In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXXXVI)

31 03 2018

Veronika schmückte in Mauth
zur Hochzeit recht üppig die Braut
mit Schloss vor den Türen.
Nicht sie zu entführen
besorgt sie, nur dass sie was klaut.

Es ritt Fidelis in Mahela
behend über Berg und durch Täler,
dass auf alle Fälle
er sich dort vorstelle.
So kümmert er sich um die Wähler.

Martina bediente in Reste
alleine meist Hunderte Gäste
mit Brot und mit Butter
als einfaches Futter.
Das war dann für alle das Beste.

Yogendran, der werktags in Kuah
zum Markt mit dem Omnibus fuhr,
der wollte die Waren
recht preiswert hinfahren.
Es störte sein Federvieh nur.

Es wollt Dušan kürzlich in Nusten
die Kerzen alleine auspusten,
die er auf dem Kuchen
vorfand. Beim Versuchen
blieb dieses, verhindert vom Husten.

Mesías sitzt in Los Amates
und findet: dort ist etwas Hartes,
das dort in der Couch sitzt
und ihn mächtig, autsch! spitzt –
es ist nur das Ende des Drahtes.

Da Štefan der Rücken in Theben
so schmerzt, kann er kaum Schweres heben.
Er steht an den Leitern
bei den Bauarbeitern,
die schaufeln dann unten die Gräben.

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Gernulf Olzheimer kommentiert (CDVII): Der Bullshitjob

30 03 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte halt schon immer ein signifikantes Problem: Sachen erklären. Bei Zusammenhängen wurde es schwieriger. Klapperstorch und Abendrot, es endete stets im Korrelationenlotto. Aber das ist ja nicht die Schwierigkeit, dank der Arbeitsteilung wissen wir, dass die wirklich wichtigen Dinge sich im Verborgenen finden. Vielleicht knobelt es sich der Vorstandsvorsitzende höchstselbst aus den jeweiligen Weichteilen. Möglicherweise ist das auch in der DNA des Unternehmens zu sehen: ökologisch-dynamisch, homöopathisch, normal. Aber was will man machen. Plötzlich kommt der Häuptling und sagt, dass der Regen vom Gott mit den zwei Federn unterhalb der Kimme kommt, möglicherweise vom Stellvertreter mit dem pinken Kopfschmuck, aber das ist dann auch schon wurst. Irgendeiner muss es dann schon verklickern. Und sei es die spirituelle Hilfskraft mit dem Bullshitjob.

Viele ehrenwerte Kräfte sorgen für den Betrieb der Geschichte, aber was zählt das schon. Die wirtschaftliche Tätigkeit beruht stets darauf, dass die Substanz nicht vermindert werde, die Wahrheit nicht, nicht die Integrität. Und dann kommt das neoliberale Pack von der Basis bis in die Regierungen, das die Wirklichkeit aus einer Backmischung schwiemelt, wie man sie in jedem Deppenmarkt finden wird. Für einen fundierten Blick auf die Realität benötigt selbst ein Zerrspiegel einen fixen Punkt, um den herum er die Welt quetschen kann.

Die religiösen Organisate sind auch per AGB nicht mehr an der Macht (was gerade mal gar nichts heißt, schließlich hat Kant die Wende ordentlich hingekriegt), aber wir glauben noch immer an die Hohepriesterschaft der peinlichen Pausenclowns. Wo auch immer Politik und Wirtschaft, notfalls die überraschend überschneidenden Bereiche ihres Personals einreißen, sie bekommen einen Eindruck von der Wunschwelt des zahlenden Deppen, der die Musik bestimmt. Einer muss ja dazu tanzen.

Doch es geht nun um wichtigere Probleme, Erderwärmung, Kindersterblichkeit, bezahlbaren Wohnraum, die Abwesenheit alkoholisierter völkischer Dummklumpen in ihrer Gegend, und sie wählen schließlich den einfachsten Weg: die halbwegs plausibel erscheinende Mutmaßung nach dem Prinzip der Durchschnittszahl vom letzten Jahr, die zwar nichts sagt, dafür aber auch nicht widerlegt werden kann.

