Gernulf Olzheimer kommentiert (CDI): Autofahren als aggressiver Akt

2 02 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es kann nicht in den Genen verankert sein. Der Hominide jagte Säbelzahneichhörnchen und andere Frühstückswaren noch entspannt mit dem Speer. Die Lernkurve war überschaubar, bei Erfolg gab es gleich etwas zwischen die Kiemen. Noch war die Kettensäge nicht erfunden, mit der sich eine ganze Sippe krank ärgern konnte. Es gab noch keine Designerpfeile der Oberklasse. Niemand hätte daran gedacht, sich ein gehäkeltes Klorollenhütchen an die Hinterseite seines Esels zu schwiemeln. Wer seine Aggressionen loswerden wollte, erledigte das en passant mit der Axt, entweder am Schwein oder am Schwager. Das änderte sich mit dem allgemein grassierenden Kraftfahrzeug.

Es setzt ein mit dem mählichen Fluchen, ohne das der Fahrer nicht aus der Garage rollt, denn alles um ihn herum ist unbeweglich, steht in der Gegend herum, bremst ohne nachvollziehbares Motiv oder hat schlicht keine Räder – Baum, Busch, Mülltonne und Reihenhaus sind per se verdächtig, nur als nachhaltige Hemmnisse des motorisierten Verkehrs zu existieren. Pures Sein ohne Gaspedal ist schon ein schwerer Ausnahmefehler, und mit Injurien in sämtlichen Brauntönen jodelt sich der kognitiv suboptimierte Blechkistenhocker über Stock und Stein. Er spielt in der Oberliga der kreativen Amateure, plärrt Polizisten an und fegt verbaliter Bauarbeiter von der Verkehrsinsel, und immer hat er Recht, allen Verkehrsschildern zum Trotz, die von weltfremden Sesselinsassen in die Landschaft gedengelt wurden.

Weiter geht’s mit dem steigenden Blutdruck, wo im Kreisverkehr der Lenker die Fäuste schüttelt, auf dem Zebrastreifen knirschend bremst und beim Rechtsabbiegen fußläufige Störer samt Heimtier in den öffentlichen Raum zurückkatapultiert, die im engeren Sinne angriffslustige Verteidigung vor den legalen Barrieren seiner Selbstverwirklichung. Dass in dieser Wirklichkeit, die der Kfz-Kotzbrocken ohne fremde Hilfe ins rollende Hirnschadenkaraoke integriert, nichts außerhalb seiner Fahrgastzelle eine Daseinsberechtigung hat, wird keinen wundern, der sich die Frust-Ration des gemeinen Nacktmulls reinbembelt, wie er von Idioten aller Couleur in den anderen Bereichen der Fauna erzeugt und ständig vorrätig gehalten wird. Irgendwann wickelt sich jeder um die Wand.

Die mobilen Grützbirnen geben sich jede Blöße, tappen in jede Falle, lassen sich von jedem Zwerg provozieren, der ihnen in die Parade fährt. Mit dem Starten des Motors setzt die Hirnvollverdübelung ein, der das Bewusstsein abtötet, Teil des Ganzen zu sein, Molekül in einer amorphen Masse, die sich als kollektive Verstopfung über den Asphalt wälzt, und nicht Teil der Lösung. Idioten, die im Rückspiegel und durch die Windschutzscheibe nur Idioten sehen, fahren Idioten zu dicht auf und werden von Idioten auf den intellektuellen Standstreifen gedrängt, wo die gar zünftige Prügelei um einen Parkplatz drei Anschlussstellen früher vom Zaun bricht.

Eine Waffe auf Pneus, industriell gefertigt, als Quasikultur gehandelt, besteuert, dient letztlich der gesellschaftlichen Psychohygiene. Die Dumpfdüsen müssen sich nicht mehr auf dem Fußballplatz die Gräten eintreten, sie brauchen nicht mehr in den Krieg zu ziehen, wenn keiner hingeht, kommt der Krieg zu ihnen auf die Mittelspur und fräst sie an die Leitplanke. Die übliche Alltagskommunikation, im Supermarkt mit herabgesetztem Obst zu werfen oder in der Fußgängerzone radelnden Deppen den Schirm in die Speichen zu schieben, sucht sich neue Formen, nicht weniger gewaltsam, aber sozial höchst kompatibel, da anerkannt, selten sanktioniert und nur in den Randbereichen strafbewehrt. Die positiven Konsequenzen dringen tief und gründlich ins Belohnungszentrum ein, drücken den Endorphinschwamm mit Adrenalinhintergrund in den Blutrausch, der langsam den Todestrieb am Horizont hochzieht wie eine Egoshooterkulisse. Ganz dicht am Ableben kippelt der Lenker auf zwei Reifen, die Zentrifugalkraft trägt ihn aus der Kurve, den Rest erledigt die Materialkaltverformung.

Wie heilsam ist es, auf dem Rücksitz zu kauern, während vorne ein professioneller Choleriker die Erdenreste bei Tempo zweihundert wegpustet. Jede Spur von Selbstkritik verfliegt im Fahrtwind, das beschleunigte Revier im Faradayschen Käfig wird verteidigt, ein Schlachtfeld zum Mitnehmen, fern von Raum, Zeit und neuronaler Bodenhaftung. Doch erst, wenn der intellektuelle Heckenpenner hinter dem Lenkrad Bananen schält, telefoniert und sich simultan den Bart stylt, wird die Sache hübsch. Zwar stellt der rodelnde Rüpel ein Risiko dar für alles, was sich im identischen Koordinatenraum befindet, doch hier ist die Evolution regelmäßig mitleidlos. Wer zu spät bremst, den bestraft das Leben. Und wenn es das Letzte ist, das man von dieser Inkarnation sieht, ehe man der Frontschürze zum Hals heraushängt.

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