Staatsräson

11 01 2018

„Das ist doch wieder ein gefundenes Fressen für die AfD.“ „Dass Migranten politische Bildung verpasst bekommen?“ „Aber gerade in diesem Punkt?“ „Was wollen Sie denn sonst machen? ihnen den guten, deutschen Antisemitismus kampflos überlassen?“

„Nein, ich gehe da einfach nicht mit. Das ist für mich nicht vernünftig.“ „Stellen Sie sich doch bloß mal die Nazis vor. Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: Bundesregierung schickt Muslime ins KZ.“ „Purer Neid, dass ihnen das nicht selbst eingefallen ist.“ „Lassen Sie doch die dummen Scherze!“ „Das Problem ist ja nicht, dass sämtliche Asylbewerber durch die Lager geschleift werden. Das ist eine höchst überflüssige Maßnahme.“ „Warum?“ „Etliche Asylbewerber dürften derartige Einrichtungen bereits kennen, mit dem Unterschied, dass sie in deren Heimatländern stehen und noch in Betrieb sind.“ „Und was ist dann das Problem?“ „Dass wir Asylbewerber in sichere Herkunftsländer zurückschicken, in denen Foltergefängnisse und vergleichbare Regierungsstellen die Opposition oder irgendwelche anderen Minderheiten in die Mangel nehmen.“ „Dann muss man das eben aus Staatsräson machen.“ „Indem man den Asylanten noch mal zeigt, wie das richtig gemacht wird?“

„Bremsen Sie doch mal Ihren Zynismus, wir haben es hier mit einem ethisch sehr komplexen Sachverhalt zu tun.“ „Putzig, wie Sie Menschenrechte aussprechen.“ „Nein, ernsthaft: man kann das Zuwanderern doch nicht mit einer angstbewehrten Schocktherapie verordnen.“ „Warum denn nicht? Die deutsche Verwaltung macht das sogar mit Arbeitslosen. Und zeigen Sie mir eine Religion, die nicht mit Angst verkauft wird.“ „Ich sagte, kein Zynismus.“ „Deutschsein lernt man eben größtenteils durch unangenehme Erlebnisse.“ „Sie meinen, dass sich jeder Migrant von der ersten Sekunde an vor Augen führt, wo er hineingeraten ist?“ „Er soll von der ersten Sekunde an vor Augen geführt bekommen, wozu Deutsche fähig sind, wenn Sie seiner Ansicht nach nicht dazugehören. Das prägt.“

„Meinen Sie nicht, dass diese Zwangsbesuche auf lange Sicht kontraproduktiv sind?“ „Würde ich nicht sagen. Eine Gedenk- und Erinnerungskultur muss die Menschen da abholen…“ „Sie könnten Ihre Wortwahl aber auch mal kritisch hinterfragen.“ „Schon gut. Jedenfalls müsste man diese Besuche in den KZ-Gedenkstätten grundsätzlich für alle Deutschen einführen.“ „Als Zwangsmaßnahme?“ „Es gibt viele Schulen, die das bereits machen.“ „Mit dem Ergebnis, dass die Jugendlichen nach Auschwitz fahren, denken, der Holocaust habe irgendwo in Polen stattgefunden, und ganz überrascht sind, dass es in ihrem Bundesland auch eine KZ-Gedenkstätte gibt oder mehrere.“ „Sie meinen, Deutschland betreibt Gedenktourismus? Kann man so sehen, ja.“ „Und das finden Sie gut?“ „Habe ich das gesagt?“

„Das ist doch tatsächlich ein gefundenes Fressen für die Rechten: alle Zuwanderer durch die Konzentrationslager schleifen, bis sie der ganzen Diskussion um Antisemitismus und Holocaust und Rassismus überdrüssig sind.“ „Das sehe ich auch so.“ „Ääääh…“ „Die AfD will doch ein Ende der Diskussion um die deutsche Schuld.“ „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!?“ „Wenn die Erinnerung an den Nationalsozialismus bei den muslimischen Einwanderern einen derartigen Brechreiz auslöst, weil die am allerwenigsten mit der konkreten Schuld der Deutschen im zwanzigsten Jahrhundert anfangen können, dann sind wir auf einem guten Weg. Die werden sich hervorragend in die deutsche Befindlichkeit integrieren können. Zumindest aus der Sicht der AfD.“

„Meinen Sie nicht, wir sollten diesen Vorschlag eher als integratives Konzept ansehen?“ „Also Sie wollen muslimische Migranten und deutsche Schüler gemeinsam ins KZ schicken? Prächtige Idee!“ „Was spricht denn Ihrer Ansicht nach dagegen?“ „Dann haben Sie eine multikulturelle Truppe, die mit Coladosen im Holocaust-Mahnmal herumturnt und Selfies schießt.“ „Meinen Sie?“ „Für eine Pflichtveranstaltung sollte man vielleicht schon zufrieden sein, wenn die Leute sich dabei ruhig und unauffällig verhalten und nicht auch noch israelische Fahnen abfackeln.“ „Sie finden das wohl witzig?“ „Vielleicht machen wir daraus einen eigenen Baustein im Integrationskurs. Man nennt fünf deutsche Mittelgebirge, drei Antworten können durch Namen von Konzentrationslagern ersetzt werden ohne Verlust der erreichten Punktzahl.“ „Jetzt wird es langsam grotesk, finden Sie nicht?“ „Den gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung als Bestandteil einer positiv besetzten Identität zu pflegen, das ist doch ein schönes nationales Ziel, oder?“ „National? haben Sie noch alle Tassen im Schrank!?“ „Am deutschen Wesen kann doch die zivilisierte Welt endlich auch mal positiv teilhaben, oder ist das so kompliziert?“ „Hören Sie auf, das ist doch krank!“ „Im Gegenteil – man müsste endlich mal ein Zeichen setzen, dass der Umgang mit dem Völkermord nicht zu einem Tabu aufgepumpt wird, sondern tatsächlich zu einer politischen Realität wird, und dass Antisemitismus, egal von wem, mit der ganzen Härte des deutschen Strafrechts verfolgt wird, und zwar so lange, bis noch der letzte Holocaustleugner im Knast verschimmelt ist, weil sich keiner mehr für ihn interessiert.“ „Und das machen Sie mit politischer Bildung für alle Beteiligten?“ „Mit einem Unterschied: bei den Asylbewerbern ist politische Bildung gratis. Bei Nazis war sie umsonst. Schon immer.“

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