Um die Öffentlichkeit richtig hinter die Fichte zu führen, braucht es meist nicht mehr als maximale Offenheit und Transparenz: jede Zahl gemessen und bestätigt, eingekloppt in eine amtliche Statistik, die nach allen Regeln korrekt ist und nicht bezweifelt werden kann. Was aber erstens erhoben wird, der Krümmungsgrad der ostdeutschen Banane oder die Kaufkraft des ostdeutschen Durchschnittskindes, die für die Schlauchfrucht meist nicht ausreicht, und wie es zweitens in den Zahlenkolonnen der Staatssekrete landet, ist etwas ganz anderes. Nicht von ungefähr ist jene Beschäftigung dem Voodoo nicht unähnlich und grenzt an den Unsinn, der als Wirtschaftswissenschaft bombensichere Prognosen unter sich lässt, in denen der Fall der Mauer, alle Tsunamis und die Damenmode nicht vorkommen – zur Sicherheit. Man lässt den Bullshit fachfremde Realitätsallergiker erledigen, Luftballonaufbläser in Kommissionen und Stabsstellen, die meist von den Aluhütchenspielern international renommierter Unternehmensberatungen mit Schmodder nach Maß beliefert werden.

Die unwissenschaftlichen Hilfskräfte sind nicht die Medizinmänner der modernen Hofhaltung, sie sind ihre Narren. Alles an ihren eher mäßigen Bemühungen ist Possenspiel und preziöses Gepopel um den Popanz, den es auf Biegen und Erbrechen zu beweisen gilt, koste es, was es solle – der Kernbestandteil der Unfugsarbeiten besteht mithin ja darin, viel Geld aus dem Fenster zu schmeißen, um Gründe zu finden, dass diese Mittel gar nicht existieren. Oder sie dürfen in sachzwangreduzierter Ehrlichkeit eine Statistik umstricken und für drei Kfz, die gleichzeitig am Anwesen vorbeiheizen (die Gattin des Ministerpräsidenten plus Polizeischutz) fünfzig Kilometer Umgehungsstraße als positiven Impuls für die Umwelt des Hinkelhausener Tals verscherbeln. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Bullshitproduzent als solcher nicht von seinen Auftraggebern: je weniger er den Anspruch genügt, den er sich auf die Fahne schreibt, desto zentraler ist seine Bedeutung in der wirtschaftlichen Welt.

Wir werden regiert von Sicherheitsbehörden, die mit Nullinformation gefüttert quasi leistungslos die Wirklichkeit auf nicht-euklidische Körper bügeln und in die Gegend schmeißen. Man muss aber die Knalltüten in der unteren Etage beschäftigen und bezahlen, notfalls für Dinge, von denen sie keinen blassen Schimmer haben, denn was wäre eine zufriedene und produktive Bevölkerung mit frei verfügbarer Zeit? Eine tödliche Gefahr, aber nicht für die Gesellschaft.





Die gesamtgesellschaftliche Situation

29 03 2018

„Damit das klar ist, wir haben Fehler gemacht. Das haben wir auch verstanden, und jetzt müssen wir nach vorne schauen und die Situation für alle Beteiligten verbessern. Wir verstehen uns als eine sozialdemokratische, aber trotzdem moderne Kraft, die dieses Land verbessern will. Und alles andere regeln dann sowieso die Ausschüsse.

Wichtig ist erst mal, dass wir die Stagnation in Deutschland überwinden. Hartz IV war nicht der richtige Weg, weil uns das viele Wählerstimmen gekostet hat, und das sagt uns, dass die Situation von uns falsch eingeschätzt wurde. Also jetzt mal gesamtgesellschaftlich betrachtet. Nicht nur in Bezug auf den Arbeitsmarkt und die Börse, sondern eben auch für den Wähler. Das müssen wir ändern, und da haben wir uns etwas einfallen lassen. Das solidarische Bürgergeld. Eine vollkommen neue Strategie, um mit den… –

Ja, das hatte die FDP ursprünglich entwickelt, aber die waren seit einigen Jahren ja nicht mehr an der Regierung, also haben wir das übernommen. Aber wir haben es modernisiert und, viel wichtiger, wir haben dem einen sozialdemokratischen Touch gegeben. Betonung auf ‚solidarisch‘, verstehen Sie? Wir haben die Solidargemeinschaft in diesem Land zu lange vernachlässigt, deshalb müssen wir jetzt mit einem ganz neuen Konzept neue Wege für eine Gesellschaft, wo der Mensch wieder im Mittelpunkt unseres demokratischen… –

