Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIX): Die Sauna

12 01 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird in einer dieser Großraumhöhlen gewesen sein, in denen heiße Quellen blubberten, wohin Uga und sein Schwager einmal die Woche vor dem Winter flohen. Sie zogen sich das Fell ab, das von körpereigenen Klebresten und Läusedreck gehalten wurde, legten sich auf die faulende Haut und sahen dem wabernden Dampf zu. Wer weiß schon, was da aus dem Inneren der Erdkruste nach oben gerülpst wurde, möglicherweise förderte es die traumgleichen Bilder im Gehirngestrüpp, die den Aufenthalt im Salzwassertank so angenehm machen oder Dauerlauf mit Sonnenstich. Gut, dass die beiden ihre lustvollen Erlebnisse nicht haben aufschreiben können, niemand hätte wohl sonst den Alkohol erfunden. Nur die Sauna.

Zurechnungsfähige Männer hocken sich in einen architektonisch eher übersichtlich gehaltenen begehbaren Holzklotz am Rande von Tundra oder Großstadt, wo nicht auf der nördlichen Halbschale ohnehin beides zusammen erreichet werden kann, gucken glasig auf ihre Handtücher, die Fettpolster und Rückenbehaarung größtenteils nicht verbergen können, und warten den Garpunkt der Hirnrinde ab. Ab und an, vor allem in geschäftlich ausgerichteten Betrieben, latscht eine Mitarbeiterin ohne jegliche intrinsisch verortbare Motivation in die Butze, kippt einen Eimer Terpentin in die Heizgelegenheit, lässt ein Grubentuch die schwiemelnden Schwaden im Kreis verwirbeln, und geht dann an den Schrank mit den Magentabletten, wie immer nach dem Überleben dieses Anblicks. Sie hat früh und mit Verachtung der eigenen Existenz gelernt, dass es Schicksale gibt, die man nicht herausfordern soll, beispielsweise die Berufstätigkeit unter ästhetisch indiskutablen Klumpoiden.

Was da mit breitem Schritt die Bänke nässt, hat mit dem Verlust der Scham gerne die Schwelle zum Schwachsinn schon überrollt. Glänzend vor Talg glotzt das aus enger Stirn, ein niederschwelliges Angebot der Hominisation, das vernünftige Mittel für einen amtichen Kreislaufzusammenbruch aus mandelnder Beweglichkeit ignoriert und sich lieber die Ventile durchpfeift, die Lederschicht zur Vollendung masochistischer Anwandlungen mit Ästen durchprügelt und deshalb schon für hart hält. Mit der Subtilität von Wildpinklern im Stadtpark drückt das den Ekel ins öffentliche Bewusstsein, als sei Vergänglichkeit nicht das einzige, was Körper aus der Freiluftsektion des Kopfkinos verdrängen sollte. Die warmweiche Widerlichkeit wabbelnder Wänste sorgt für Grundübelkeit beim Gedanken an die beheizbare Gammelfleischtheke.

Das wahre Grauen aber ist noch nicht zu finden bei der Monstranz des Monströsen, die wirkliche Erscheinungsform des Grässlichen ist der Blick, der den unwissentlich Eintretenden, obgleich schon nackt, noch einmal entblößt. Er geht bis auf die Knochen, Widerstand wird nicht geduldet. Millionen von Drüsen und tausende Haare bäumen sich in einem Akt der Hoffnungslosigkeit noch einmal auf, bevor die Sehkrankheit den Brechreiz triggert. Die Appetitlichkeit von Moorleichen kann mit diesem Liebreiz locker konkurrieren, es geht schließlich um den Endzustand des Belebten. Hier bricht sich der Troglodyt Bahn, auch im Angesicht von Kräuteressenz und Frottee, wie er trotz allem seine niedersten Instinkte befriedigt oder sich wenigstens dafür in Stellung bringt.

Die Vermutung liegt nah, dass die Erfindung von Schnellkochtopf und Druckwasserreaktor nur Auswüchse der mählichen Verschmorung sind, die der Dämpfansatz gezeitigt hat. Wahrscheinlich ist die enthemmende Wirkung des Schweißerei vor allem aus dem Missverständnis erwachsen, sich nach dem Ende der Stammesgesellschaft weiterhin mit nicht zum nachhaltigen Verbrauch bestimmtem Fleisch zu erhitzen, im Gegensatz zu den eben in Privatgebrauch stehenden Häuschen, in denen die Transpiration weniger transparent geübt wird. Der soziale Hautkontakt hat sich mit der Zivilisation erledigt, der Filzhut allein schützt nicht mehr vor den Einbrüchen des frühen Primatenstadiums. Das Brausebad mag Erdenreste beseitigen, nicht aber die Erbsünde.

Vermutlich ist es ein evolutionärer Trick wie Karneval oder Schnaps, den Motivationsstau für die Mehlmützen zum gesellschaftlich nicht negativ sanktionierten Event zu stilisieren, dem man ohne Schäden im Frontzahnbereich beiwohnen kann. Hier ist der Affe ganz bei sich selbst und darf es sein, Hobbybrezeln und Dummschlümpfe haben zumindest ein Entzücken im Leben, die Freude der Regression. Früher oder später kommt dann das Bad im Eiswasser.

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