Gernulf Olzheimer kommentiert (CDII): Jammerossis und Besserwessis

9 02 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da sind sie, Brüder im Geiste, dies- und jenseits der Mauer, die ja nicht mehr steht, und man fragt sich verzweifelt: warum nicht mehr? Hat nicht jeder in seinem Reservat glücklicher gelebt? Weniger und weniger kritisch hinterfragt? Ohne die ständige Gefahr, mit diesem Draußen konfrontiert zu werden, schnittfester Luft, Argumenten, die standzuhalten versprachen? Haben Sie nicht einander bedingt, der greinende Sachse und Thüringer, der Tränensack aus dem Erzgebirge und der ewige Schnittbroterfinder aus dem Rheinland, das westfälische Arschloch mit der Riesenklappe? Fielen nicht beide ohne ihren Antagonisten zu Staub zusammen und wären ein elendes Häuflein deutscher Geschichte, noch elender, als sie sich jetzt schon zeigt?

Der Jammerossi will einfach nur seine DDR zurück? Grundfalsch, erstens hat er, ganz sicher im Widerstand gegen südfruchtlosen Sozialismus und Vorkämpfer für die deutsche Nylonstrumpfhose, das System nicht so gewollt, bei aller Solidarität mit der werktätigen Bevölkerung im Kombinat, und zweitens hat er sein permanente Gemoser, seine Jeremiaden über den Zustand der nationalen Größe, nur heimlich und unter dem Küchentisch ausleben können. Nicht auszudenken, er als angepasste Lebensform ohne Rückgrat hätte lamentierend durch Leipzig gemacht, Dresden vollgeweimert – das tut er jetzt erst, bringen tut es ja bekanntlich nichts – und Gera als Epizentrum der Depression geoutet. Er muss sich nur eben beschweren, keiner hat seiner Befindlichkeit zugehört, es war auch egal, aber einmal, einmal stand er nicht im Mittelpunkt, und wir müssen’s leiden. Kriegt er keine Tempolinsen, macht er ein Geschrei, als sei das gesamte Brudervolk wieder über die Elbe gekommen. Seine Dörfer sahen auch schon in den Achtzigern beschissen aus, die Einschusslöcher hat er sich gut erhalten, aber die Jungen waren damals halt noch da. Und man konnte, eine gut schließende Kellertür vorausgesetzt, den mosambikanischen Vertragsarbeitern die ganze Schuld in die Schuhe schieben, wenn es in der Kaufhalle nur noch sachzwangreduziertes Sortiment gab. Es war ja auch nicht alles schlecht, meinte der Ossi, und bezog sich insgeheim auf den braunauer Bettnässer, der die Neger aus Schkeuditz und Großpösna schon ausgeschafft hätte, so viel ist mal sicher. So schwiemelt sich die Wehklagefachkraft eine gute alte Zeit herbei, die keiner Prüfung im Präsens bedarf und ihm auch nichts entgegenzusetzen hätte. Lassen wir ihn auf den eigenen Tränendrüsen in den Abgrund rutschen.

Auf der anderen Seite wartet der Besserwessi, der schwäbische Knallfrosch mit dem genetisch bedingten Überdruck in der Hohlrübe – er kann, weiß, versteht alles, hat alles schon gemacht, verfügt über jeden Titel, übt Ämter und Berufe seit Jahrzehnten aus und kann sich aus technischen Gründen einfach nicht irren. Er hat das auch dem Papst klargemacht, und seitdem der Papst nicht mehr aus dem Ostblock kommt, hat der es wohl auch gerafft. Eine mindestens zehntausendjährige Tradition des Blumenumtopfens in Kurhessen walzt jeglichen Innovationsschub platt, aber das erwartet man ja auch von einem Deutschen, dass er jede Konkurrenz mit Ressentiment und viel Ignoranz in die Tonne kloppt, statt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Auch Zwickau ist Feindesland, vorwärts und nie vergessen, und mit etwas Geduld erlebt man, wie der Großkotz dem Bewohner des Zutrittsgebiets sein Deutschsein in Bausch und Bogen abspricht – das Nationale hat sich der Bürger zu ersitzen, wie es sich die zufällig Eingeborenen von Düsseldorf seit Wirtschafts- und anderen Wundern geleistet haben. Auch Schicksal darf für ihn nicht hinterfragt werden, die Geschichte wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

Sie nehmen sich beide nichts, sie haben längst die Bodenhaftung verloren und stolpern durch die Historie, größtenteils rückwärts. Gemeinsam ist ihnen allenfalls der kerndeutsche Neid, dass aus anderen Ländern andere Menschen kommen, die nicht nur besser Deutsch sprechen als sie selbst, sondern auch noch gut ausgebildet, motiviert und halbwegs vernünftig sind. Das hat vertraglich als Störenfried am Standrand von Cottbus zu lungern oder im pfälzischen Plattenbau, notfalls entkommt der eine oder andere in die Abendnachrichten, und es hat nichts mit Fußball zu tun. Aber ansonsten ist für derlei Gesindel doch kein Platz.

Denn was verbindet die beiden, Ossi und Wessi, wenn nicht das perpetuierte Vorurteil, das man nicht in Frage stellen darf, die Abrissbirne ist als einziges funktionierendes Werkzeug zur Hand und sie leistet Großartiges. Sie treffen sich in der Mitte, um auf das Fremde einzudreschen und sich selbst kräftig zu bemitleiden, weil man dabei blutige Flossen kriegt. Die Opferrolle, sie geht immer, der eine plärrt, der andere neidet. Und ist nicht Deutschland als die verfolgende Unschuld mit ihrem zementierten Wahn, was die historische Größe angeht, geradezu ein Musterbeispiel für Realitätsverweigerung? So gut wie wir kann das keiner. Es ist zum Heulen.

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