Wieso Worthülsen? Ich will Ihnen mal was sagen: wir haben verstanden. Die Menschen draußen im Land, die haben ja auch einen Anspruch auf eine gut finanzierte Transferleistung, und genau das liefert ihnen unsere Haushaltspolitik. Was die alten Regierungen vorgelegt haben, damit kann man nicht wirtschaften. Wir brauchen eine Leistung, die eine gesamtgesellschaftliche – na, sagen wir mal, eine gesellschaftliche, auf jeden Fall so etwas wie Teilhabe. Es muss ja nicht immer die teuerste Wurst sein und auch nicht jede Woche, aber wenn man sich damit ab und zu wieder in den normalen Supermarkt traut, dann ist doch auch für die Wirtschaft viel gewonnen. Das braucht eine neue Handlungskompetenz auch auf haushalterischer Seite. Das ist unser sozialdemokratischer Touch, verstehen Sie, die Betonung liegt auf ‚solide‘.

Sie können sich gerne querstellen, aber ich finde die Idee gar nicht mal so schlecht. Schauen Sie sich doch mal die öffentlichen Grünanlagen an, wie sieht es denn da aus? Also schön ist anders. Aber da kann man doch was machen. Ein Grundeinkommen ist jetzt vielleicht nicht unbedingt die größte Motivation, vor allem nicht, wenn es auch noch bedingungslos ist, aber es war ja unter Hartz IV nicht alles schlecht. Wir haben hier eine Menge sehr gut qualifizierter Fachkräfte, die den Empfängern unser neues Konzept vermitteln: wir sind eine Solidargemeinschaft, in der die Grünflächen für alle da sind, deshalb müssen auch alle etwas dafür tun.

Sonst geht’s Ihnen aber gut? Ich stelle mich doch nicht morgens mit ein paar Alkis in den Park und hebe die Bierdosen auf! Das ist mal wieder eine von diesen linken Spinnereien, mit denen Sie in die Schlagzeilen kommen wollen. Wenn wir von einer Solidargemeinschaft reden, dann heißt das, dass wir zahlen, damit Sie Arbeit haben. Daran hat sich nichts geändert, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Außerdem sollten Sie mal ein wenig Dankbarkeit zeigen, dass Sie an diesem Aufstieg für die Wirtschaft teilnehmen dürfen. Das hat es ja seit dem letzten Krieg gar nicht mehr gegeben, das mit Hartz IV war ja auch eher Scheinblüte, und dass wir das jetzt ganz ohne Krieg schaffen, das ist schon eine Besonderheit. Also für Deutschland.

Von Ponyhof hat hier keiner was gesagt, das ist Ihnen wohl entgangen. Nein, ich kann mich nicht erinnern. Ich erwarte hier von Ihnen jeden Monat die Kontoauszüge, über Ihren Mietvertrag müssten wir auch noch mal reden, und dann das Kindergeld. Das müssen Sie natürlich angeben. Wir sind hier nicht das Sozialamt, mein Freund, hier wird im Namen und Auftrag aller Bürger Geld an die Unterschicht gezahlt, darum heißt dies Bürgergeld auch Grundeinkommen, klar? Mit Betonung auf ‚Einkommen‘, ja? Auf mein Gehalt muss ich auch Steuern zahlen. Dann kann ich von Ihnen ja wohl auch erwarten, dass Sie sich an die Spielregeln halten und Ihre Nebeneinkünfte hier ordentlich angeben. Wir erwarten hier Transparenz.

Mit den Flüchtlingen hat das überhaupt nichts zu tun. Heißt doch ‚arisch‘, oder?

