Blaue Eminenz

10 01 2018

„Er ist im Fernsehzimmer“, flüsterte Frau Breschke und deutete vorsichtig, ganz vorsichtig mit dem Finger zum oberen Stockwerk. Es war am späten Vormittag, doch die Rollläden waren komplett heruntergelassen. Teilnahmslos guckte Bismarck mich an, als wollte er sagen: geh nur, ich habe es auch nicht hingekriegt.

Und tatsächlich, da saß, vielmehr: kauerte der pensionierte Finanzbeamte im Lehnsessel, den Rücken zur Fensterfront, was allerdings angesichts der licht- wie luftdicht verrammelten Scheiben auch keinen großen Unterschied mehr machte. „Ich kann nie wieder rausgehen“, wimmerte er, den Kopf in den Armen bergend. „Nie, nie, nie wieder!“ Dabei umfasste er das turbanartige Gewirr, das er auf dem Haupt trug, eine Ansammlung aus diversen Strick- und Wirkgegenständen, mützenähnlichen Objekten sowie einer monströsen Fellkappe, die den Trumm krönte, erkennbar an den nach oben gebunden Ohrenklappen, mit denen sich russische Jäger im Anstand auf Großwild vor den Unbilden der Taiga zu schützen pflegten. Hier aber herrschten mollige zweiundzwanzig Grad, so dass Breschke in seinem braunen Oberhemd einschließlich Strickjacke im Zimmerchen hockte. Kein Großwild weit und breit. „Es hat doch so gut gerochen“, stammelte er.

Bis vor wenigen Jahren hatte Horst Breschke noch volles Haupthaar besessen, es muss wohl vor gut zwanzig Lenzen der Fall gewesen sein. Anders als aber jene Marotte, eine sich mehrmals von einem Ohr zum anderen und wieder retour liegende Strähne wachsen lassen, die allmählich dünner wird und ebenfalls ausfällt, trug er einen hübschen Kranz aus gestutztem Haar hinterwärts um sein Haupt. Der Gattin gefiel’s, und damit war die Sache gut. „Die Frisöse meinte nun aber, ein kräftigendes Tonikum sei hilfreich.“ „Und Sie haben die Dame auch gleich nach einem Präparat gefragt?“ Er schüttelte den Kopfputz. „Tja“, resümierte ich, „dann kann es ja nur noch…“ Er nickte, still und gottergeben.

Natürlich hatte seine Tochter irgendwo auf den kenianischen Komoren oder auf einem Viehmarkt in Honolulu ein wunderliches Serum entdeckt und es per Express unter den Weihnachtsbaum gesandt. Da es sich nicht um elektrische Geräte oder essbar anmutende Gegenstände gehandelt hatte, war ihr instinktiver Widerstand sichtbar geschwächt. Bei der Inaugenscheinnahme des Flakons mit diversen sino-tibetanischen Schriftzeichen – ähnlich denen, die sich junge Damen jeden Alters in Körperpartien ohne direkten Sichtkontakt einstechen lassen, nicht wissend, ob es die kantonesische Übersetzung von „Hund Katze Maus“ oder ein Rezept aus eben diesen Zutaten sei – stellte ich immerhin fest: das Zeug roch nicht schlecht, jedenfalls dann, wenn man eine gewisse Schwäche für Veilchen hatte, für sehr, sehr intensiv riechende Veilchen, die nach dem zweiten Atemzug Druck in der Schläfenregion und eine leichte Grundübelkeit entstehen ließen. „Das also“, ächzte ich, „haben Sie sich in die Haare geschmiert?“

Schicht für Schicht enthüllte der alte Knabe seinen Kopf. „Ich wollte das nicht“, stöhnte er, und: „Meine Frau hat das noch gar nicht gesehen.“ Ich stutzte. „Interessant“, befand ich. „Ich kenne eine Menge chemischer Reaktionen, bei denen der Besuch im Hallenbad eine Wasserstoffblondierung grasgrün färbt, aber Sie gehen jetzt wohl als blaue Eminenz durch.“ Der Haarkranz hatte sich zu einem zart getönten Himmelblau gewandelt. „So kann ich doch nicht unter die Leute“, schluchzte der Alte. „Ich mache mich doch zum Gespött der Straße!“ „Ach was“, tröstete ich ihn. „Sie stehen doch über solchen Dingen. Erst mal unter die Brause, ich bin sicher, die Hälfte wäscht sich noch heraus. Ich bin gleich wieder da.“

Da bei Breschkes nur höchst selten etwas aus dem Kleiderschrank entsorgt wurde und der letzte Versuch der Gattin erst ein paar Jahre her war, fand ich sofort das richtige Stück. „Er hat es nur einmal getragen“, bestätigte Frau Breschke, „das war bei der Karnevalssitzung, wo er die…“ Wir schwiegen. „Gut“, sagte ich. „Es ist rot, und das genügt.“

Der Nieselregen hatte für einen Augenblick nachgelassen, Bismarck zerrte ungewohnt heftig an der Leine, nur Herr Breschke sah ängstlich auf sein Spiegelbild. „Ich weiß ja nicht“, moserte er, „wenn ich nun wirklich…“ „Andernfalls“, entgegnete ich ungerührt, „wird der Hund Ihren Teppich mit recht eindeutigen Marken versehen. Sie wollen das doch nicht?“ Ein scheuer Blick zur Küche, dann nickte der Hausherr ergeben und griff nach der Leine. Das rote Jackett mit der bunten Stickerei auf der Brust saß wie angegossen, ja es machte dem Mann sogar eine ausgesprochen gute Figur, besonders um die Hüften.

Bismarck tat seins, der dümmste Dackel im weiten Umkreis lief seinem Herrchen beharrlich um die Beine herum, oft auch zwischendrin, und gab sich alle Mühe, Hecken und Wege genauestens zu erkunden. Da kam schon Gabelstein an den Zaun, der tumbe Nachbar, und tat beschäftigt mit seinem lächerlich kleinen Schäufelchen. „Herr äääh…“, stammelte er, angesichts des Anblicks, bekam aber keine Notiz. Erst auf weiteres Fuchteln drehte sich Breschke um. „Man trägt das jetzt so“, schoss er den Störenfried an. „Was dagegen?“ Brüsk wandte sich Gabelstein ab und marschierte auf sein Haus zu. „Hervorragend“, lobte ich Breschke, „und jetzt setzen Sie einfach noch die Mütze auf. Nur zur Sicherheit.“

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