ein Geschäft machen, wenn wir erst die Türkei mit im Programm haben!“





Murkelmanns Erlebnisse (IX)

17 12 2017

Roter Mantel, Umhangbart,
so macht er sich auf die Fahrt,
denn in diesem Jahr ist dran
Murkelmann als Weihnachtsmann.

Zeigt mit dem Geschenksack prall
Festtagsfreude überall,
Nichten, Neffen, jedes Kind
guckt, wo die Präsente sind.

Schließlich kräht der Patensohn:
„Murkelmann, ich kenn Dich schon!“
Stiefel hat er nicht geputzt.
Ach, wenn’s dem Vertrauen nutzt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXXIII)

16 12 2017

Iveta fand in Böhmisch Wiesen
die Feldblumen vielfach zum Niesen.
Mit Rosenbuketten
ist manches zu retten,
doch niemals mit Sträußen aus diesen.

Charif, der bezeugte in Niha,
dass er jene Dame noch nie sah,
die ihn vor Gericht zog,
wo er ein Gesicht zog
und sagte, dass er dort noch nie war.

Es sprach Pater Petr in Ehmet:
„Wenn Ihr Euch beim Beten benehmet,
so wollet wohl wissen
als ein Ruhekissen,
dass Ihr in den Himmel auch kämet.“

Wer Gordon sieht, der in The Crane
oft Seil springt, der sieht nicht nur den,
er sieht auch die Menge
um ihn, das Gedränge
ist eigentlich das Phänomen.

Es grummelt Alžběta in Amplatz.
Sie sucht beim Besteigen der Tram Platz,
und ist ob des Alten
doch sehr ungehalten,
denn der sitzt dort auf ihrem Stammplatz

Enrique bezahlt in Dos Erres
für Spuren des großen Gescherres,
die das auf dem Hof macht.
Der Wirt sprach: „Wenn’s doof macht,
das Hofareal – na, dann sperr es!“

Klagt Mojmír beim Schneiden in Chunzen,
dann handelt es sich meist um Punzen
in winzigen Lettern.
Man hört ihn oft wettern,
er fürchtet sie dann zu verhunzen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCVII): Mit Rechten reden

15 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit Rechten reden. Was für eine unsinnige, was für eine sinnlose, absurde, aberwitzige, blöd- bis vollständig stumpfsinnige Aktion. Von Idioten für Idioten. Das fasst man kurz an und weiß: erstes Stück Scheiße heute in der Hand. Mit Rechten reden. Als gäbe es keinen Hunger in der ersten Schicht. Keine Mangelernährungssyndrome, keine Ödeme, kein Knurren. Die Offiziere hätten es als Demütigung empfunden, hätte man unter ihnen einen so behandelt, wie man ihn eben empfunden hätte. Dieser Rückschlag wäre verheerend gewesen.

Mit Rechten reden. Klüger wäre es, unter Wasser auszuatmen. Eine Betonwand anzubrüllen. Rasen anzumaulen. Kies. Streusand. Es in einen Sack zu sprechen und ihn an die Kellertreppe zu lehnen. An die Wand zu nageln. Von der Brücke zu schmeißen, auf die Autobahn, aufs Rollfeld, in die Gemengelage, ins Kabinett, in die Produktion, in den Spielraum, den ihm die Wirtschaft lässt. Man kann das auf die Straße malen, und sie stiefeln doch darüber hinweg. Man kann es auf Wände malen und auf andere Wände sprühen. Auf Bürgersteigen in Form von Hüpfkästchen bannen, fotografieren in der ephemeren Form vor dem Eintreffen von Regen oder Straßenreinigung, nachempfinden als Ballett oder Bürgerkrieg oder beides, nacheinander oder simultan, mit verklebten Mündern von Paketband, Mullkompressen, Kunststofffolie, Sprühpflaster und dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Letzteres ist in Insiderkreisen wenigstens dem Namen nach bekannt.

Mit Rechten reden. Das ist, als würde man mit dem Krebs diskutieren, um ihm sein soziales Stigma zu nehmen, damit sein Image wieder besser wird und er die Hipness von Laktoseintoleranz bekommt. Als würde man ihm helfen, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln, die Angst vor sich selbst zu verlieren, sich selbstsicherer zu fühlen, ganz anders in der Gesellschaft aufzutreten, auch mal die eigenen (hahaha!) Rechte einzufordern, sich nicht kleinmachen zu lassen, wieder ein positives Bild zu gewinnen. Als würde man ihm helfen, mit der lästigen Vergangenheit als Scheißkrankheit Schluss zu machen, als Schreckbild, gegen das man sich mit Klugheit und etwas Vernunft schützen kann, mit einem kleinen bisschen Reflexion, was man tut und was man denkt. Als würde man den Krebs adeln mit der Vision, einer von uns zu sein.