Jetzt beschweren Sie sich nicht, wir müssen Sie doch irgendwie in Arbeit bringen. Früher haben wir das mit denen versucht, die zu lange schon vom Arbeitsmarkt entfernt waren, da hatten wir natürlich keine Chancen, jetzt konzentrieren wir uns auf die, die neu sind in unserem System, mit denen wir gemeinsam dies gesamtgesellschaftliche Konzept in die Wirklichkeit bringen können, also Menschen mit und ohne Vermittlungshemmnisse, die wir in den öffentliche Arbeitsmarkt integrieren können, weil sie keine Chance mehr auf einen richtigen Job haben. Die Betonung liegt auf ‚Grund‘. Wir machen das hier ja nicht zum Spaß.
Das wären dann vorerst dreißig Stunden, also Sie arbeiten vierzig, aber wir machen das mit einem Stundenkonto. Kennen Sie sicher noch aus Ihrem bisherigen Arbeitsleben. Man kann es sich nicht immer aussuchen, was man macht. So ist das nun mal, beschweren Sie sich ruhig, aber nicht bei mir. Ich habe das nicht erfunden. Wo waren Sie denn vorher, wenn ich mal fragen darf? Ach, beim Grünflächenamt? Tja, Pech für Sie. Hätten Sie mal was Ordentliches gelernt.“





Gesetzman

28 03 2018

„Ich möchte nicht darüber reden.“ Luzie zog die Stirn in bedenkliche Falten und ließ sich auf ihrem Drehsessel nieder. „Nur eins noch: wenn diese Knalltüte noch einmal die Kanzlei betritt, dann wird er sie mit den Füßen voran wieder verlassen.“ Wie zur Bestätigung hieb sie auf den Locher.

„Brennicke ist wirklich ein schwerer Fall“, stöhnte Anne und schob mir die Akte herüber. „Er geht grundsätzlich durch alle Instanzen, überlebt jeden Nachbarn, legt immer irgendeine Art von Beweismaterial vor und, das ist das Schlimmste, er kennt nur Freund oder Feind.“ Ich blätterte die Akte durch. „Die Unterschiede scheinen fließend zu sein, richtig?“ „Wie gesagt“, tönte es hinter dem Tresen hervor, „ich möchte nicht darüber reden.“ „Er hat wegen eines zwanzig Zentimeter über die Mauer ragenden Zweiges Klage einzureichen versucht“, berichtete Anne. „Und er hat vorsorglich seinem Nachbarn Hausverbot erteilt, damit er nicht auf den Gedanken kommen könnte, das bisschen Holz vom anderen Grundstück aus abzusägen.“ Sie vollführte das international gebräuchliche Zeichen für einen Scheibenwischer vor dem Gesicht; alle bisherigen Erfahrungen waren wohl geeignet gewesen, das Verhältnis zwischen Mandant und Anwältin als reine Nervensache zu gestalten. „Das Schlimmste ist ja, er weiß alles besser.“ Als ausgewiesen gute Strafverteidigerin hatte sich Anne gerade noch vor einer Karriere auf der anderen Seite gedrückt, sehr zum Bedauern von Oberstaatsanwalt Husenkirchen; allerdings blieb er ihr weiterhin gewogen und sah die Gründung der eigenen Kanzlei mit Wohlwollen.

Im jüngsten Fall nun handelte es sich um Handtücher, zwei an der Zahl, die nicht mehr auf die Wäscheleine im Keller des nachbarlichen Hauses gepasst hatten. So trockneten sie im Garten, und zwar bis fünf Minuten nach zwölf Uhr am Samstag, fünf Minuten, in denen der hiesigen Gemeindesatzung nicht Genüge getan wurde. „Dieser Brennicke verlangt ernsthaft, dass ich ihn dafür vertrete.“ „Und Du machst es?“ Anne rollte vielsagend mit den Augen. „Ich verstehe“, sagte ich, „Du möchtest nicht darüber reden.“ „Ich kann ihn doch nicht einfach dazu bringen, sein Mandat einem anderen Anwalt zu übertragen?“ Einen kleinen Moment grübelte ich. „Warum eigentlich nicht?“ Und schon war ich verschwunden.

Mit quietschenden Reifen hielt Anne in der Tetenbüller Straße, unweit des besagten Bungalows. „Im Ernst“, knurrte sie, „ich kann Dich so nicht auf die Straße lassen.“ „Es war im Schaufenster, es ist meine Größe, und ja, es ist ziemlich figurbetont geschnitten, aber…“ „Du siehst aus wie in einer Wurstpelle“, ereiferte sie sich. „Die Hälfte des Juristenballs sieht so aus“, gab ich zurück, „also die weibliche.“ Vielleicht wollte sie es auch einfach nicht gehört haben, jedenfalls ließ sie mich aussteigen und folgte mir mit einigem Abstand. Ich hatte die Adresse, und ich hatte Glück. Brennicke bearbeitete seinen Buchsbaum mit der Schere. „Halt“, rief ich donnernd, „ich verbiete es Ihnen!“

