Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCV): Die Schnipselflut

1 12 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt spuckte in die Hände. Das von der Sippe bestellte Fresko stand kurz vor seiner Vollendung, Säbelzahnziege und Wollelefant flohen vor dem Speer des Jägers, der Schwager mit dem fusseligen Bart war am linken Bildrand noch einigermaßen lebendig, was sich mangels Zeitfaktor nicht visuell darstellen ließ. Zur Anfertigung des Werks waren ein paar Klumpen Ocker vonnöten, das Ergebnis sollte unbeschadet bis in die Postmoderne halten, wenngleich dies zum Zeitpunkt der Werkerstellung so nicht vorauszusehen war. Sorgenfrei konnte der prädiluviale Schöpfer seine Umwelt reflektieren und auf die Ostwand der Eigentumshöhle das Ergebnis in mythologischer Überhöhung bannen: die Große Göttin, erkennbar an der Rundform sämtlicher Körperteile, wacht noch Jahrtausende später über der Szenerie. Weiß der Hominide auch nichts von der Ewigkeit, so ahnt er wenigstens den Rahmen seiner transzendentalen Tätigkeit. Das Bild als indexikales Zeichen erreicht trotz allem seinen Empfänger, wird es auch in eine Zukunft geworfen, die nicht zu fassen ist. Heute jedoch, wo diese Zukunft sich bereits manifestiert, gehen die Bilder unter in der Flut, die sie selbst erzeugen. Schnipsel, überall Schnipsel.

Das allfällige digitale Endgerät hat dem Beknackten die Kontrolle aus der Hand gewunden. Überall schwenkt und knipst es, nimmt auf und speichert, schleudert Daten und pflastert die Kulisse mit farbigen Positiven. Nichts oberhalb der Erdkruste bleibt langfristig unaufgenommen, alles wird in traute Viereckform gestopft, Sekunden später mit Unschuldigen geteilt, die sich Fotos von Weihnachtsmärkten antun müssen, Katzen, Kuchen, Modeschmuck, spielende Kinder, kurz: das optisch erfassbare Grauen des Planeten in konzentrierter Form, wie es sich kein Apokalyptiker hätte aus der trüben Hirnrinde hätte wringen können. Seinen Anfang nimmt es im Auge des Betrachters, und da beginnt auch der Prozess der medialen Verbreitung.

Das Selfie, jene von Realitätsallergikern in den allgemeinen Diskurs geprügelte Form der Verblödung, die die Egogesellschaft im wahren Sinn des Wortes spiegelt, spielt auch nach dem Nachlassen der Medikamente nur in der eigenen Birne. Es ist nur Störschall im weißen Rauschen, eine von vielen überflüssigen Facetten, die keinen anderen Menschen je erreichen, Schaumkronen auf der Pixelflut, eine Nullinformation, die sich auf ein nicht existentes Image beziehen, Marketing für eine Blase voller Dünnluft. Abgesehen von der reinen Abbildungsfunktion ist das stetige Aufnehmen und Verteilen der eigenen Front eine unsubtile Form der Kontrolle – die Unterwerfung unter das Diktat der stereotypen Ausbringung von Lebenszeichen macht aus dem Selbstschnipsler einen unfreiwilligen Lieferanten von Füllstoff für die große digitale Deponie, die Netze und Nutzer verstopft, virtueller Plastemüll in Datengestalt, der sich in Strudeln und schwarzen Löchern zusammenschmoddert. Vor dem Hintergrund der reinen Masse wird jede Aussage im Bild quasi unsichtbar – der universale Matsch wird zur Lawine, die alles Denkbare mit sich fortreißt.

Längst haben sich eigene Kulturtechniken aus dem Umgang mit der Materie entwickelt. Minuziös porträtiert der Bekloppte seine Nahrungsaufnahme, stapelt Salatstreifen und Käsebröcken nach dem Goldenen Schnitt, belichtet das Produkt und zieht Filter über die Angelegenheit, um der Mitwelt mit Nachdruck in die Birne zu schwiemeln: ich drücke mir gerade Kalorien hinters Zäpfchen. Normal ist es mittlerweile, Mahlzeiten auf Umgebungstemperatur abkühlen zu lassen, weil das bildgebende Verfahren die komplette Zwischenzeit einnimmt, in der die Entropie auf ein wünschenswertes Maß gelangt ist. Eine ganze Generation inszeniert hartnäckig und liebevoll Haute Cuisine, während sie sich hinter dem Objektiv schnöde Tütensuppe reinpfeift. Auch dies dient als Ablenkungsmanöver, und wieder ist es das Subjekt, das sich einbildet, irgendwer würde sich für seine Schlappschüsse interessieren.

Die Steigerung des Sinnlosen in die Tristesse schließlich ist das Bewegtbild, der Fetzen aus dem Leben, das keinen kümmert. Außerirdische werden eines Tages den Schutt wegfegen, Festmeter von Flashspeichern freilegen, sich äonenweise Filmchen in die lichtempfindlichen Organe quetschen, und sie werden merken: sie dokumentieren nichts, es ist keine Kunst, es steht in keinem inneren, in keinem äußeren Zusammenhang, es hält wenig fest, beweist nichts, prognostiziert nichts, die Aussage geht gegen Null (abgesehen von der Tatsache, dass das Medium die Botschaft ist), es ist die totale Aufzeichnung, das Gedächtnis plus eingebrannte Amnesie, die auf Halde produzierte Redundanz, die die Menschheit in allen Epochen über ihre eigene Beklopptheit gerettet hat. Nicht auszuschließen, dass der Vanitas-Gedanke hier kulminiert, um in einem orgiastischen Mahlstrom das Dasein zu Sperrmüll zu verarbeiten. Vielleicht kriegt die Menschheit das mit der Quote an Katzenvideos irgendwie geregelt. Wer weiß, was der nächste Urknall sonst bringt.

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