Mit Rechten reden. Als würde man sich diese elend verschwiemelte Mixtur aus grölendem Stolz und peinlicher Wehleidigkeit nicht schon als stinkendes Gerinnsel aus dem Gehörgängen popeln, als würde man diese verquaste, verlogene, mit Mystik, Mytho- und Egopornografie vermatschte Braunsuppe nicht schon beim Anblick stinken hören, weil der Sud langsam vor sich hinköchelt und nicht besser wird, wenn Generation für Generation geistig minderbemittelte Arschlöcher, rückgratlose Karrieristen, Minderleister und Pleitiers, Verstörungstheoretiker und andere Fachkräfte für angewandte Soziopathie ihre schwieligen Mauken in den Kessel stecken. Als würde man diese ausgekauten Worthülsen, die aus Sperrholz gehämmerten Argumentationsversuche, das luftdichte Verschließen vor der Wirklichkeit in einer sektenähnlichen Stereotypie nicht rückwärts mitsingen können, weil sich seit dem Bettnässer aus Braunau und seinen völkischen Vollspaten nichts geändert hat. Scheiße bleibt Scheiße, in welcher Verpackung auch immer.

Mit Rechten reden. Weil dieser intellektuelle Sondermüll, die von jeder Sachkenntnis ungetrübte Wortkotze, die Denkschwäche dahinter und die elende Borniertheit, als sei der deutsche Analphabet aus besserem genetischen Material geklöppelt als sein nigerianischer Bewährungshelfer, noch mehr Aufmerksamkeit braucht und noch lange nicht so salonfähig ist, wie das die Drahtzieher wüschen. Von den winselnden Würstchen auf der Straße lässt man sich Wutausbrüche auf die Bundeskanzlerin vortanzen, weil sie das Wetter schlechter gemacht hat, weil die Araber uns die Luft wegatmen und durch die nicht vorhandenen Ausländer weniger deutsche Frauen von echten Deutschen vergewaltigt werden. In dieser Realitätsersatzflüssigkeit köchelt das Großhirn langsam schnittfest, wichtige Areale gehen unter, die vegetativen Schaltkreise bleiben über, mit denen man jeden Rotz nachlallt, der einen auf der Straße angefallen hat, stumpfe Parolen für dumpfe Knalltüten nachjodelt und auf Menschen einprügelt, die man nicht kennt. Das kann weg.

Mit Rechten reden. Als hätten wir nicht schon genug Probleme, holen wir uns diesen Sott, den Nationalstolz als Auszeichnung, Auswurf im Schädel zu tragen statt des üblichen Strohs, in den Diskurs der bürgerlichen Gesellschaft, das Geplärr der Horden, mit denen der Aufgeklärte nichts zu tun haben will. Mit Rechten redet man nicht. Man schmeißt dieses Pack raus und lässt es in dem Rinnstein, aus dem es gekrochen kam. Das ist sein Schoß, nichts anderes. Mit Rechten reden? Niemals. Die können uns mal hakenkreuzweise.





Kokolores

14 12 2017

„Alles raus?“ „Alles.“ „Wir können uns darauf verlassen?“ „Freilich.“ „Können wir uns denn dann auch wirklich auf einen…“ „Also jetzt hören Sie mal, wie sollen wir denn Koalitionsverhandlungen führen, wenn Sie uns nicht schon hier vertrauen?“

„Der Punkt ist doch, dass wir Ihnen nicht generell Misstrauen entgegenbringen wollen.“ „Genau das tun Sie doch gerade.“ „Wir wollen doch keine Streitpunkte in eine Verhandlung einbringen.“ „Die letzten Verhandlungen sind gescheitert, obwohl wir gar keine Streitpunkte hatten.“ „Sehen Sie? Müssen wir das provozieren?“ „Die Menschen draußen im Land wollen eine stabile Regierung.“ „Menschenskinder, Sie rufen doch selbst auf jedem Parteitag und bei jedem Streit zur Geschlossenheit auf!“ „Ja, aber parteiintern.“ „Und wenn wir das als Koalition auch versuchen würden?“ „Das nimmt uns am Ende wieder keiner ab.“ „Wieso nicht?“ „Die letzte Koalition hat uns doch auch keiner abgenommen.“

„Dann sagen Sie doch mal, Kohle?“ „Nein.“ „Wir haben aber doch…“ „Nein!“ „Die Wirtschaft ist sich darüber im Klaren, dass…“ „Das ist mit uns nicht zu machen! Wir werden darüber nicht reden!“ „Also ist noch nicht klar, dass Sie die Kohle als Energieträger mittel- bis langfristig weiter fördern wollen?“ „Wir haben uns noch nicht entschieden, das wird ganz demokratisch auf einem Votum der Parteibasis geschehen, und dann legen wir das dem Parteivorstand vor, und dann sehen wir weiter. Aber wir werden darüber vorerst nicht diskutieren.“ „Aus Angst.“ „Weil Deutschland eine stabile Regierung braucht, und wir wollen uns nicht verschließen.“ „Das heißt also, dass Sie den Schwanz einkneifen und die Sache einfach so weiterlaufen lassen, wenn Sie nicht mehr wissen, wie Sie sich entscheiden wollen, ja?“ „Sie können Ihre verdammte Koalition gleich alleine machen.“ „Schon gut, ich habe doch gar nichts gesagt!“