Möglicherweise war dieser Anzug doch ein bisschen eng, der Kostümverleih jedenfalls hatte die richtige Größe herausgesucht, und es waren sicher nur die etwas auffälligen Farben, die ihn so irritierten. Man sah nicht jeden Tag einen Mann in einer schwarz-pink-grünen Pelle und silbernen Stiefeln, der durch eine Riesenbrille guckte. „Und Sie sind…?“ „Gesetzman“, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung, „ich verbiete Ihnen hiermit den Beschnitt dieses Buxus sempervivens, da er sonst keine Stecklinge ausbildet.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch…“ „Paragraf 7 Absatz 3 Satz 3 Landesverordnung über Grünbewuchs“, schnurrte ich ab. Er hob schuldbewusst die Schultern. „Ja, das mag sein, aber es ist mein Garten.“ „Ach so“, zischte ich, „in unserem Garten gelten also keine Landesgesetze, wie!?“ Ich scharrte wild mit den Stiefeln, was angesichts der hohen Absätze nicht den gewünschten Effekt hatte.

Die Landesfensterinstandhaltungsverordnung nahm er mir noch ab, zwar skeptisch, aber gegen den Paragrafen 9 konnte auch er nichts ausrichten. Beim Gesetz über die Statistik an der Grenze zum öffentlichen Raum jedoch wurde er laut. „Das sind keine zwei Millimeter“, schrie er, „und überhaupt, was geht Sie meine Hecke an?“ „Es sind zwei Millimeter“, beharrte ich, maß mit dem Daumen und einem zusammengekniffenen Auge nach und fand mein Urteil bestätigt. „Und wenn wir den Paragrafen 20 der Ersten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Gestaltung der Grünflächen in geschlossenen Ortschaften hinzuziehen, haben wir hier Zweige, die ganz deutlich über die Schnittlinie hinausragen.“ „Sie haben doch nicht mehr alle Latten am Zaun!“ Brennicke machte Anstalten, mit dem Rechen auf mich loszugehen. „Wo wir gerade beim Thema sind, der Zaun.“ Er blickte mich lauernd an. „Sie wissen schon, dass gemäß Paragraf 33 des Bundesgesetzes über den…“ „Raus hier!“ Er stolperte über den Rasen auf mich zu, die Harke bedrohlich über dem Kopf schwenkend. „Ich werde Sie verklagen! Verklagen!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand Anne vor ihm. „Sie kommen mir gerade recht“, brüllte er und wedelte mit dem Finger. „Sie müssen ihn verklagen! Erstes Gesetz über Verordnungen zur Grünflächendurchführung!“ Irritiert blickte Anne ihn an. „Und wen soll ich jetzt verklagen?“ „Da!“ Sie sah durch mich hindurch. „Gesetzman!“ „Lieber Herr Brennicke“, sprach sie langsam, „brauchen Sie einen Arzt?“ Da schmiss er die Forke auf den Boden. „Unverschämtheit“, kreischte er. „Sie hören von meinem Anwalt!“ „Von wem?“ „Ich nehme mir einen anderen Anwalt! Und der wird Sie verklagen! Und Gesetzman! Ich verklage Euch alle! Alle!“

„Das Ding kneift“, konstatierte Anne und legte den Gang ein. „Offenbar muss ich einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben“, antwortete ich. „Erste Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Gestaltung der Grünflächen in geschlossenen Ortschaften“, kicherte sie. „Wir kommt man nur auf so einen Blödsinn?“ Ich suchte an den Stiefeln nach dem Reißverschluss. „Ich möchte nicht darüber reden.“





Scheißdeutsche

27 03 2018

„… Rassismus vorgeworfen habe. Indem sich der Sohn des Tennisstars gegen den AfD-Abgeordneten Maier und seine Äußerungen auf…“

„… Ausländer generell fremdenfeindlich seien. Weidel habe selbst erlebt, dass sie nicht in die deutsche Gesellschaft integriert würden, was nur an ihrer rassistischen Einstellung liegen könne. Die Vorsitzende kenne dies ja auch von deutschen Jugendlichen, die eine ebenso…“

„… strukturellen Rassismus unter Flüchtlingen. Für Gauland seien bereits die Spannungen zwischen verfeindeten syrischen Bürgerkriegsparteien ein Anzeichen für Probleme mit anderen Ausländern, die er als deutliches Anzeichen von…“

„… Berlin als weiße Stadt bezeichnet habe. Damit sei für Maier eine Tatsachenbehauptung, wie jede andere Tatsachenbehauptung von Angehörigen eines negroiden Fremdvolks, bereits falsch und bewusst gegen die Interessen der Deutschen formuliert, was unweigerlich als…“

„… die Partei die Wähler der bürgerlichen Mitte für sich gewinnen und dauerhaft an sich binden wolle. Daher werde sie sich in Zukunft nicht weiter rassistisch, sondern nur noch ausländerkritisch äußern und rassistische Inhalte den Ausländern überlassen, die sich als Feind der bürgerlichen…“

„… das deutsche Volk als identitäre Einheit betrachtet werden müsse, weshalb jeder Ausländer, der sich kritisch über einen einzigen Deutsche äußere, eine hochgradig kriminelle…“

„… die man beispielsweise an der Antifa und anderen rassefremden Elementen sehe. Maier habe viele Beleidigungen als ‚Scheißdeutscher‘ erhalten und könne damit alle linksfaschistischen Kräfte, die bewusst ihre nationale Herkunft ablegen wollten, als Gegner des Volkes und damit als rassistische…“

„… aber vor Verallgemeinerungen warne. Die meisten Ausländer seien kriminell, so Weidel, ein Großteil lebe aber außerhalb Deutschlands, was für eine Strafverfolgung keine wesentlichen…“

„… sehr wohl wisse, dass der Hauptfeind des deutschen Wirtsvolks der muslimische Schmarotzer sei, der nach tausend Jahren des heroischsten Aufstiegs zur größten Kulturnation der Welt die Zwangsislamisierung des christlichen Abendlandes beschlossen habe. Höcke habe jedoch nie gehört, dass sein Freund Jens Maier den kraushaarigen Bimbo, den Sohn eines US-amerikanischen Niggerflittchens, der Zugehörigkeit zum Islam oder einer anderen Straftat…“

„… jede von Ausländern zum Nachteil der Deutschen getätigte Äußerung als Volksverhetzung ansehen müsse. Da aber die reine Existenz von Negern innerhalb der deutschen Grenzen eine sträfliche…“

„… gar nicht für einen Tweet verantwortlich gemacht werden könne, den er selbst nicht abgesetzt habe. Maier stehe auch hinter den Inhalten von Mein Kampf, könne aber, da nicht Autor dieser Schrift, nicht juristisch…“

„… es sich zwar nur um eine Feststellung handle, dass Berlin eine weiße Stadt sei, jedoch sei die Behauptung, der Holocaust habe stattgefunden, auch nur eine unbewiesene Anmerkung. Vor diesem Hintergrund müsse Becker sofort strafrechtlich wegen des Leugnens des…“

„… eigentlich um eine rassistische Wertung der Berliner handele. Da aber diese Angehörige des deutschen Volkes seien, könne nur die Alternative für Deutschland sich als Rechtsvertreter mit der Wahrung der deutschen Ehre und des…“

„… die Unschuldsvermutung für Becker nur gelte, da dieser in einem Zivilverfahren, das nach dem Recht der BRD GmbH für Neger und…“

„… gleichzeitig London als weniger weiß bezeichnet habe. Für Maier sei nun juristisch zu prüfen, ob diese Wertung einer aktuell noch zur Europäischen Union gehörenden Hauptstadt nicht ebenfalls einen rassistischen…“

„… der Rassist der natürliche Feind des Patrioten sei. Dies könne als historisch gewachsene Gewissheit in sämtlichen Zusammenhängen zwischen den Deutschen und ihren Feinden…“

„… sich die Partei mit etwaigen negerkritischen Aussagen höchstens selbst schaden könne, wogegen ein Angehöriger einer Fremdrasse mit sämtlichen Worten oder Taten das deutsche Volk beschmutze und daher als biologisch nicht zur Integration fähiges Leben unverzüglich aus dem…“