„Wir bieten Ihnen außerdem an, das Thema Grundeinkommen in der kommenden Legislatur nicht zu behandeln.“ „Hatten wir auch nicht vor.“ „Wir aber.“ „Schön, und was heißt das jetzt?“ „Das impliziert natürlich auch, dass Hartz IV erstmal nicht verändert wird.“ „Klar.“ „Als Regierung muss man sich das sehr genau überlegen. Da steckt eine Menge sozialer Sprengstoff drin.“ „Aha.“ „Nicht nur für den sozialen Bereich.“ „Schön.“ „Auch der Arbeitsmarkt wird natürlich in Mitleidenschaft gezogen.“ „Interessant.“ „Die Regierung wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie einen Großteil der Menschen überhaupt nicht auf dem Schirm hat.“ „Wissen Sie, seit wann wir das hören? Das hat uns noch nie interessiert.“ „Das war mir ja vorher schon klar.“ „Von wem kamen noch mal diese Hartz-Gesetze?“ „Wer hat sie verschärft?“ „Wollen wir wirklich auf diesem Niveau reden?“ „Sie brauchen eine regierungsfähige Mehrheit.“ „Wir können auch ohne Sie regieren.“ „Ja, das merken wir seit Monaten.“ „Können wir wieder vernünftig miteinander umgehen?“ „Das hängt doch ganz von Ihnen ab.“

„Waffenhandel, noch so ein Thema.“ „Aber das bedeutet auch Arbeitsplätze.“ „Diese Kritik an den ethischen Maßstäben unseres wirtschaftlichen Handelns sollten wir aber mal ernst nehmen, finden Sie nicht?“ „Sie können das gerne ausklammern, aber die Fakten sind doch bekannt. Warum soll sich die Wirtschaft in der Bundesrepublik von ihren größten Erfolgen distanzieren?“ „Wir müssen den Wählern schließlich erklären, warum wir wieder einmal so komplett versagt haben.“ „Das kriegen die früher oder später sowieso raus. Dann geht’s ums Ganze, der Wahlkampf läuft schon, und der Rest ist Geschichte.“ „Das finden Sie gut?“ „Lassen Sie uns doch über das Thema Bürgerversicherung reden.“ „Nein, alles gut. Wir brauchen keine öffentliche Debatte über die Rüstungsindustrie, das verstehen die meisten Bundesbürger sowieso nicht.“ „Da sind wir ganz bei Ihnen.“

„Immerhin haben wir noch einen Aktenordner voll.“ „Aber das sind doch Nebenkriegsschauplätze, oder sehe ich das falsch?“ „Türkei?“ „Solange die nicht in der EU sind, sehe ich das als Nebensache.“ „Ehegattensplitting sollte man auch nicht weiter verfolgen.“ „Abgesehen von der Steuerreform.“ „Verbrennungsmotoren?“ „Haben wir die Grünen in der Koalition?“ „Auch wieder richtig.“ „Wozu regen wir uns dann auf?“ „Solange wir uns nicht über ein Einwanderungsgesetz streiten müssen?“ „Mindestlöhne?“ „Rechtsextremistische Gewalt?“ „Haben Sie nicht irgendwann mal einen Ordner mit Kram angelegt, den Sie in der Regierung machen wollen?“ „Ja, Sie etwa auch?“ „Wir haben da ‚Kokolores‘ draufgeschrieben.“ „Lustig!“ „Aber wir sollten uns nicht auf solche Kleinigkeiten…“ „Der Hauptstadtflughafen?“ „Ist Ländersache.“ „Dann sollten wie den Terrorismus nicht zu sehr in den Fokus nehmen.“ „Die Netzneutralität.“ „Überhaupt den Netzausbau.“ „Also Netzpolitik.“ „Ja, das kann man als Gesamtpaket ignorieren.“ „Dann die Sozialpolitik?“ „Arbeitnehmer.“ „Den Wohnungsbau.“ „Und den Umweltschutz.“ „Die Bahn.“ „Aber nur, was den Fahrgast an sich betrifft.“ „Versteht sich.“ „Autobahnmaut?“ „Geht ihren Gang.“ „Dann haben wir die Grenzen…“ „Obergrenze!“ „Stimmt, den CSU-Quatsch.“ „Aber jetzt haben wir’s, oder?“ „Sollten wir, ja.“ „Dann verhandeln wir worüber?“ „Höhere Diäten.“ „Das ist vernünftig.“ „Deshalb nennen wir es ja auch Konsens-Koalition.“ „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ „Wie wahr…“