„… wenn der Rassist der natürliche Feind des Deutschen sei, auch jeden Nichtdeutschen – zu denen man Neger, Halbneger und andere Typen des Volksfremden rechne – als rassistisches…“

„… sein Vater seinen Lebensmittelpunkt nicht mehr in der BRD GmbH habe. Deshalb sei der inkriminierte Halbneger auch nicht berechtigt, vor einem deutschen Gericht zu…“

„… dass die AfD ihren eigenen Abgeordneten abmahne. Dies bedeute dann jedoch, dass eine Partei, die keine rassistischen Äußerungen in ihren Reihen dulde, selbst automatisch antirassistisch sei, wodurch alle anderen, so auch Becker, sofort im Verdacht stehe, ein…“

„… kein Parteiausschlussverfahren nach sich ziehe. Rassistische und antisemitische Äußerungen, wie sie bereits Höcke und Gedeon gemacht hätten, würden zwar in der Alternative für Deutschland nicht geduldet, spiegelten aber die Meinung der schweigenden Mehrheit wider und könnten daher in einer Partei der bürgerlichen Mitte niemals…“





Quasimonopol

26 03 2018

„Kurzzüge.“ „Kurzzüge?“ „Das sind dann halt kurze Züge, die…“ „Das war mir schon klar, ich will nur wissen, wozu wir Kurzzüge einsetzen.“ „Na, die sind halt kurz.“ „Aha.“ „Und brauchen nicht so viele Wagen.“ „So, so.“ „Deshalb dachte ich, wir könnten die einsetzen. Damit wir nicht so viele Wagen brauchen.“ „Das löst aber unser Problem jetzt nicht.“ „Das ist richtig. Aber wir sind ja auch die Deutsche Bahn.“

„Fakt ist, wir haben zu wenig Waggons für das Fahrgastaufkommen.“ „Toll, oder?“ „Was finden Sie an dieser katastrophalen Lage toll?“ „Dass wir mehr Fahrgäste haben, als wir transportieren können.“ „Wir haben nicht mehr Fahrgäste, als wir transportieren können, sondern schlicht zu wenig Waggons.“ „Dann haben wir schon Kurzzüge? das ist ja toll!“ „Meine Güte, jetzt kapieren Sie’s halt mal: wir haben eine Nachfrage, die wir nicht befriedigen können.“ „Das ist insofern nicht weiter tragisch, als wir ein Monopol auf Schienenverkehr haben.“ „Das ist verkehrt, und das wissen Sie ganz genau.“ „Ein Quasimonopol.“ „Aber wir sind nicht die einzige Transportmöglichkeit für die Fahrgäste. Das wird uns über kurz oder lang das Geschäft beschädigen.“ „Das bedeutet ja auch, wenn wir so weitermachen, dann haben wir mittelfristig wieder nur noch so viele Fahrgäste, dass wir jeden mit den Wagen befördern können, die wir haben.“ „Ja schon, aber das kann doch nicht der Sinn der Sache sein.“ „Wir stellen nur die Fahrgäste zufrieden, die auch unsere Leistungen in Anspruch nehmen. Ich finde das betriebswirtschaftlich vollkommen in Ordnung.“ „Das klären Sie dann bitte mit der Zentrale, ja?“

„Seien Sie doch nicht so negativ, wir haben noch jede Menge Möglichkeiten.“ „Als da wären?“ „Schienenersatzverkehr.“ „Wie meinen Sie das?“ „Man muss die Fahrgäste doch nicht unbedingt schienengebunden transportieren, wir können auf jede andere Verkehrslösung ausweichen.“ „Und was schwebt Ihnen da genau vor?“ „Taxi, Fahrrad…“ „Fahrrad?“ „Genau, Fahrrad. Das ist nicht nur eine sehr preiswerte Sache, die ist auch nachhaltig. Und gesund!“ „Toll.“ „Ja, nicht wahr?“ „Sie wollen also Leihräder an jedem Bahnhof aufstellen?“ „Wer hat denn das gesagt? Viel zu viel Aufwand, und dann bekommen Sie keins mehr, wenn alle weg sind, und außerdem vertraut man einem geliehenen Rad nicht so wie dem eigenen.“ „Und welche Räder nehmen wir dann?“ „Die Leute bringen halt ihres mit.“ „Die bringen ihre Räder mit und fahren dann von Flensburg bis zum Bodensee.“ „Wir können das ja erst mal im Regionalverkehr antesten. Vielleicht merken die Fahrgäste, dass ihnen ein Fahrrad nicht ausreicht, und dann wollen sie lieber ein Moped.“ „Ein Moped.“ „Motorrad ginge natürlich auch, aber da wird’s dann langsam kritisch.“ „Kritisch.“ „Die Schadstoffemissionen, Sie verstehen. Da sind wir mit dem Rad weiter vorne, und als Unternehmen Zukunft sind wir uns das einfach schuldig.“

„Die Leute kommen also mit dem eigenen Rad zum Bahnhof und fahren dann gleich weiter.“ „Ohne Umsteigen, das ist ein enormer Service – das bietet Ihnen kein Busbetreiber.“ „Toll.“ „Ja, nicht wahr? Wir haben hier ein Geschäftsmodell am Wickel, dagegen ist das autonom fliegende Taxi doch ein Witz.“ „Sie sehen mich begeistert.“ „Und wir können die Preismodelle flexibler gestalten. So genau wie mit dem Fahrrad kriegen Sie das mit dem Zug ja nie hin – die Bahnhöfe stehen halt da, aber Ihr Fahrziel ist wesentlich besser zu planen.“ „Das klingt ja nach einer Revolution. Warum ist mir das nicht eingefallen.“ „Ach, Sie sind schon seit ein paar Jahrzehnten im Geschäft. Vielleicht wird man da irgendwann betriebsblind?“

„Und wie wollen Sie das berechnen?“ „Nach angefangenen hundert Metern. Das wird sich doch technisch irgendwie machen lassen.“ „Das heißt, wir bezahlen unsere Fahrgäste?“ „Wieso denn? Die nutzen schließlich einen Service der Deutschen Bahn, dafür müssen sie auch ordentlich in die Tasche greifen. Man kann doch nicht einfach aufs Fahrrad steigen und so tun, als würde man Bahn fahren?“ „Aha, also eine lizenzrechtliche Sache. Das klingt ja spannend.“ „Toll, oder?“ „Toll. Da soll sich unsere Rechtsabteilung gleich mal schlau machen, wie wir das am besten verkaufen.“ „Eben, die wissen das viel besser als wir.“

„Und wo soll das Ihrer Ansicht nach hingehen?“ „Wir können den Service ausweiten, beispielsweise mit Heißgetränken während der Fahrt – also vorerst nur im Bahnhofsbereich, die Radler können unsere Gastronomiebetriebe ansteuern und bekommen einen preiswerten Kaffee to go.“ „Coffee to bike.“ „Ja, das klingt gut. Hätte von mir sein können.“ „Das unterschreibe ich sofort.“ „Ach, ich wusste es. Sie verstehen mich einfach.“ „Aber ich meine, wo soll das hin? Betriebswirtschaftlich? Und dann auch unternehmerisch?“ „Die Einnahmenseite kann man auf die Art natürlich enorm steigern.“ „Und dann?“ „Wie, und dann? Mehr Einnahmen, solides Geschäft, vielleicht kann man das als Lizenzmodell an andere nationale oder regionale Bahnbetreiber verkaufen.“ „Und mit dem Geld werden wir reich.“ „Ja, aber wir bilden auch Rücklagen.“ „Rücklagen? Wofür denn Rücklagen?“ „Für neue Wagen. Dann haben wir endlich wieder so viele Wagen, dass wir alle Fahrgäste mit der Eisenbahn transportieren können. Toll, oder?





Schwierigkeiten der Gedichtinterpretation

25 03 2018

Das lyrische ist nicht dasselbe Ich,
das ich in meinen kargen Räumen fand.
Als Dichter sieht man sicher allerhand,
was ich mit meinen Zuständen verglich.

Und wie mein so beschränktes Ich entwich,
hat es in der Beschränkung gleich erkannt:
was mich mit jenem Lyriker verband,
war brüchig und verzieht sich sicherlich.

So sitzen täglich Leute auf den Bänken,
um sich und ihren Dichtern nichts zu schenken,
um Dinge zu erfinden, die im Licht

von pädagogischen Versuchen hocken.
Soll man dem Dichter seinen Sinn entlocken:
wenn er das wollte, warum schrieb er’s nicht!?